BOOM: Spanien fordert: «Tourist go home!»

Die Touristen strömen immer zahlreicher an die Strände Spaniens, doch allmählich wird der Ansturm zur Belastung für das Land. Vielerorts regt sich Widerstand in der Bevölkerung, weil Platz und Ressourcen knapp werden.

Ralph Schulze, Madrid
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Demonstranten protestieren mit dem Slogan «Barcelona steht nicht zum Verkauf». (Bild: AFP/Keystone)

Demonstranten protestieren mit dem Slogan «Barcelona steht nicht zum Verkauf». (Bild: AFP/Keystone)

Ralph Schulze, Madrid

Das spanische Königreich sei ein touristischer Magnet, der immer mehr Menschen anziehe, freute sich dieser Tage der konservative Regierungschef Mariano Rajoy. «Spanien besucht man nicht nur, sondern nach Spanien will man immer wieder zurückkehren.» Und diese Spanien-Liebe, die von Rajoy beschworen wird, sorgt derzeit für immer neue Touristenrekorde. Aber auch für zunehmende Spannungen.

2017 wächst die Zahl der internationalen Urlauber schon wieder zweistellig, und zwar gegenüber dem Vorjahr um nahezu 12 Prozent. Wenn dieser spektakuläre Trend bis Dezember anhält, könnten – der offiziellen Schätzung zufolge – bis Ende Dezember 84 Millionen internationale Urlauber das spanische Sonnenreich besucht haben. Ein sagenhafter Boom, mit dem Spanien seine Stellung als europäische Tourismusmacht kräftig ausbaut. Und mit dem die Iberer es bald schaffen könnten, zum Konkurrenten Frankreich aufzuschliessen. Frankreich war bisher das meistbesuchte Land der Welt, sein Tourismus wächst aber nach den Terroranschlägen in Paris und Nizza nicht mehr wie früher.

An den Grenzen der Aufnahmefähigkeit

Spanien, das in den letzten Jahren vom Terror verschont blieb und deswegen derzeit als vergleichsweise friedliches Ziel gilt, platzt derweil aus allen Nähten. Hotels wie private Unterkünfte sind diesen Sommer ausgebucht. Daran hat auch der üppige Anstieg der Zimmer- und Apartmentpreise wenig geändert. Doch der Ansturm schafft zugleich immer mehr Probleme und sorgt für das Gefühl, dass Spaniens Aufnahmefähigkeit langsam an seine Grenzen stösst.

An den Stränden der touristischen Hochburgen an der Costa Brava, auf Mallorca und Teneriffa aalen sich jetzt so viele Sonnenanbeter, dass sie kaum den Arm ausstrecken können, ohne nicht den Nachbarn zu berühren. Liegestühle an den Pools und Stränden sind hart umkämpft und nur für Frühaufsteher zu haben; Hoteliers und Strandwächter klagen über «Handtuchkriege» zwischen den Feriengästen, um ein freies Plätzchen an der Sonne zu ergattern. Mancherorts demonstrieren Einheimische gegen den Massentourismus. Etwa in Palma de Mallorca, wo Bewohner klagten, dass sie sich «fremd in der eigenen Stadt» fühlen. Viele Mallorquiner fänden keine Mietwohnung mehr, weil alles an Urlauber vermietet wird. Die gnadenlose touristische Vermarktung führe zur Vertreibung der Einheimischen. Palma mit seiner berühmten historischen Altstadt verwandle sich in einen Vergnügungspark, sorgt sich die Bürgerbewegung «Ciutat per a qui l’habita» (Eine Stadt für die Bewohner).

«Die Urlaubsindustrie ist für die Zerstörung unser Insel verantwortlich», heisst es in einem Manifest, das von 15 mallorquinischen Bürgerinitiativen und Umweltgruppen veröffentlicht wurde. Sie wehren sich gegen die «Touristisierung Palmas», der grössten Stadt Mallorcas mit 400000 Einwohnern, die schon dem Kollaps nahe sei. Und sie kritisieren «die massive Bebauung der Küste», die Erschöpfung der Trinkwasservorräte und die wachsenden Müllberge.

