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BRÜSSEL: Mitten im Terrorschrecken witterte sie die ersten Fotos

In einer Trauerfeier zum ersten Jahrestag der Anschläge von Brüssel gedenkt Belgien heute der 32 Todesopfer und 340 Verletzten. Auch die Journalistin Ketevan Kardava nimmt teil. Sie schoss die ersten Bilder von den Anschlägen.
Remo Hess, Brüssel
Verletzte Frauen nach dem Anschlag am Brüsseler Flughafen. Bild: Ketevan Kardava/Keystone (22. März 2016)

Verletzte Frauen nach dem Anschlag am Brüsseler Flughafen. Bild: Ketevan Kardava/Keystone (22. März 2016)

Remo Hess, Brüssel

Am Morgen des 22. März 2016 scrollt die georgische Journalistin Ketevan Kardava durch ihre Face­book-Timeline. Am Brüsseler Flughafen Zaventem wartet sie darauf, dass ihr Ticket ausgestellt wird. Ziel ist Genf, wo seit dem bewaffneten Konflikt um die georgische Teilrepublik Südossetien regelmässig Gespräche zwischen Georgien und Russland stattfinden. Kardava, Brüssel-Korrespondentin des georgischen Fernsehens, soll darüber berichten.

Doch so weit kommt es nicht. Die Explosion, mit der sich der erste der beiden Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, findet nur wenige Meter von ihr entfernt statt. Etliche Menschen werden zu Boden geschleudert, bleiben tot oder verwundet liegen, andere rennen in Panik durcheinander. Wenige Sekunden später erfolgt die zweite Detonation. «Da war mir klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelt», so Kardava. Sie selbst bleibt wie durch ein Wunder unverletzt und flüchtet in einen Fotoautomaten. Dort verharrt sie etwa vierzig Sekunden, bevor sie wieder nach draussen tritt. «Überall war Rauch und Staub, Arme und Beine lagen auf dem Boden, Verletzte schrien um Hilfe», berichtet Kardava. Mit ihrem Handy macht sie Fotos von dem Tatort. Die Bilder zeigen Personen in Blutlachen, zwei Frauen sitzen auf einer Bank, die eine mit zerfetztem Hemd und staubbedecktem Gesicht. Kardava: «Ich war mir in diesem Moment nicht wirklich bewusst, was ich tat. Ich handelte nach meinem journalistischen Instinkt.» Wenig später lädt sie die Fotos auf Twitter hoch. Als ihr Telefon im Laufe des Tages unentwegt klingelt und sie Mails und Anrufe aus aller Welt erhält, realisiert sie langsam, was geschieht. «Es war sehr schwierig für mich. Ich dachte an meine 16-jährige Tochter, die zu dieser Zeit in der Schule war, und an meine Eltern in Tiflis.» Am späten Abend beginnt sie, die Nachrichten zu durchforsten, und stösst überall auf ihre Fotos. «Ich wollte unbedingt und so schnell wie möglich wissen, wer die Menschen darauf sind und wie es ihnen geht», so Kardava.

Vorwurf der Respektlosigkeit

Am Sonntag traf Kardava Nidhi Chaphekar, eine ihrer «Foto-Heldinnen». Kardava: «Als mir Ni­dhi gesagt hat, dass sie an die Trauerfeier kommt und mit mir den Tag verbringen wolle, war das der glücklichste Moment in meinem Leben.» Denn unter den vielen Reaktionen, die sie erhalten hatte, waren auch einige, die ihr vorwarfen, respektlos zu sein. «Das war für mich sehr schwierig», so Kardava. Auch wenn sie äusserlich keine Verletzungen davontrug, sei auch sie geschädigt worden. Der 22. März 2016 und die Bilder dieses Tages seien ein Albtraum, der nicht zu Ende gehe. Dass ihr Chaphekar versicherte, sie habe das Richtige getan, sei für sie eine grosse Erleichterung. Die indische Flugbegleiterin habe ihr erzählt, dass ihre Familie nur dank dem Foto erfahren hätte, dass sie am Leben war. Während der ersten Stunden, in denen sie im Krankenhaus behandelt wurde, sei ihre Familie dagegen ganz ohne Nachricht geblieben. Auch mit «Foto-Held» Sebastien Bellin, einem ehemaligen belgischen Basketball-Profi, den sie am Krankenbett besuchte, verbindet Kardava nun eine «tiefe Freundschaft».

Über die heutige Trauerfeier sagt die Journalistin, dass «es sicher sehr emotional werden wird». Sie wolle für all jene beten, die bei den Anschlägen Familienangehörige verloren hätten. Ihren Beruf aufzugeben, sei ihr nicht in den Sinn gekommen. Im Gegenteil: Ihre Erfahrungen würden es ihr erlauben, über Terrorismus aus einem anderen Blickwinkel zu berichten und sich in die Opfer einzufühlen, so Kardava. Heute würde sie wieder so handeln. Kardava: «Ich glaube, dass es meine Aufgabe und mein Schicksal war. Für moralische Überlegungen hatte ich keine Zeit.»

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