Corona-Impfung
Braucht Europa Putins Piks? Angela Merkel griff schon mal zum Telefonhörer

Der Ruf nach dem russischen Impfstoff «Sputnik V» wird lauter. Diverse Länder haben genug vom Zögern der EU.

Samuel Schumacher
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Wladimir Putin liess sich am 23. März impfen - angeblich. Fotos vom Putin-Piks gibts keine. Dafür neue Bilder von seinen Frühlingsferien in Sibirien.

Wladimir Putin liess sich am 23. März impfen - angeblich. Fotos vom Putin-Piks gibts keine. Dafür neue Bilder von seinen Frühlingsferien in Sibirien.

Bild: AP

Lange fürchtete sich der Westen vor dem langem Arm Moskaus. Doch jetzt ertönt der Ruf nach den Kanülen des Kreml von Tag zu Tag lauter. Ob das «V» im russischen Lebenselixier «Sputnik V» dabei für «vaccine» (Impfung) oder «victory» (Sieg) steht, kann man sich aussuchen. Ursprünglich hiess das Präparat aus dem Labor des staatlichen Gamaleja-Instituts schlicht «Gam-Covid-Vac». Den klingenden Namen verpassten die Russen dem Mittel erst, als sie seinen geopolitischen Nutzen entdeckt hatten.

Als das Vakzin im August 2020 in Russland als weltweit erster Coronaimpfstoff zugelassen wurde, war die Skepsis im Rest der Welt noch riesig. «Sputnik V» hatte die üblichen Testverfahren für Impfstoffe noch nicht überstanden. Und die angebliche Wirksamkeit von 92 Prozent tönte anfänglich eher nach einem russischen Märchen denn nach einer realistischen Messung.

Doch der Impfstoff entpuppte sich auf dem Weltmarkt als wahrer Verkaufsschlager. In 59 Ländern kommt «Sputnik V» inzwischen zum Einsatz, darunter auch in den beiden EU-Staaten Slowakei und Ungarn, die den Zulassungsentscheid der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) nicht abwarten wollten. Die EMA hat ihre Überprüfung des russischen Impfstoffs Anfang März aufgenommen, die Schweizer Kontrollbehörde Swissmedic hat noch keinen Zulassungsantrag erhalten. Währenddessen werden die russischen Dosen eiligst in Länder wie Argentinien, den Iran, Serbien, Nepal und sogar Brasilien verschickt.

Selbst im verfeindeten Amerika hat «Sputnik V» prominente Promotoren. Den Hollywood-Filmemacher Oliver Stone, zum Beispiel, der sich im Dezember in Moskau impfen liess. Vergangene Woche soll es ihm Wladimir Putin gleichgetan haben, obwohl es vom Piks in den Arm des nicht eben kamerascheuen Staatschefs keine Fotos gibt.

Österreich prescht vor, Brüssel bremst aus

Eine neue Aufmerksamkeitswelle für das russische Vakzin löste diese Woche der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz aus. Kurz, schon immer eher der hollywoodeske Stuntman denn der vorsichtige Beamte, sagte am Mittwoch, Österreich werde eine Million «Sputnik V»-Dosen einkaufen. «Eine Bestellung von Sputnik V kann wahrscheinlich schon nächste Woche erfolgen», verkündete der 34-jährige Regierungschef der Alpenrepublik.

Global begehrt: Russland liefert seinen Coronaimpfstoff «Sputnik V» inzwischen in 59 Länder.

Global begehrt: Russland liefert seinen Coronaimpfstoff «Sputnik V» inzwischen in 59 Länder.

Bild: Bloomberg

Einen «schnellen Entscheid über die Zulassung von Sputnik V» wünscht sich auch der bayerische Regierungschef und Fast-Kanzlerkandidat Markus Söder. In seinem Bundesland, genauer im Städtchen Illertissen, möchten die Russen den Impfstoff in Zukunft gerne produzieren lassen. Produktionsvereinbarungen gibt es zudem auch mit Frankreich, Spanien und Italien.

Sagt, er hoffe auf einen «schnellen Entscheid über die Zulassung von Sputnik V»: Bayerns Regierungschef Markus Söder.

Sagt, er hoffe auf einen «schnellen Entscheid über die Zulassung von Sputnik V»: Bayerns Regierungschef Markus Söder.

Bild: AP

Russischer Wirkstoff «made in Europe», ein Schulterschluss zwischen Ost und West im Kampf gegen den gemeinsamen Virenfeind: Das wäre ein Super-Coup für Moskau. Das Telefonat zwischen Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Putin diese Woche deutet darauf hin, dass der Durchbruch kurz bevorsteht. Die Zulassung in Europa bedeutete für Russland nicht nur einen finanziellen Segen, sondern auch einen ideologischen. Moskau ist es noch so recht, wenn die halbe Welt über die Immunisierung gefährlicher Viren statt über die «Immunisierung» von Kreml-Kritikern spricht.

Einen aber beeindruckt der ganze Hype gar nicht: Thierry Breton, Chef der EU-Impfstoff-Taskforce. Er sagte: «Wir haben absolut keinen Bedarf an Sputnik V.» Bis im Juli habe Europa die Herdenimmunität erreicht – auch ohne russische Hilfe.

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