Bruch mit Trump

«Nach all den Dingen, die ich für ihn getan habe»: Wird Mike Pence vom Lakaien zum Helden?

Nachdem er Präsident Donald Trump fast vier Jahre lang als treuer Diener folgte, bewies Mike Pence am Mittwoch, dass er ein Rückgrat besitzt. Was ist bloss in den Vizepräsidenten gefahren?

Renzo Ruf aus Washington
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Macht seit Mittwoch einen regelrechten Sinneswandel durch: Vizepräsident Mike Pence.

Macht seit Mittwoch einen regelrechten Sinneswandel durch: Vizepräsident Mike Pence.

J. Scott Applewhite / AP

Typisch Mike Pence. Als er in den frühen Morgenstunden des Donnerstags, einen überdimensionierten Hammer in der Hand, im Kapitol von Washington das Ende der gemeinsamen Sitzung von Senat und Repräsentantenhaus verkündete, verzog er keine Miene.

Der 61-Jährige sah aus, als sei er eben erst ins Büro gekommen, das schlohweisse Haar perfekt frisiert, und der dunkle, neutrale Anzug frisch gebügelt. Nichts, aber auch gar nichts, deutete darauf hin, dass Pence soeben den dramatischsten Tag seiner langen Karriere durchlebt hatte – der Tag, an dem er sich dazu entschloss, dem Präsidenten nicht mehr als Lakai zu dienen.

Warum sich Pence ausgerechnet am Mittwoch, zwei Wochen vor Ablauf seiner Amtszeit, dazu aufraffte, mit seinem nominellen Vorgesetzten zu brechen, bleibt vorerst sein Geheimnis. An der Überzeugungskraft von Donald Trump wird es nicht gelegen haben; Trump forderte den Vizepräsidenten noch am Mittwochmorgen dazu auf, den Demokraten Joe Biden während der gemeinsamen Sitzung von Senat und Repräsentantenhaus um seinen Wahlsieg zu bringen.

Der Präsident nennt seinen Vize einen Weichling

Pence sei ein Weichling, wenn er den Putschversuch der Republikaner nicht unterstütze, soll der Präsident seinem Vize sinngemäss gesagt haben. Pence aber weigerte sich, mit einem Verweis auf die Verfassung und die Traditionen. In einer langen schriftlichen Stellungnahme sagte er: Als Vizepräsident sei er bloss der Sitzungsleiter. Er besitze nicht die Kompetenz, den Kongress davon abzuhalten, Kenntnis von den offiziellen Wahlresultate zu nehmen.

Dann stürmte der Trump-Mob das Kapitol, aufgeputscht durch den Präsidenten, und Pence musste (zusammen mit den Volksvertretern) von Sicherheitskräften in Sicherheit gebracht werden. Diese Vorfälle bestätigten den Vizepräsidenten wohl noch in seiner Entschlossenheit. Denn Pence war zwar ein treuer Unterstützer des Präsidenten; mit den zwielichtigen Gestalten, die Trump fanatisch unterstützten, und für den Präsidenten quasi durchs Feuer gingen, wurde er aber nie warm.

Dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Im Präsidentschaftswahlkampf sprach der Vizepräsident jeweils vor einigen Hundert Anhängern, Geschäftsmännern, Vorsitzenden von gemeinnützigen Organisationen, während Trump vor Tausenden von fanatischen Menschen sprach.

Eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitierten

Und dennoch sah sich Pence als Erbe des Präsidenten. Er zählte darauf, dass Trump ihn, implizit oder explizit, unterstützen würde, wenn er selbst für das höchste Staatsamt kandidieren würde. Das war der Deal zwischen den beiden, den sie 2016 aushandelten. Pence, damals Gouverneur von Indiana, diente Trump als Türöffner zu traditionellen republikanischen Wählerschichten und zum konservativen Establishment der Partei.

Und Pence nutzte Trump, um lange gehegte Pläne zum Umbau des Staates zu verwirklichen – Steuersenkungen zum Beispiel. Der Präsident unterstützte seinen Vize aber auch dabei, die Trennung von Staat und Religion aufzuweichen. Damit erfüllte sich ein alter Wunsch von Pence, der von sich zu sagen pflegte: «Ich bin ein Christ, ein Konservativer und ein Republikaner, und zwar in dieser Reihenfolge.»

Erstmals seit 20 Jahren ohne politisches Amt

Klar ist: Die Partnerschaft zwischen Trump und Pence endete spätestens am Mittwoch. Pence sei sichtlich wütend über den Präsidenten gewesen, berichtete ein republikanischer Senator. «Nach all den Dingen, die ich für ihn getan habe», soll er gesagt haben, zitierte eine Lokalzeitung in Oklahoma den altgedienten Senator Jim Inhofe.

Klar ist auch, dass Pence am 20. Januar erstmals in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein politisches Amt mehr bekleiden wird. Der Familienvater, verheiratet seit 1985 mit seiner Gattin Karen, wird zurück nach Indiana reisen, und über seine politische Zukunft nachdenken. Er könnte sich als Konservativer mit Rückgrat neu erfinden.

Und bei der Präsidentenwahl 2024 gegen Parteifreunde kandidieren, die entweder den Familiennamen Trump tragen oder von sich behaupten, sie seien die natürlichen Nachfolger des Präsidenten. Vielleicht aber zieht sich Pence aber ganz von der politischen Bühne zurück. Dann würde er als Vizepräsident in Erinnerung bleiben, der sich im entscheidenden Moment daran erinnerte, dass die Verfassung wichtiger ist als seine Karriere.