Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Britische Pub-Tradition kämpft um ihre Zukunft

Ausgerechnet in seiner Heimat verliert das gute alte «Public House», kurz Pub, an Marktanteilen und sozialem Stellenwert. Einer der Gründe dafür: Die gesunkene Bierfreude bei jüngeren Bevölkerungsschichten.
Gabriel Felder, London
Ein traditionelles Pub an der Kensington Church Road in London (Bild: Ben Cawthra (26. Juli 2013)

Ein traditionelles Pub an der Kensington Church Road in London (Bild: Ben Cawthra (26. Juli 2013)

Rund 6 Millionen Britinnen und Briten schalten sich jeden Abend in die turbulente Welt der TV-Serie «East Enders» ein. Im Mittelpunkt der halbstündigen Soap steht das Queen-Victoria-Pub: Sämtliche Geschichtsstränge laufen beim Zapfhahn hinter der dunkelbraunen Eichenholztheke zusammen. Die Serie, welche nach BBC-Aussagen «das Alltagsleben in Grossbritannien mit all seinen Facetten einfangen» will, muss sich allerdings schon bald ein neues Symbol für sozialen Zusammenhalt einfallen lassen: Seit Anfang 2018 fiel die Zahl der Pubs landesweit um 476, wie die Kampagne für echtes Bier Camra in einer grossangelegten Studie ermittelte.

Vergleicht man die Tendenz über ein ganzes Jahrhundert, wird der Trend noch klarer: Während im Jahr 1905 fast 100000 Pubs die lokale Wirtschaft bereicherten, waren es 2006 weniger als die Hälfte, 48000. «Höhere Steuern und Leute, die sich lieber zu Hause einen Drink aus dem Supermarkt gönnen» werden von der Camra-Präsidentin Jackie Parker als Hauptgründe für den Rückgang angeführt: «Es braucht eine fundamentale Veränderung, falls Pubs überleben und zukünftigen Generationen offenstehen sollen.»

Biersteuer schenkt ein

Die britische Pub-Szene unterteilt sich in zwei Anbieter: die nationalen Ketten und «Pub Landlords», Privatunternehmer, die sich in eine Lokalität einmieten und den Betrieb eigenständig schmeissen. Die Mieten, die beide Parteien jährlich abliefern müssen, haben sich im letzten Jahrzehnt dramatisch nach oben verlagert, was nur von den grossen Ketten einigermassen absorbiert werden kann.

Ausserdem kündigte der ­britische Finanzminister Philip Hammond kürzlich an, dass die sogenannte Biersteuer der Inflation angepasst werden soll und damit im Herbst um fast 4 Prozent ansteigt. Der Durchschnittspreis eines Pints bewegt sich ­damit auf die psychologisch kritische Grenze einer 5-Pfund-Note zu, umgerechnet 6.30 Schweizer Franken. Das ehemalige Supermodel Jodie Kidd führt ein Pub, das kaum einen Steinwurf vom britischen Parlamentsgebäude entfernt liegt. Sie beschreibt ihr Red Lion Pub als «Sozialzentrum» und schäumt beim Gedanken, dass Biertrinkerinnen und -trinker künftig tiefer in die ­Tasche greifen müssen: «Pubs bringen Gemeinschaften zusammen, und diese Rolle war noch nie so wichtig wie in diesen unsicheren Zeiten,» beschreibt sie ihren Widerstand gegen die politischen Kräfte, «die uns Kleinunternehmer mit immer höheren Gebühren bestrafen wollen». Pubs steuern umgerechnet gegen 30 Milliarden Franken im Jahr zur britischen Wirtschaft bei.

«Abstinenz ist in»

Die grosse Ernüchterung, die sich derzeit in der britischen Pub-Landschaft ausbreitet, geht auch auf tiefgehende Veränderungen im Konsumverhalten auf der Insel zurück. Die Lust auf Alkohol hat sich laut neusten Umfragen und seit 2004 um ganze 18 Prozentpunkte pro Kopf verringert. Vor allem jüngere Konsumenten greifen lieber auf Alternativen zurück, die ein gesünderes Image mit sich bringen, wie zum Beispiel kohlensäurehaltige Fruchtgetränke. «Abstinenz ist in», posaunt eine Schlagzeile in der Branchenzeitschrift «The Grocer». Die dazugehörende Umfrage zeigt auf, dass ganze 19 Prozent der sogenannten Millennials-Zielgruppe gänzlich auf Alkohol verzichten. Zwei Drittel betrachten Schnaps als «unwichtig», wenn es um Ausgang und Unterhaltung geht.

Prominente kämpfen um ihr Pub

In diesem Zusammenhang von einer gesellschaftlichen Revolution zu sprechen scheint angemessen: Immerhin war es das Trinkverhalten in England, das zur Jahrhundertwende den Begriff «binge drinking» hervorbrachte: saufen bis zum Umfallen. Jetzt wird das Standvermögen der Pub-Tradition getestet.

Keine Zweifel gibt’s hingegen im Nord-Londoner Quartier von Kentish Town: Das «Leighton Arms»-Pub darf nicht sterben. Die Beiz öffnete ihre Türen in der viktorianischen Ära – eine Blütezeit des traditionellen britischen Pubs – und galt für über 166 Jahre als Dreh- und Angelpunkt seiner treuen Gemeinde. Im letzten Jahr hiess es allerdings: «Letzte Bestellungen, bitte!», wortwörtlich: Das Unternehmen befand sich hartnäckig in den roten Zahlen und vermochte nur noch eine Handvoll von regelmässigen Kunden anzuziehen. Bunte Musikeinlagen am Sonntagnachmittag sowie der Ruf, die besten Käse-Zwiebel-Sandwiches der Umgebung zu servieren, reichten nicht mehr aus zum Überleben.

Jetzt hat sich ein Star der TV-Erfolgsserie «Game of Thrones» eingeschaltet und eine Petition von insgesamt 1200 Unterschriften mitunterzeichnet. Schauspieler Charles Dance, der den Bösewicht Tywin Lannister spielt, will das «Leighton Arms» als Anwohner zurück. Unbeeindruckt von der Tatsache, dass das Pub mittlerweile zu einem Mini-Supermarkt umfunktioniert wurde, haut er in der lokalen Zeitung auf den Tisch: «Die Gemeindebehörde muss sich einschalten und uns das Pub so schnell wie möglich zurückbringen. Läden hat’s schon genug.»

Pubs geniessen immer noch einen speziellen Stellenwert in der britischen Volkskultur, und Berichte von Rettungsaktionen wie diejenige in Kentish Town hört man landauf, landab. Die Journalistin und Getränke-Expertin Jayne Payton zitiert eine Studie der Tourismus-Dachorganisation Visit Britain, welche den Besuch eines Pubs als eine der drei beliebtesten Touristen­attraktionen auflistet: «Unsere ausländischen Freunde erkennen den speziellen Wert eines Pubs. Höchste Zeit, dass wir uns auch wieder daran erinnern.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.