Brückeneinsturz mit 42 Toten: Italien weint – und sucht nach den Schuldigen

Während die Helfer noch nach weiteren Verschütteten suchen, hat die Suche nach den Schuldigen für den Brückeneinsturz von Genua begonnen. Die Rechtspopulisten schieben der EU eine Mitverantwortung zu - dabei hatte sich vor Jahren gerade die Fünf-Sterne-Bewegung gegen eine Entlastung der Unglücksbrücke gewehrt.

Almut Siefert, Rom
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Ein Bild der Zerstörung: Die eingestürzte Morandi-Brücke in Genua. (Bild: Keystone)

Ein Bild der Zerstörung: Die eingestürzte Morandi-Brücke in Genua. (Bild: Keystone)

An diesem Mittwoch sind die Wolken verzogen, die Sonne scheint auf die Trümmer der Unglücksstelle in Genua, wo am Morgen noch immer Hunderte Helfer im Einsatz sind und nach Überlebenden und Opfern suchen. 11 Häuser wurden vorsorglich evakuiert, 440 Menschen sind an Ferragosto quasi wohnungslos.

Grafik: sbu

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Dieser Tag, der 15. August, ist in Italien ein Feiertag, der Tag, an dem Familie und Freunde sich am Meer treffen, zusammen essen, feiern, das Leben und den Sommer geniessen. Doch in diesem Jahr herrscht Staatstrauer an Ferragosto, Mariä Himmelfahrt. Das Unglück vom Vortag, als im norditalienischen Genua eine vierspurige Autobahnbrücke plötzlich zusammenbrach und mindestens 42 Menschen in den Tod riss, lähmt das Land.

Schock, Trauer und Wut

Ein etwa 100 Meter langes Stück des Polcevera-Viadukts, das auch Ponte Morandi genannt wird, war am Dienstagmittag aus mehr als 40 Metern Höhe in die Tiefe gestürzt.

Neben dem Schock und der Trauer wird am Tag nach der Tragödie auch die Wut der Italiener immer lauter: Wie konnte das nur passieren? Die Vize-Premiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Matteo Salvini von der Lega haben ihren ersten Schuldigen schon gefunden: Die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia. Sie ist laut «Corriere della Sera» für 3020 Kilometer Autobahn und 1866 Brücken und Viadukte in Italien zuständig. Verkehrsminister Danilo Toninelli sagte am Mittwoch an der Unglücksstelle:

«Die Regierung wird die Firma zur Rechenschaft ziehen. Die Auflösung des Vertrags mit Autostrade wird eingeleitet.»

«Der Widerruf der Konzession ist das Minimum», schreibt Innenminister Matteo Salvini auf seiner Facebook-Seite. Luigi Di Maio, Minister für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, spricht von «mindestens 150 Millionen Euro Strafe». Verkehrsminister Toninelli forderte ausserdem die Führungsriege des Unternehmens auf, zurückzutreten.

Viel Geld investiert

Und noch einen Schuldigen machte Salvini bereits am Dienstagabend aus: Die Europäische Union. Die Sicherheit der Italiener gehe vor EU-Defizitregeln. Sein Vorwurf: Durch die strengen Haushaltsregeln, welche die EU Italien alljährlich auferlegt, damit das Land von seinem Schuldenberg herunterkommt, hätten nötige Investitionen nicht getätigt werden können. Der Einsturz der Brücke zeige, wie wichtig es sei, mehr Geld in die Hand zu nehmen. «Wenn äussere Zwänge uns davon abhalten, in sichere Strassen und Schulen zu investieren, dann müssen wir wirklich hinterfragen, ob es Sinn macht, diese Regeln zu befolgen.»

Dabei kann es am Geld nicht gelegen haben: Gerade in den Ponte Morandi wurde in den vergangenen Jahren viel investiert, erst 2016 wurde die Brücke einer Generalüberholung unterzogen. Auch zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut der Betreibergesellschaft Autostrade Bauarbeiten im Gange.

Italien will mehr Geld ausgeben

Politisch steckt viel hinter den Aussagen Salvinis: Bis zum 15. Oktober muss Italien der EU-Kommission seinen Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorlegen. Schon in den vergangenen Jahren ging damit das Geschacher los, wie weit die Defizitgrenze ausgereizt werden darf. Italien ächzt noch immer unter einem Schuldenberg von 2300 Milliarden Euro, was einem Defizit von rund 132 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht – erlaubt sind nach EU-Regeln 60 Prozent. Daher schaut die EU immer ganz genau, wie viel Geld Italien auszugeben plant. Di Maio und Salvini fordern ein Aussetzen der EU-Regeln nach dem Maastricht-Vertrag, um Ausgaben zu erhöhen und die Steuern zu senken.

Doch gerade die Partei von Di Maio, die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, die vor etwa zehn Jahren vom Ex-Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufen wurde, muss sich nach dem Unglück Vorwürfe gefallen lassen. Denn Kritik gab es an dem am Dienstag eingestürzten Polcevera-Viadukt schon lange. Kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen. Die Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, wurde in den 1960er Jahren erbaut. Laut Experten war sie dem heutigen Verkehrsaufkommen mit etwa 5000 LKW pro Tag nicht gewachsen.

