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BRÜSSEL: EU will Plastikmüll zu Geld machen

Seit China seine Rolle als Mülldeponie der Welt aufgegeben hat, sitzt Europa auf einem wachsenden Plastikberg. Daraus soll nun ein lukratives Geschäft werden.
Remo Hess, Brüssel
ARCHIV - Müll aus der Ostsee sortiert der Umweltverbandes Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) am 21.10.2014 auf dem Gelände des Meeresmuseum Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). (Zu dpa "EU-Kommission legt Strategie gegen Plastikabfall vor" vom 16.01.2018) (KEYSTONE/DPA/Stefan Sauer) (Bild: STEFAN SAUER (DPA-Zentralbild))

ARCHIV - Müll aus der Ostsee sortiert der Umweltverbandes Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) am 21.10.2014 auf dem Gelände des Meeresmuseum Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). (Zu dpa "EU-Kommission legt Strategie gegen Plastikabfall vor" vom 16.01.2018) (KEYSTONE/DPA/Stefan Sauer) (Bild: STEFAN SAUER (DPA-Zentralbild))

Plastik ist überall: n Verpackungen, verarbeitet in Produkten, als mikroskopisch kleine Bestandteile im Shampoo. 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle produzieren Europäerinnen und Europäer pro Jahr. Nur gerade 30 Prozent davon werden wiederverwertet. Der Rest landet auf der Müllkippe, in der Verbrennungsanlage – oder im Meer.

Bilder von mit Plastikabfall verdreckten Stränden oder schwimmenden Müllteppichen führen diese Tatsache eindrücklich vor Augen. «Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische», zitiert EU-Vizepräsident Frans Timmermans gestern Schätzungen von Wissenschaftern. Zusammen mit Kommissarskollege Jyrki Katainen präsentierte er deshalb in Strassburg die Strategie der EU-Kommission gegen Kunststoffabfälle.

Ehrgeizige Ziele bis 2030

Im Vordergrund steht der Umweltschutz, das ist klar. Aber nebenbei geht es auch um die Erschliessung eines lukrativen Marktes. Seit China per Anfang Jahr seine Rolle als Mülldeponie der Welt aufgegeben und den Import von Plastikmüll und anderem Abfall gestoppt hat, sitzt Europa auf einem wachsenden Kunststoffberg. Das Recycling hat sich auf europäischem Boden bislang kaum gelohnt. Die Ölpreise sind niedrig, entsprechend tief sind auch die Kosten für die Herstellung von Plastik. Und so kommt es, dass 95 Prozent des Wertes von weggeworfenen Verpackungen nach sehr kurzer Verwendungszeit verloren gehen. Gegen 100 Milliarden Euro schätzt der für Wettbewerb und Wachstum zuständige Katainen das Potenzial von Kunststoff-Recycling in Europa. Neben dem tiefen Erdölpreis ist das Hauptpro­blem, dass fehlende Standards die Wiederverwertung von Plastikverpackungen erschweren. Bislang stehen bei der Produktion das Design und die Anwendung im Vordergrund. Je nach Anforderung werden verschiedene Polymere zusammengemischt, was das Recycling verkompliziert.

Neue Vorschriften für Verpackungen sollen nun deren Recyclingfähigkeit verbessern. Das ehrgeizige Ziel lautet, bis 2030 alle Plastikverpackungen wiederverwendbar oder mehrfach nutzbar zu machen. Der Gebrauch von Einwegprodukten wie Essgeschirr oder Plastikkaffeebechern soll eingedämmt und die Verwendung von Mikroplastiken in Kosmetika beschränkt werden. Zudem werden europäische Häfen in Zukunft zur Aufnahme von Abfall verpflichtet, der auf Schiffen anfällt. Bereits per November 2016 mussten die EU-Mitgliedstaaten Massnahmen ergreifen, die Verwendung von Plastiktüten zu verringern. Bis 2019 soll der Verbrauch gegenüber 2010 um 80 Prozent sinken.

Widerstand gegen Plastiksteuer

Die EU-Kommission betont, dass die neuen Massnahmen der Kunststoffbranche, die in Europa rund 1,5 Millionen Menschen beschäftigt und 2015 rund 340 Milliarden Euro umgesetzt hat, nicht schaden sollen. Vielmehr sei es «eine grosse Chance für die europäische Industrie, eine weltweite Führungsrolle bei neuen Technologien und Materialien zu übernehmen», so EU-Kommissar Katainen. Eine Plastiksteuer, wie sie der EU-Budget-Verantwortliche Günther Oettinger letzte Woche angekündigt hatte, schaffte es gestern nur als vage Möglichkeit in den Vorschlag. Branchenverbände hatten sich umgehend gegen die Idee gewehrt. Und auch Katainen scheint von einer EU-weiten Plastiksteuer nicht überzeugt. Wenn es eine solche geben sollte, dann müsse ihre Geltung sehr eng begrenzt werden. «Wir schauen uns das an», meinte der Finne aber immerhin.

Remo Hess, Brüssel

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