Brasiliens Gedächtnis in Schutt und Asche

Nach dem Grossbrand im Nationalmuseum in Rio de Janeiro haben zahlreiche Menschen gegen den mangelhaften Brandschutz in dem Gebäude protestiert. Studenten wollen währenddessen die Sammlung virtuell wieder aufleben lassen.

Sandra Weiss, Puebla
Drucken
Teilen
Das verbrannte brasilianische Nationalmuseum. (Bild: Buda Mendes/Getty; Rio de Janeiro, 3. September 2018)

Das verbrannte brasilianische Nationalmuseum. (Bild: Buda Mendes/Getty; Rio de Janeiro, 3. September 2018)

Eine ägyptische Mumie, ein Meteorit, der 12500 Jahre alte Schädel der brasilianischen Urmutter «Luzia», eine der komplettesten Sammlungen von Flugsauriern weltweit und Hunderte Artefakte der indigenen Ureinwohner. All das wurde im sechs Stunden andauernden Feuerinferno am Sonntag im Nationalmuseum von Rio de Janeiro vernichtet. «Das mag euch in New York, Paris oder London nicht so wichtig anmuten, wo ihr Dutzende solcher Museen habt», twitterte danach der Brasilianer Filipe Campante. «Aber in Brasilien war dieses Museum einzigartig. Für uns ist das ein persönlicher Verlust.» Das Museum war die älteste wissenschaftliche Einrichtung Brasiliens und wurde noch während der portugiesischen Kolonialzeit im Jahr 1818 von König Joao VI. gegründet im einstigen Königspalast der Familie. Seit 1946 oblag sein Erhalt der staatlichen Universität (UFRJ).

Im «Land der Zukunft», wie Stefan Zweig über seine Wahlheimat schrieb, gibt es ein hochmodernes, viel gelobtes und vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfenes Zukunftsmuseum, aber die Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit sind keine nationale Obsession – das Nationalmuseum war eine der wenigen Oasen hierfür. «Ich kam zu einer Veranstaltung ins Zukunftsmuseum», schrieb am Tag nach dem Unglück die brasilianische Kolumnistin Eliane Brum. «Und dann entdeckte ich, dass ich keine Vergangenheit mehr hatte. Vor meinen Augen ging sie in Flammen auf. 20 Millionen Sammlerstücke, die versuchten meinem Land eine Identität und eine Metapher zu geben, verbrannten.»

Hydranten hatten kein Wasser

Hunderte trauender Cariocas, wie die Einwohner Rios heissen, versammelten sich am Montag am Unglücksort und bildeten eine Menschenkette aus Protest gegen die Behörden, die im Zuge des Sparprogramms und der Finanzkrise des Bundesstaates Rio de Janeiro die Unterhaltskosten für das Museum um die Hälfte gestrichen hatten. Rund ein Drittel der Ausstellungsräume war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Schon vor Jahren warnten Experten, die freiliegenden Kabel und die schlecht isolierte Strominstallation seien eine Zeitbombe. Passiert ist nichts. Erschwert wurden die Löscharbeiten dadurch, dass die Hydranten kein Wasser hatten und die Feuerwehr per Zisternenwagen die Flüssigkeit über mehrere Kilometer ankarren musste und sogar versuchte, einen nahe gelegenen See anzuzapfen. Dutzende von Passanten, die gekommen waren, um Ausstellungsstücke aus dem Flammeninferno zu retten, mussten in Schach gehalten werden. Die Ursache für den Brand, der nach Schliessung des Museums ausgebrochen war, war bis gestern unklar.

Die Mehrzahl der Ausstellungsstücke gilt als unwiederbringlich verloren. Von einer «Katastrophe», sprach der stellvertretende Museumsdirektor Luiz Fernando Dias. «200 Jahre Erinnerung, Wissenschaft, Kultur und Bildung sind verloren wegen fehlender Unterstützung und mangelnden Bewusstseins unserer Politiker.» Zur 200-Jahr-Feier im Juni war kein einziger Minister gekommen.

Die Museumsdirektion hatte zwar noch versucht, mit Crowd­funding die Kassen zu füllen und mit der staatlichen Entwicklungsbank einen Kredit auszuhandeln, um die nötigen Präventionsmassnahmen zu finanzieren – doch das Feuer war schneller als die Funktionäre. «Ich hoffe, die künftigen Generationen vergeben uns», sagte Washington Fajardo, der Präsident der Kommunalen Kulturbehörde. «Wir sind eine Nation ohne Gedächtnis, wir wissen nicht, woher wir kommen. Alles, was unsere Jugend inspirieren und anleiten sollte, ist nun Asche.»

Interimspräsident Michel Temer bedauerte die Tragödie und sprach von einem traurigen Tag für Brasilien. Es war nicht der erste Brand in brasilianischen Museen. 2016 gingen in São Paolo das Museum der Portugiesischen Sprache und das staatliche Filmarchiv in Flammen auf. Nun starteten Studenten im Internet den Vorschlag, das Museum zumindest virtuell wieder aufleben zu lassen. Alle, die jemals das Museum besucht und dort Fotos von Ausstellungsgegenständen gemacht hätten, sollten ihre Bilder per Mail einsenden, warben sie auf Twitter. Es ist allerdings nur ein Tropfen auf den heissen Stein: Lediglich 1 Prozent der Fundstücke des Museums war dem Publikum zugänglich.