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Britische Politiker stehen zusammen

London Theresa May verkörpert die Autorität ihres Amtes, als sie gestern um kurz nach 11 Uhr auf die Downing Street vor ihrem Amtssitz tritt. May spricht von den «schrecklichen Ereignissen in Manchester», verurteilt die «kaltschnäuzige Terror-Attacke», die mit kaltem Kalkül ausgerechnet auf junge Leute abgezielt habe. Ehe sie selbst in die nordenglische Stadt aufbricht, beschwört die Regierungschefin die Widerstandsfähigkeit der Briten: «Unser Lebensstil wird sich durchsetzen.» Bereits am frühen Morgen hatte sich die konservative Parteichefin mit Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn abgesprochen: Der Wahlkampf für die Unterhauswahl vom 8. Juni wird bis auf Weiteres unterbrochen, womöglich bis zum Wochenende. In so einer Situation müsse man zusammenstehen, sagt Corbyn kurz nach Mays Erklärung: «Wir verurteilen den Anschlag auf das Schärfste und unterstützen Polizei, Sicherheitskräfte und Personal im Gesundheitswesen.»

Die Bombe von Manchester hat den Wahlkampf in einem ungewöhnlich spannenden Moment unterbrochen. Die Schlagzeilen der Tageszeitungen spiegeln dies wieder: Während in den Nachtausgaben der meisten Blätter die schreckliche Bluttat die Titelseite dominiert, standen die früheren Ausgaben ganz im Zeichen eines Wortes: Kehrtwende. So bezeichnen selbst konservative Blätter, was die Premierministerin am Montag als «Verdeutlichung» ihres Wahlprogramms verstanden wissen will. Vier Tage zuvor hatte sie eine neue Strategie vorgestellt, wie das Land der galoppierenden Kosten für die Pflege der alternden Bevölkerung Herr werden könne.

Torys rutschen in Umfragen ab

Pflegebedürftige sollen zukünftig, anders als bisher, auch den Wert ihrer Häuser in die Einkommensgrenze von 100000 Pfund einbringen, unterhalb derer der Staat alle Kosten übernimmt. Dies würde für viele zukünftige Erben harte Einschnitte bedeuten, da drei Viertel der Briten in den eigenen vier Wänden leben und der Wert ihrer Immobilien in den vergangenen beiden Jahrzehnten um mehrere hundert Prozent gestiegen ist. Opposition, aber auch traditionell Tory-nahe Zeitungen sprechen von einer «Demenzsteuer», die Torys rutschten in den Umfragen binnen weniger Tage um mehrere Prozentpunkte ab. Der Pflegevorschlag komme bei den Wählern an «wie ein Haufen Hundedreck», berichtet ein Kabinettsmitglied aus Gesprächen in seinem Wahlkreis. In TV-Interviews wirkt die Premierministerin unsicher und angeschlagen. Dabei hat sie doch Werbung gemacht mit dem Slogan von ihrer «starken und stabilen Führung», hat den Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn persönlich als «schwach» angegriffen und immer wieder auf dessen Sympathien für die mittlerweile aufgelöste irische Terrortruppe IRA hingewiesen.

Die Zeitung, die diesem Thema besonders begeistert nachging, steht gestern Morgen besonders dumm da. «Blut an seinen Händen» lautet die Titel-Schlagzeile in Rupert Murdochs «The Sun» neben einem Foto von Corbyn. Gemeint ist natürlich nicht Manchester – es geht um die angebliche Ermutigung, die der Labour vor einem Vierteljahrhundert den irisch-republikanischen Terroristen zuteil werden liess. Plötzlich geht es um eine ganz andere, die islamistische Spielart des Terrorismus. Auch sie ist den Briten seit mehr als zehn Jahren wohl bekannt. Instinktiv legen viele Politiker einen Arm um die mehr als drei Millionen Muslime des Landes. Der Attentäter habe versucht, die Gesellschaft zu spalten, sagt Manchesters frisch gewählter Bürgermeister Andrew Burnham (Labour): «Stattdessen haben viele Menschen ihre Hilfsbereitschaft bewiesen. Das war die bestmögliche Reaktion – der Geist einer grossartigen Stadt.»

Wie man auf Zerstörungswut von Terroristen reagiert, hat die nordenglische Metropole bereits einmal eindrucksvoll bewiesen. 1996 zerstörte eine riesige IRA-Bombe das Einkaufszentrum Arndale im Herzen von Manchester. Dessen rascher Wiederaufbau symbolisierte seit der Jahrhundertwende die Renaissance von Manchester. Auch diesmal werde es darum gehen, sagt die örtliche Labour-Abgeordnete Lucy Powell, «die Wut, die wir alle empfinden, umzuwandeln in etwas Positives».

Sebastian Borger, Manchester

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