Bereits in den 1980er Jahren kam die Idee auf, den Ponte Morandi daher mit einem neuen Autobahnzubringer zu entlasten. Das Projekt mit dem Namen «Gronda», in Anlehnung an das italienische Wort «grondaia» für Regenrinne, wurde aber von Anwohnern und Umweltverbänden abgelehnt. Und auch die Fünf-Sterne-Bewegung sprach sich 2013 gegen eine solche Alternativlösung aus. Ein Video, das die Zeitung «La Repubblica» am Mittwoch wieder aus dem Archiv auf ihre Internetseite hob, zeigt den Gründer der Bewegung im Jahr 2014, wie er in Rom auf dem Circus Maximus eine seiner leidenschaftlichen Reden schwingt. Gegen die «Gronda» in Genua, die nur eine Verschwendung öffentlicher Gelder von Seiten der Regierung wäre. «Wir müssen sie stoppen», ruft er in die Menge, «wir müssen sie mit der Armee stoppen». Und Paolo Putti, ebenfalls von den Fünf Sternen, schiebt auf der Bühne hinterher: «Zu uns hat die Firma Autostrade gesagt, dass die Brücke weitere 100 Jahre stehen bleiben wird.» Vier Jahre später brach sie in sich zusammen.

«Einsturz war nicht schicksalhaft»

Premierminister Giuseppe Conte versprach den Italienern nun, die Regierung werde einen ausserordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen, in dem strenge Kontrollen vorgesehen sind. Am Abend rief die Regierung einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand für die Stadt Genua aus. Laut der Zeitung «La Repubblica» sind um die 300 Brücken und Tunnels in Italien marode, eine veraltete Infrastruktur und eine lückenhafte Instandhaltung sind die Hauptprobleme. Und das Unglück von Genua ist leider kein Einzelfall. Im März 2017 war die Brücke über der Autobahn A 14 während Instandhaltungsarbeiten eingestürzt, zwei Menschen starben:

Wenige Monate zuvor war Ende Oktober 2016 in Norditalien eine Schnellstrassenüberführung zwischen Mailand und Lecco in sich zusammengebrochen, nachdem ein genehmigter Schwertransporter darüber gefahren war:

2017 wurde ausserdem der Ponte di Agrigento wegen Abnutzung des Betons geschlossen. Die Brücke stammt ebenfalls vom 1989 gestorbenen Ingenieur Riccardo Morandi.

Um die Ursache des Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua herauszubekommen, hat die Staatsanwaltschaft der Stadt Ermittlungen eingeleitet. Der ermittelnde Staatsanwalt sagte am Mittwoch, er schliesse einen schicksalhaften Einsturz aus. Experten sehen derweil keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Unwetter, das zum Zeitpunkt des Einsturzes über der Brücke und der Stadt wütete, und ein Blitz, der kurz vor dem Einsturz in die Brücke gefahren war, etwas mit der Tragödie zu tun haben könnten.

Chronologie der Brücken-Katastrophen

  • 1891, Schweiz. In Münchenstein stürzt am 14. Juni die Eisenbahnbrücke über die Birs wegen eines Konstruktionsfehlers ein. 73 Passagiere sterben, 171 verletzen sich.
  •  1956, Indien. In Andhra Pradesh verunglückt am 2. September ein Zug, nachdem eine Brücke eingestürzt ist. 117 Menschen sterben.
  • 1981, China. Eine Schlammlawine reisst am 9. Juli die Liziyida-Brücke mit sich. Ein Zug entgleist und stürzt ein. Mindestens 200 Menschen werden getötet, 146 verletzt.
  • 1998, Peru. Ein Hochwasser lässt am 16. März eine 200 Meter lange Brücke über den Fluss Piura im Norden des Landes einbrechen. Mindestens 26 Menschen werden getötet oder gelten als vermisst.
  • 2001, Portugal. Beim Zusammenbruch einer rund hundert Jahre alten Brücke über den Fluss Douro in Castelo de Paiva in der Nähe von Porto stürzen am 3. März ein Bus und drei Autos in die Tiefe. 58 Menschen kommen ums Leben.
  • 2005, Indien. In Valigonda sterben am 29. Oktober 114 Menschen. Eine Zug entgleist, weil eine Brücke nach einem Dammbruch durch die Wassermassen aufgrund eines Monsunregens weg­gerissen wird.
  • 2006, Pakistan. Am 5. August kommen beim Einsturz einer Brücke nach heftigen Regenfällen in Mardan im Nordwesten des Landes mindestens 40 Menschen ums Leben. Zahlreiche weitere Menschen werden nach dem Unglück vermisst.
  • 2007, China. Am 13. August kommen beim Einsturz einer neu gebauten Brücke in Zentralchina 64 Menschen ums Leben, 22 weitere werden verletzt. Die 328 Meter lange Brücke über einen Fluss in der Provinz Hunan war gerade gebaut worden.
  • 2016, Indien. Am 31. März werden beim Einsturz einer halbfertigen Hochstrasse im Zentrum der ostindischen Metropole Kolkata mindestens 26 Menschen getötet und fast hundert weitere verletzt. (red/sda)