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«Ordeeeeer!» – Das britische Parlament sucht sich einen neuen Dompteur

John Bercow prägte mit seinen «Oordeer»-Rufen jahrelang den britischen Parlamentsbetrieb. Heute Montag wird er ersetzt.
Sebastian Borger aus London
Speaker John Bercow gibt sein Amt als Parlamentspräsident nach 10 Jahren ab. Heute wählen die Abgeordneten einen neuen Mr oder eine neue Ms "Ooooordeeeeer". (Bild: Keystone)

Speaker John Bercow gibt sein Amt als Parlamentspräsident nach 10 Jahren ab. Heute wählen die Abgeordneten einen neuen Mr oder eine neue Ms "Ooooordeeeeer". (Bild: Keystone)

Der Wahlkampf ist gut fünf Wochen vor den britischen Neuwahlen am 12. Dezember in vollem Gange. Mitten im politischen Tumult heisst es jetzt Abschied nehmen von den bisherigen Unterhaus-Abgeordneten. Viele Parlamentarier wollen nicht wieder antreten.

Vor dem Zapfenstreich haben die Volksvertreter heute aber noch eine wichtige Aufgabe zu bewältigen: In geheimer Wahl bestimmen sie die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Parlamentspräsident John Bercow, dessen Ordnungsruf «Oooooordeeer» viele Brexit-Debatten begleitet hat. Wer auch immer nach dem langwierigen Wahlverfahren auf dem Thron des Speakers Platz nimmt: Er oder sie wird den Ton der zukünftigen Brexit-Debatte prägen und den Gang der Dinge entscheidend beeinflussen können.

Die Macht des britischen Speakers ist gross. John Bercow hatte vor zwei Wochen beispielsweise verhindert, dass Premierminister Boris Johnson das Parlament ein zweites Mal über seinen Austrittsvertrag abstimmen lassen konnte.

In seiner 642-jährigen Geschichte hat das Amt nicht allen Inhabern Glück gebracht. Einige von Bercows Vorgängern mussten gar ihr Leben lassen, weil ihre Dienste die Monarchen nicht befriedigten. Eingedenk der blutigen Geschichte ihrer Vorgänger lassen sich die Gewählten bis heute scheinbar gegen ihren Willen zum Speaker-Thron zerren. In Wirklichkeit stellt das Amt aber eine Auszeichnung für altgediente Parlamentarier dar. Als Speaker verdient man gleichviel wie der Premierminister (193250 Franken) und wohnt kostenlos im Westminster-Palast. Zudem war es bisher üblich, dass die grossen Parteien im Wahlkreis des Speakers auf Gegenkandidaten verzichteten und ihm dadurch die Wiederwahl garantierten.

Zeichen setzen gegen den Frauenhass

Traditionell wechseln sich die Tories und die Labour-Partei bei der Besetzung des hohen Postens ab. Da Bercow 2009 als Konservativer gewählt wurde, wäre diesmal Labour dran. Das macht Bercows Stellvertreter Lindsay Hoyle zum Favoriten. Gegen den über Parteigrenzen hinweg beliebten Mann aus altem Labour-Adel spricht vor allem sein Geschlecht. Dieser Tage erklären viele Frauen ihren Rückzug aus der Politik und begründen dies mit der brutalen Härte, mit der in Grossbritannien gegen die Volksvertreterinnen polemisiert wird. Mehrere Politikerinnen erhielten jüngst Morddrohungen. Eine Frau auf dem Speaker-Thron könnte dagegen ein Zeichen setzen.

Begünstigte dieser Überlegung wären vor allem Hoyles Stellvertreterinnen Eleanor Laing (Tory) und Rosie Winterton (Labour), aber auch zwei andere Labour-Frauen, Margaret «Meg» Hillier und Harriet Harman. Besonders die 69-jährige frühere Vizeparteichefin und Kabinettsministerin Harman hat offensiv mit dem Argument für sich geworben, es sei Zeit für die zweite Frau im Amt nach der legendären Elizabeth «Betty» Boothroyd (1992–2000).

Der Wahlkampf geschah weitgehend im Verborgenen – ganz im Gegensatz zur Brexit-Debatte, die mit harten Bandagen in aller Öffentlichkeit geführt wird. Die PR-Expertin Scarlett MccGwire erklärt: «Die Wählerschaft sind die anderen Parlamentsabgeordneten. Die lassen sich von Medienartikeln kaum beeinflussen.» Wichtig sei vielmehr das geduldige Werben um jede einzelne Stimme der 641 Wahlberechtigten.

Egal, wer sich am Ende des Tages zum Thron zerren lässt: Er oder sie dürfte deutlich ruhiger zu Werk gehen als der extrovertierte und weitschweifige Bercow.

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