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Brandenburg und der Wolf: Gewinnt die AfD mit der Wut der Bauern die Wahl?

Am Sonntag wählt das ostdeutsche Bundesland einen neuen Landtag. Die AfD könnte die stärkste Kraft werden. Ein zentrales Thema im Wahlkampf ist der Umgang mit dem Wolf.
Christoph Reichmuth aus Brandenburg
Der Wolf wird bei den Landtagswahlen zum Politikum. (Symbolbild: EPA)

Der Wolf wird bei den Landtagswahlen zum Politikum. (Symbolbild: EPA)

Hennickendorf, Landkreis Teltow-Fläming, knapp 50 Kilometer südlich von Berlin. Etwa fünf Dutzend Kühe und fast 40 Kälber weiden auf der riesigen Fläche von Landwirt Jürgen Frenzel. Der 67-Jährige trägt die Verantwortung für 10 Mitarbeiter. Der Brandenburger hat zu Beginn der 1990er Jahre eine in Liquidation befindliche landwirtschaftliche Genossenschaft der DDR übernommen und über die Jahre mit seinem Partner derart ausgebaut, dass vor wenigen Jahren ein Mastbetrieb im Nachbardorf hinzugekauft werden konnte.

Fast 1000 Tiere hält der Agrar-Betrieb, 500 Mastrinder und 200 Mutterkühe und etwa 150 Färsen. Frenzel war schon immer ein nachdenklicher Mensch. Wenn er abends ins Bett sinkt, drehen sich seine Gedanken seit Jahren um Betriebszahlen und Bilanzen. Vor ein paar Jahren ist eine Sorge hinzugekommen. Frenzel denkt nun beim Einschlafen öfter mal an den Wolf. Er fragt sich dann, ob die wilden Tiere gerade wieder Jagd auf seine Kälber und Rinder machen. Ob er am nächsten Tag übel zugerichtetes Vieh auf seiner Weide vorfinden wird. Frenzel sagt mit ruhiger Stimme: «Tiere, die sich der Wolf holt, gehen jämmerlich zugrunde.» Es klingt manchmal fast schon resigniert, wenn der einstige DDR-Lehrlingsmeister im Melken über die Wölfe spricht.

Merkel erklärt Wolf zur «Chefsache»

Etwa 400 bis 500 Wölfe sollen in den Wäldern Brandenburgs leben. Fast die Hälfte der gesamten Wolfspopulation Deutschlands ist nach Schätzungen demnach in dem ostdeutsche Bundesland heimisch geworden. Ihre Zahl steigt jährlich um bis zu zehn Prozent. Jahrelang war das bis heute wegen unzähliger Schauermärchen gefürchtete Raubtier in Deutschland mehr oder weniger ausgerottet, in der DDR wurden die Tiere konsequent geschossen. Doch seit 10 bis 15 Jahren finden immer mehr Wölfe den Weg von Polen in die Wälder Brandenburgs, Thüringens und Sachsens.

Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland offenbart einen Konflikt zwischen Mensch und Natur, zwischen Naturschützern und Landwirten. Frenzels Kollege Jens Schreinicke von der nahegelegenen Ortschaft Michendorf ist Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark. Wenn das CDU-Mitglied über den Wolf spricht, klingt das weniger bedacht als bei Frenzel. Dann droht Schreinicke auch mal die Contenance zu verlieren. «Hier gehören einfach einige Wolfsrudel abgeschossen», poltert er.

Jens Schreinecke ist Chef des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark. Er sagt: «Hier gehören einfach einige Wolfsrudel abgeschossen.» (Bild: Christoph Reichmuth)

Jens Schreinecke ist Chef des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark. Er sagt: «Hier gehören einfach einige Wolfsrudel abgeschossen.» (Bild: Christoph Reichmuth)

Der Wolf ist in Brandenburg längst zum Politikum geworden. Und zu einer Herausforderung für die Parteien. Denn niemand will sich mit Versprechen zu weit aus dem Fenster lehnen. Der Wolf geniesst in ganz Europa besonderen Schutz, die Bundesländer sind beim Umgang mit dem Wolf also auch auf Brüssel angewiesen. Im Mai hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Wolf zur Chefsache erklärt. Die Kanzlerin drängt auf eine rasche Lösung, nachdem sich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Streit um den Abschuss von Wölfen nicht einigen konnten.

Brandenburg ist einen Schritt weiter. Das Bundesland hat als erstes eine Wolfsverordnung vorgelegt. «Problemwölfe», die die Furcht vor Menschen verlieren und trotz Herdenschutzmassnahmen wiederholt die Tiere der Bauern erlegen, dürfen geschossen werden. Seit 2017 hat das Bundesland 1,6 Millionen Euro ausgegeben, um Landwirte davor zu schützen, dass deren Schafherden oder ihre Kälber von Wölfen gefressen werden. Denn elektrische Zäune und Herdenschutzhunde kosten Geld, für jedes vom Wolf erlegte Tier werden die Bauern finanziell entschädigt.

Die «grüne Gefahr»

Den meisten Viehzüchtern in Brandenburg geht das zu wenig weit. Sie wollen Präventivabschüsse, damit sich der Wolf nicht noch weiter ausbreitet. «Die Anzahl der Wölfe ist zu hoch», sagt Züchter Jürgen Frenzel. Und sein Kollege Jens Schreinicke fügt hinzu: «Es gibt Gebiete, in denen der Wolf nichts zu suchen hat. Die Politik muss sich auf Korridore für den Wolf verständigen. Verlässt er diesen Korridor, muss man ihn bejagen.»

