Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

BRASILIEN: Temer klammert sich an die Macht

Präsident Michel Temer ist wegen Korruption angeklagt worden. Einen Rücktritt schliesst der umtriebige Staatschef aber aus – obwohl er denkbar unbeliebt ist.
Brasiliens Präsident Michel Temer will nicht zurücktreten. (Archivbild: Joedson Alves/Keystone)

Brasiliens Präsident Michel Temer will nicht zurücktreten. (Archivbild: Joedson Alves/Keystone)

Brasiliens Staatschef Michel Temer gerät wegen Korruptionsvorwürfen immer stärker in Bedrängnis. Generalstaatsanwalt Rodrigo Janot hat am Montag eine Anklage gegen den Präsidenten vor dem Obersten Gerichtshof des Landes eingereicht.

Temer wird vorgeworfen, 500000 Real Schweigegeld (umgerechnet 144 600 Franken) vom Chef eines Fleischkonzerns angenommen zu haben. Zudem wird ihm Behinderung der Justiz angelastet. Der Generalstaatsanwalt sagte, Temer habe «das brasilianische Volk hintergangen».

Temer weigert sich bisher zurückzutreten, weil dies aus seiner Sicht einem Schuldeingeständnis gleichkäme. Dabei befinden sich seine Umfragewerte schon länger im Keller. Über drei Viertel der Brasilianer lehnen ihn und seine Sparprogramme ab. Seine Amtsvorgängerin Dilma Rousseff, die er aus dem Amt gekungelt hatte, nennt ihn einen «Usurpator». Der 76-Jährige war seit 2001 Chef der Partei der Demokratischen Bewegung (PMDB). Kompromisse schmieden ist seine Stärke, deswegen holte ihn Rousseff einst als ihren Vizepräsidenten ins Boot. Er sollte die Koalition auf Linie halten, wurde dann aber vom wichtigsten Alliierten der Regierung zum «Kapitän der Verschwörung». Innerhalb weniger Monate katapultierte ihn die Staatskrise aus dem Hinterzimmer ins Rampenlicht.

Unternehmer und Börse freuten sich über den marktfreundlichen Staatschef. Der jüngste Sohn einer kinderreichen Familie libanesischer Einwanderer setzte seine Ankündigungen zielstrebig um: höheres Rentenalter, Einschnitte beim Arbeitsrecht, Kürzung der staatlichen Investitionen. Gleichzeitig beschnitt er auf Druck der Agrar- und Holzlobby die Kompetenzen der Umweltbehörde und privatisierte Flughäfen, Banken, Energieversorgung sowie Erdölvorkommen.

Temer stieg relativ spät in die Politik ein. Während der Militärdiktatur war er als Anwalt und Rechtsprofessor tätig. 1982 akzeptierte er die Ernennung zum Bildungsminister und danach zum Generalstaatsanwalt von São Paulo. Anschliessend übernahm er das Sicherheitsministerium, dessen Schaffung er angeregt hatte, dann zog er in den Kongress ein.

Der katholisch-konservative Politiker stach nie besonders hervor, kaufte aber in Hinterzimmerverhandlungen Stimmen. Temer sei sehr organisiert und könne gut delegieren, sagen enge Mitarbeiter über ihn. Öffentlich tat sich der Hobbydichter vor allem mit harter Sicherheitspolitik hervor, während er gegen progressive Vorhaben wie eine Landesreform oder die Absenkung des Wahlalters stimmte.

Temer ist Vater von sechs Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen und derzeit in dritter Ehe mit einem 33-jährigen Model verheiratet. Marcela, die sich den Namen ihres Liebsten eintätowieren liess, ist einen Kopf grösser und hübsch, aber politisch nicht gerade hilfreich. Sie sei glücklich als «schöne Hausfrau im Hintergrund», diktierte sie dem Magazin «Veja» – und provozierte damit eine Spottkampagne sämtlicher Feministinnen im Land.

Sandra Weiss, Puebla

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.