«Der Mallorca-Tourist – ein Störenfried?», fragte die «Mallorca Zeitung» und berichtet über eine hitzige Expertendebatte im Inselradio, in welcher der örtliche Unternehmer Tolo Servera warnt: «Der Tourismus ist zu einem Problem geworden. Wenn hier nicht bald etwas geschieht, kommt es zu einem gewaltigen Knall.» Auch Ciro Krauthausen, Chefredakteur der «Mallorca Zeitung», sieht Anzeichen dafür, dass die Stimmung kippen könnte. Es gebe «kaum ein Gespräch mit Inselbewohnern, in dem nicht laut über den grossen Andrang gestöhnt wird», schrieb er.

Für die Wirtschaft ist der Andrang ein Segen

An Fassaden in etlichen spanischen Touristenhochburgen tauchten diesen Sommer erneut, wie schon im Vorjahr, urlauberfeindliche Parolen auf. «Tourist go home!» prangt etwa auf einigen Wänden in den Altstädten Barcelonas, Valencias und San Sebastians. In Palma de Mallorca, wo immer mehr Wohnraum in Ferienapartments verwandelt wird, steht an manchen Fassaden derweil «Stop Airbnb». Die Spannungen scheinen sich zu verschärfen. Den schon länger zu hörenden Protesten von Bürgerinitiativen verschaffte nun eine kleine linke Radikalengruppe mit aggressiven Aktionen neue Aufmerksamkeit: Mitglieder einer systemfeindlichen Jugendbewegung namens Arran stürmten jüngst ein vollbesetztes Restaurant am Hafen Palmas und riefen Parolen wie «Der Tourismus tötet Mallorca». In Barcelona, wo es nicht ­weniger brodelt, stoppten vermummte Extremisten derselben Gruppe einen Touristenbus und zerstachen dessen Reifen.

Doch auch die zunehmenden Berichte über eine wachsende Tourismus-Phobie in den Urlaubshochburgen konnten den Spanienboom bisher nicht bremsen: Trotz Brexit sind es vor allem die Briten, welche ins Land kommen und mit annähernd 25 Prozent der Auslandsgäste das grösste Urlauberheer in Spanien stellen. Gefolgt von den Deutschen, die mit etwa 15 Prozent das zweitstärkste Besucherkontingent stellen. An dritter Stelle liegen die Franzosen. Bemerkenswert ist dabei, dass jede dieser grossen Besuchernationen ein anderes Lieblingsziel auserkoren hat: Die britischen Urlauber beherrschen die Kanarischen Inseln, die Deutschen zieht es vor allem auf die Balearen mit Mallorca, und die Franzosen tummeln sich am liebsten auf der anderen Seite der Pyrenäengrenze an der Costa Brava und Costa Dorada.

Für Spaniens Konjunktur, die jahrelang unter einer grossen Immobilien- und Bankenkrise litt, ist dieser Andrang ein Segen: 2017 wird ein Wirtschaftswachstum von mehr als 3 Prozent erwartet. Dies sorgt für eine langsame Erholung des Landes, in dem Jobkrise, Einkommensverluste und Einschnitte bei staatlichen Leistungen viele Familien in Not brachten. Laut Eurostat waren 2016 rund 28 Prozent der spanischen Bevölkerung von Armut bedroht. Nun ist Besserung in Sicht: Die Urlaubermassen sorgen auf dem Jobmarkt, der vor vier Jahren mit einer Arbeitslosenquote von 26 Prozent völlig am Boden lag, für Beschäftigungschancen. Eine Belebung, die schon spürbar ist: Die spanische Arbeitslosenquote sank inzwischen auf 17 Prozent, was freilich immer noch sehr hoch ist und weit über dem EU-Schnitt liegt. Die meisten neuen Arbeitsplätze entstehen übrigens im Tourismussektor, weswegen spanische Medien davon sprechen, dass Spanien auf dem Weg sei, «ein Land der Kellner» zu werden.

Transparente mit der Aufschrift «Keine Ferienwohnungen» an Balkonen in Barcelona. (Bild: AFP/Keystone)

Transparente mit der Aufschrift «Keine Ferienwohnungen» an Balkonen in Barcelona. (Bild: AFP/Keystone)

Postkarten vor dem Hotel Schweizerhof an der Via Serlas in St. Moritz. (Bild: AFP/Keystone)

Postkarten vor dem Hotel Schweizerhof an der Via Serlas in St. Moritz. (Bild: AFP/Keystone)