BORDEAUX: «Kleine Geschenke» am Hof der Milliardärin

Der Prozess in der Bettencourt-Affäre, die Frankreich seit Jahren in Atem hält, hat begonnen. Ein Name fehlt unter den Angeklagten: Nicolas Sarkozy.

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L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt (92) muss am Prozess nicht teilnehmen. (Bild: AP/Thibault Camus)

L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt (92) muss am Prozess nicht teilnehmen. (Bild: AP/Thibault Camus)

Die Saga der Bettencourts, eine sehr reale Mischung aus Balzac-Roman und TV-Serie, bleibt bis zum Schluss dramatisch: Ein 64-jähriger Krankenpfleger versuchte sich am Vorabend des Prozessbeginns in einem Pariser Wald zu erhängen. Wie neun andere Angeklagte soll er die Schwäche der 92-jährigen L’Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt für finanzielle Vorteile ausgenützt haben.

Der Monsterprozess begann am gestrigen Morgen in Bordeaux trotz des Selbstmordversuchs. Der Krankenpfleger war nur eine Nebenfigur in der Affäre, die auf die französischen Präsidentschaftswahlen sowie mehrere Weltkonzerne einwirkt. Die zehn Angeklagten sollen der seit 2006 an Demenz leidenden Multimilliardärin über Jahre hinweg mehrere hundert Millionen Euro aus der Tasche gezogen haben. Vor Gericht stehen frühere Vermögensverwalter, Anwälte, Bedienstete und Bekannte der alten Dame.

Wahrheit oder Falschaussage?

Der prominenteste Angeklagte ist allerdings Eric Woerth, einst Kampagnenchef und Budgetminister des früheren und potenziell nächsten – Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy sowie einstiger Schatzmeister der konservativen Partei UMP. Woerth soll in oder direkt ausserhalb der Bettencourt-Villa im Pariser Nobelvorort Neuilly – wo Sarkozy Bürgermeister war – zwischen 50 000 und 150 000 Euro in bar erhalten haben. Und zwar für den Wahlkampf Sarkozys im Jahr 2007. Das behauptet Claire Thibout, die frühere Buchhalterin der L’Oréal-Erbin, die das Geld selber in einer Bankfiliale abgehoben haben will. Bettencourts Vermögensverwalter Patrice de Maistre habe das Geld Woerth später ausgehändigt.

Weil aber in dieser Affäre nichts einfach ist, wird gegen Thibout seit Ende 2014 wegen Falschaussage ermittelt. Ihr Anwalt räumt ein, sie habe ein paar Termindaten «verwechselt». Sie bekräftige aber ihre Kernaussage. Für sie sprechen könnte, dass Woerth später de Maistre die Ehrenlegion verlieh.

Mangel an Beweisen

Das Boulevardblatt «Le Parisien» fragte am Montag unumwunden: «Warum steht Nicolas Sarkozy nicht vor Gericht?» Die Antwort liegt zwei Jahre zurück: 2013 wurde das Verfahren gegen Sarkozy aus Mangel an Beweisen eingestellt. Das könnte auch Woerth retten. Sarkozy, der sich mit seiner Wiederwahl zum Chef der UMP unlängst in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017 gebracht hat, hätte damit einen gerichtliches Problem weniger.

Abgesehen von diesem sehr politischen Aspekt wirft der Prozess ein Schlaglicht auf die Sitten im gehobenen Tout-Paris. Auslöser der Affäre war 2007 ein Mutter-Tochter-Konflikt: Einzelkind Françoise warf Mutter Liliane vor, sie lasse sich von ihrem privaten Hofstaat regelrecht ausnehmen. Ein natürlich umstrittenes – Gericht stellte die teilweise «Demenz» der reichsten Französin fest – und entmündigte sie zu Gunsten ihrer Tochter. Die Bibelforscherin Françoise leitet damit den Familienanteil von 33,3 Prozent am Kosmetikkonzern L’Oréal (Umsatz 23 Milliarden Euro), der auch mit dem Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé in einem Aktionärspakt verbunden ist.

Auch der Gigolo hat profitiert

Liliane und Françoise haben sich mittlerweile versöhnt, doch die Staatsanwaltschaft ermittelte weiter wegen «Ausnützung der Schwäche». Sie fand heraus, dass der Gigolo der alten Dame, François-Marie Banier, Originalgemälde von Matisse und Kandinsky, Manuskripte von Rimbaud und Moliere, dazu Stilmöbel und Lebensversicherungen im Wert von 435 Millionen Euro von ihr erhalten hatte. Dieser Handwechsel sei Ausfluss eines «künstlerischen Austausches» gewesen, beteuert sein Anwalt, laut dem Barnier ein richtiger Schriftsteller und Fotograf sei, schiesse er doch «30 000 Bilder pro Jahr».

Barnier erschien in Bordeaux neben seinem Lebenspartner Martin d’Orgeval, der von Lilianes Geldsegen ebenfalls profitiert haben soll. Neben ihnen nahm Vermögensverwalter de Maistre Platz; laut der Tonbandaufnahme eines Butlers bat er die L’Oréal-Erbin einmal um ein «Geschenk» zwecks Kaufs seiner «Traumjacht». Angeklagt ist auch Stéphane Courbit, seines Zeichens Unternehmer und Sarkozy-Freund, der die Bettencourt-Milliardärin bei einem arrangierten Tete-a-tete zu einer Investition von 144 Millionen Euro in seiner Firma bewog. Inzwischen hat er das Geld zurückbezahlt, weshalb er jede Schädigung in Abrede stellt.

Seychellen statt Gerichtssaal

Gar nicht erst nach Bordeaux gekommen ist der Hausverwalter Carlos Vejerano. Er zog es vor, auf der paradiesischen Seychellen-Insel Arros zu bleiben, die auch den L’Oréal-Erben gehört. Liliane Bettencourt muss am Prozess nicht teilnehmen.

Stefan Brändle, Paris