Noch steht SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke einer rot-roten Landesregierung vor. Doch die Wahl am 1. September könnte in die Geschichte eingehen. Seit der Wiedervereinigung stellen die Sozialdemokraten ohne Unterbruch den Ministerpräsidenten in Brandenburg. Aktuelle Umfragen sehen aber die Alternative für Deutschland (AfD) als stärkste Kraft, CDU, Grüne, SPD und Linke sind etwa gleichstark in Lauerstellung.

Da sämtliche Parteien eine Koalition mit der AfD ausschliessen, braucht es die erstarkten Grünen für eine Regierung - in welcher Konstellation auch immer. Doch gerade die im Trend liegende Öko-Partei hat bei den Landwirten einen schweren Stand. Die Grünen gelten hier als die Fundi-Tierschützer, als Partei der Städter, die die Wiederansiedlung des Wolfes romantisieren. «Es gibt doch schon heute den grünen Mainstream, von dem alle Parteien befallen sind», schimpft der Chef des Kreisbauernverbandes Jens Schreinicke. «Die träumen ja von einem Leben, in dem der Wolf und die sieben Geisslein friedlich nebeneinander leben.»

Landwirt Jürgen Frenzel spricht von einer «grünen Gefahr» für die Landwirte. «Die Mutterkuh-Haltung lohnt sich wirtschaftlich wegen des Wolfes nicht mehr. Wenn die Politik den Wolf haben möchte, dann muss die Gesellschaft für den Schutz von Mensch und Tier auch bezahlen.» Beide betonen, das Gros der Bauern würde nicht die AfD wählen. «Die Bauern wählen CDU», sagt Frenzel. Warum? Er zuckt mit den Schultern: «Weil die Bauern hier seit der Wende die CDU wählen».

Landwirt Jürgen Frenzel führt in Brandenburg einen Agrarbetrieb mit fast 1000 Tieren. Er sagt: «Die Mutterkuh-Haltung lohnt sich wirtschaftlich wegen des Wolfes nicht mehr.» (Bild: Christoph Reichmuth)

Landwirt Jürgen Frenzel führt in Brandenburg einen Agrarbetrieb mit fast 1000 Tieren. Er sagt: «Die Mutterkuh-Haltung lohnt sich wirtschaftlich wegen des Wolfes nicht mehr.» (Bild: Christoph Reichmuth)

«Der Wolf ist ein Opportunist»

Zum Feindbild von Frenzel und Schreinicke taugt mit Sicherheit auch Christiane Schröder. Die Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Brandenburg empfängt zum Gespräch in ihrem Büro in der Landeshauptstadt Potsdam. Sie räumt ein: «Ich kann die Sorgen der Landwirte verstehen.» Schröder nimmt die Bauern aber auch in die Pflicht. «Der Wolf ist ein Opportunist: Das, was er sich am leichtesten holen kann, nimmt er sich. Rinder ohne Hörner und handzahme Schafe sind leichte Beute und sprechen für eine verfehlte Haltungspolitik.»

Schröder wehrt sich nicht gegen den Abschuss von Problemwölfen. «Wölfe, die die Mülleimer auf Schulhöfen inspizieren oder Herdenschutzmassnahmen überwinden, dürfen entnommen werden. Aber», fügt sie hinzu: «Der Wolf hat die Berechtigung, hier zu leben. Er ist Teil des Öko-Systems.» Von Präventiv-Abschüssen oder einer «Obergrenze» für Wölfe hält die Biologin nichts. Idealer wäre es, die Landwirte finanziell besser zu unterstützen. Statt die Anschaffung eines Herdenschutzhundes mit 4000 Euro zu fördern, solle der Staat den Unterhalt des Hundes subventionieren.

Schröder hält den Wolf nicht für eine Gefahr für die Menschen. Ihre drei Kinder lässt sie mit gutem Gewissen im Wald spielen. «Vor Wildscheinen habe ich wesentlich mehr Angst», sagt Schröder. Sie glaubt nicht, dass die Wolfs-Thematik der AfD viele Stimmen besorgter Bauern einbringen wird. «Die AfD ist im Dilemma: Einerseits ruft sie zum Schutz der Heimat auf und beschimpft zugleich die Grünen, die sich genau für den Schutz der Landschaft einsetzen.» Sorgen bereitet Schröder, dass mit dem Wolf Politik gemacht wird: «Die sachliche Debatte bleibt dabei auf der Strecke. Mit dem Wolf lässt sich gut Stimmung machen.»

Die Wahlen am 1. September seien wichtig, sagt Landwirt Frenzel. Doch an der Wolfs-Problematik wird sich nicht viel ändern, ist er überzeugt. Jährlich 30'000 Euro fehlen ihm in der Kasse durch Wolfsschäden, rechnet er vor. Gefressene Kälber, getötete Rinder, elektrische Umzäunung, Herdenschutzhund - das alles kostet einen Haufen Geld, klagt Frenzel. Längst nicht für alles kommt der Staat auf. Sollten die Grünen in nächster Zeit gar das Kanzleramt erobern, schwant dem dreifachen Familienvater Böses. Was ihm denn mehr Sorgen bereitet: die Wölfe oder die Grünen? Frenzel denkt nach, sagt nach einer Weile mit einem Schmunzeln: «Je nach dem, welches der beiden Probleme man schneller in den Griff bekommt.»

Schwere Zeiten für Bauer Frenzel. Während sich die Wölfe in den Wäldern Brandenburgs munter vermehren, könnten die Grünen nach aktuellem Trend bald schon den Bundeskanzler stellen.

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