Marathon-Anschlag
Boston - eine erschütterte, ausgestorbene Stadt

Stunden nach der letzten Explosion zittert die Stadt noch immer. Zerstört ist die Freude eines Tages, von dem man eigentlich erwarten konnte, dass er ein Tag unbekümmerten Feierns würde.

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Boston - eine erschütterte Stadt nach den zwei Bombenanschlägen

Boston - eine erschütterte Stadt nach den zwei Bombenanschlägen

Keystone

Dieselben lebendigen Strassen, die über Jahrzehnte von den Turnschuhen der Boston-Marathon-Läufer und der Feiernden abgewetzt wurden, liegen Montagnacht aufgerissen und tot da.

Sirenen zerschneiden die Stille, während Spezialeinheiten der Polizei und Krankenwagen hin- und hereilen zwischen der Ziellinie und den vielen Spitälern.

Mindestens drei Tote und über 100 - vielleicht auch mehr - Verletzte. Und diese Zahlen können nicht annähernd ausdrücken, wie tief es die in Erschöpfung, Schmerz und Furcht versunkene Stadt im Inneren getroffen hat.

Boston, Stadt der Wissenschaft

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen grundlegenden Strukturwandel: weg von der traditionellen Industrie wie Schiff- oder Maschinenbau, die das Wirtschaftsleben zuvor geprägt hatten, hin zu Biotechnologie und Hightech-Industrie. Die an der Massachusetts Bay am Atlantik gelegene Metropole ist auch ein Zentrum von Druckgewerbe und Verlagswesen.

Bostons Altstadt gehört zu den historisch bedeutsamsten Stadtzentren der Vereinigten Staaten. Zu den grössten Attraktionen zählt das 1713 erbaute Old State House, der ehemalige Sitz der britischen Kolonialregierung. Im Juli 1776 wurde auf dessen Balkon die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigen Staaten verlesen.

Verschärft hatte sich der Konflikt zwischen dem britischen Mutterland und den nordamerikanischen Kolonien unter anderem durch die legendäre Boston Tea Party im Dezember 1773. Als Indianer verkleidete Bürger vernichteten damals im Hafen von Boston eine Ladung Tee der britischen Ostindischen Kompanie, um gegen die Teesteuer zu protestieren.

Siedler hatten Boston 1630 gegründet. Durch Schiffbau und Handel entwickelte sich die Stadt bis Mitte des 18. Jahrhunderts zum Handelszentrum. Im 19. Jahrhundert wurde sie zum ersten grossen Finanz- und Industriezentrum der USA.

1897 entstand in Boston mit seinen heute rund 617'000 Einwohnern die erste Untergrundbahn der USA. Im nahen Cambridge liegen zwei der renommiertesten US-Universitäten: die Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology.

Noch mehr Tote befürchtet

«Es ist wirklich, wirklich hart für alle unsere Mitarbeiter, denn so etwas haben wir noch niemals gesehen», sagt Hana Dubski, Assistenzärztin am Brigham and Women's Hospital, wo sie und ihre Kollegen Verletzungen behandeln - von kleinen Verbrennungen bis zu Beinen, die von Granatsplittern so zerfetzt sind, dass sie amputiert werden müssen.

«Alles ging wirklich schnell, wir wurden unterrichtet, dass es zahlreiche Opfer gab, und sofort strömten Leute in die Notaufnahme», sagt Dubski. Sie spricht sozusagen klinisch und vermeidet grausame Details zugunsten der unbestreitbaren Fakten: Niemand ist auf solch eine Tragödie vorbereitet, und keiner weiss so recht, wie damit umzugehen ist.

"Boston Globe"-Fotograf John Tlumacki verfolgt gerade das Rennen, als die Bomben hochgehen. «Ich sah abgerissene Beine, abgerissene Füsse, Menschen auf Menschen getürmt», erzählt er CNN. «Ich fürchte, die Totenzahl wird grösser werden als die drei bisher.»

Tag des Schreckens

Einige Ecken von der Boylston Street entfernt, wo die Bomben den schönen Frühlingsnachmittag in einen Tag des Schreckens verwandeln, patrouillieren die SWAT-Spezialeinheiten der Polizei.

Ausserhalb des Boston Medical Center, eines anderen Spitals das sich um die Explosionsopfer kümmert, gehen zwei Polizeioffiziere in vollem Kampfdress und mit automatischen Gewehren vor dem Eingang zur Notaufnahme auf und ab.

Die Nationalgarde rückt in die Boylston Street ein, eine von Bostons Hauptverkehrsadern. Vier Stunden nach Beginn des Rennens, zu einem Zeitpunkt also, wenn gewöhnlich viele Läufer die Ziellinie erreichen, wird diese Zone von der Explosion heimgesucht. Die Anwesenheit der Soldaten ist doppelt bedeutungsschwer, da die Stadt nicht nur den Marathon feiert, sondern auch den "Patriots' Day", den Tag der Patrioten.

Stadt wie ausgestorben

Diesen Feiertag gibt es nur im Staat Massachusetts. Er erinnert an die Schlachten von Lexington und Concord, als 1775 die amerikanischen Revolutionäre zum ersten Mal die Waffen gegen die britische Kolonialmacht erhoben.

Bostons Schulen bleiben am "Patriots' Day" geschlossen, genau wie viele Geschäfte. Die Einwohner strömen zu den Aussichtspunkten entlang der 42 Kilometer langen Strecke, um die Läufer aus aller Welt zu sehen. Die Menschenmengen verschwinden am Montagabend, das übliche Feiern ist vergessen.

Quamel Burkmire, Wächter einer örtlichen Sicherheitsfirma, macht seine Runde durch mehrere Strassen in der Nähe des Brigham and Women's Hospitals, so wie immer. An jedem anderen Marathon-Montag hätte er eine ordentliche Menge Betrunkener oder Jubelnder erwartet. Aber nicht heute Nacht. "Leute kommen von überall her. Ich habe nicht viele Leute gesehen, es ist so tot", sagt er.

(sda)