BRAUGEWERBE: Prost Palästina!

In der letzten christlichen Gemeinde des Westjordanlandes braut ein palästinensischer Christ Bier nach deutschem Reinheitsgebot. Nadim Khoury versteht sich als Botschafter Palästinas – und hofft auf einen palästinensischen Staat.

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Seit 2005 findet in Taybeh ein Oktoberfest statt. (Bild: EPA/Atef Safadi (Taybeh, 2. Oktober 2010))

Seit 2005 findet in Taybeh ein Oktoberfest statt. (Bild: EPA/Atef Safadi (Taybeh, 2. Oktober 2010))

Am Anfang der Führung zeigt Nadim Khoury ein durchgesägtes Bierfass. Der Bierbrauer erzählt, wie er das Fass während der zweiten Intifada an einem Checkpoint aufsägen musste, um den israelischen Soldaten zu beweisen, dass er Bier und keine Bomben transportierte. «Welcome to Pales­tine!» Khoury geht weiter. Hier die edelstählernen Braukessel aus Deutschland, da die Etiketten auf Arabisch, Hebräisch und Englisch. «Wissen Sie, was ‹taybeh› heisst? Es ist Arabisch und bedeutet ‹lecker›», sagt Khoury stolz.

Produziert wird in einer unscheinbaren Lagerhalle am Dorfrand von Taybeh. Der 2000-Seelen-Ort, 10 Kilometer von Ramallah entfernt, präsentiert sich auf den ersten Blick wie ein typisch palästinensisches Bergdorf, wären da nicht die drei Kirchtürme. Taybeh ist die letzte christ­liche Gemeinde im Westjordanland. Jesus soll hier auf dem Weg nach Jericho eine Pause eingelegt haben. Khoury kommentiert halb im Scherz, halb im Ernst: «Jesus hat diesen Ort vor 2000 Jahren berühmt gemacht. Ich mache ihn heute berühmt.» Ein Mann der kleinen Worte ist der Bierbrauer nicht. Der 57-jährige Palästinenser mit dem kleinen Bierbauch weiss um das Alleinstellungsmerkmal seiner Brauerei: Sie ist die einzige im Westjordanland.

Die Geschichte der Taybeh Brewing Company begann mit dem historischen Händedruck zwischen dem damaligen Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jassir Arafat, und dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin. Das Oslo-Abkommen von 1993 nährte die Hoffnung vieler Palästinenser auf einen eigenen Staat. Nadim Khoury studierte damals in Boston und erlernte im dortigen Studentenwohnheim das Brauhandwerk. Inspiriert von Oslo und der Überzeugung, seinen Teil für eine Zukunft Palästinas beizutragen, kehrte er in die Heimat zurück und gründete die Brauerei mit dem Slogan «The Finest in the Middle East». Das erste Bier schenkte er 1995 aus. 22 Jahre später hofft Khoury noch immer auf ein unabhängiges Palästina. «Wir haben zwar kein Land», sagt er, «aber wir haben ein eigenes Bier.»

Oktoberfest im Westjordanland

Khoury braut nach deutschem Reinheitsgebot. Die Gerste bezieht er aus Bayern, Hopfen und Malz aus Tschechien. 600000 Liter produziert er jährlich, die Hälfte davon verkauft er im Westjordanland. Ein Drittel geht nach Israel. Den Rest exportiert die Brauerei nach Japan und Europa. Seit 2005 richten die Khourys eine Nahost-Variante des Münchner Oktoberfestes aus. Die «Westbank-Wiesn» soll Palästinenser, Israelis und Touristen zusammenbringen. Dieses Vorhaben klappt nicht immer. 2014 musste das Fest wegen des Gazakriegs abgesagt werden. Während Nadim Khoury an der Abfüllstation vorbeiführt, kontrolliert eine junge Frau die Kisten, die am nächsten Tag per Lastwagen zum Hafen von Haifa gebracht werden sollen. Madees Khoury, die Tochter des Brauereichefs, hat wie ihr Vater in Boston studiert. Nach ihrem Diplom ist sie als Juniorchefin in die Brauerei eingestiegen.

«Manchmal ist es anstrengend», sagt die 31-Jährige. Etwa dann, wenn sich Männer weigerten, mit ihr zu verhandeln, weil sie eine Frau ist. Khoury hat einen amerikanischen Pass. Dennoch hat sie sich bewusst für dieses Leben entschieden. «Ich möchte ein Vorbild sein», sagt sie. Zu viele junge Menschen gingen von hier weg, weil sie sich anderswo eine bessere Zukunft versprächen. «Dabei wäre es wichtig, dass die gut ausgebildeten Jungen ihr Wissen in Palästina investieren.»

Geduld und Entschlossenheit brauche es, um im Westjordanland eine Firma zu führen, sagt ihr Vater Nadim Khoury. «Das Unternehmerleben ist frustrierend.» Für den Transport von Taybeh nach Haifa – eine Fahrt, die normalerweise zwei Stunden dauert – benötigen Khourys Fahrer einen Tag. Am Checkpoint wird in aufwendigen Sicherheitskontrollen jedes Fass einzeln kontrolliert.

Auch der Status der Khourys als christliche Minderheit sei problematisch. «Wir sind umgeben von 16 muslimischen Dörfern, in denen kein Alkohol getrunken werden darf.» Doch Khoury hat ein Schlupfloch gefunden, das es ihm ermöglicht, sein Produkt trotzdem in den Palästinenser­gebieten zu verkaufen. Mit einem verschmitzten Lächeln hält er eine Flasche alkoholfreies Bier in die Luft: «Damit machen wir alle glücklich.»

 

Janique Weder, Taybeh