Brexit-Verhandlungen
Brüssel und London spielen Angsthase

In Brüssel beginnt am Montag die zweite Runde der Brexit-Verhandlungen. Die Analyse.

Remo Hess, Brüssel
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Die Brexit-Verhandlungen beginnen am Montag in Brüssel. Gemäss Protokoll werden die entsprechenden Fahnen für die Ankunft von EU-Chefunterhändler Michel Barnier und dem Brexit-Minister David Davis aufgehängt.

Die Brexit-Verhandlungen beginnen am Montag in Brüssel. Gemäss Protokoll werden die entsprechenden Fahnen für die Ankunft von EU-Chefunterhändler Michel Barnier und dem Brexit-Minister David Davis aufgehängt.

KEYSTONE/AP/VIRGINIA MAYO

Unvergessen ist die Szene, in der James Dean und sein Kontrahent Corey Allen im Film «... denn sie wissen nicht, was sie tun» in zwei gestohlenen Autos auf den Abgrund zurasen. Jener, der zuerst aus dem fahrenden Wagen springt, hat verloren und ist der Angsthase. Ganz ähnlich scheinen sich zurzeit Grossbritannien und die Europäische Union vor dem heutigen Auftakt der zweiten Brexit-Verhandlungsrunde zu verhalten.

Während die Uhr gnadenlos tickt, feixt Aussenminister Boris Johnson in London, die EU könne «pfeifen gehen» und sich ihre Milliardenforderung, hergeleitet aus britischen Verpflichtungen im Rahmen des EU-Budgets, ans Bein streichen.

EU-Chefunterhändler Michel Barnier wird unterdessen nicht müde klarzustellen, dass ohne grundsätzliches Eingeständnis britischer Zahlungsbereitschaft keine substanziellen Fortschritte in den Verhandlungen zu erzielen sind; geschweige denn über ein künftiges Freihandelsabkommen gesprochen werden kann. Barnier ist ein kerniger Herr aus den französischen Alpen und weiss, was er will. Neben der Anerkennung der britischen Verbindlichkeiten verlangt er von London, dass die Rechte der drei Millionen EU-Bürger in Grossbritannien im jetzigen Ausmass vollumfänglich gesichert werden und der Europäische Gerichtshof in Luxemburg über deren Wahrung richtet.

Der Boxer hält sich bedeckt

Aber auch sein britischer Gegenpart David Davis ist nicht aus Pappe gemacht. Der leidenschaftliche Boxer, dessen Nase schon fünfmal zu Bruch ging und der einst erklärte, er könne einen Menschen «mit blossen Händen» töten, denkt nicht daran, vorschnell klein beizugeben. In wesentlichen Punkten der Verhandlungen lässt er Barnier über die britischen Positionen weiterhin im Dunkeln – allem voran, was die Austrittsrechnung angeht. Es gehört zum Einmaleins der Diplomatie, dass nichts ausgehandelt ist, bis nicht alles ausgehandelt ist. Doch im Gegensatz zu klassischen Verhandlungen, in denen bei einem «No Deal»-Szenario einfach weiter der Status quo gilt, so bedeutet beim Brexit «Kein Deal» die Rückkehr zu einer Situation, wie sie Anfang der 1970er- Jahre vor dem EU-Beitritt Grossbritanniens geherrscht hat. Das heisst: Handel wie mit einem gewöhnlichen Drittland, Zölle auf Ein- und Ausfuhren, Grenzkontrollen und so weiter.

Brüssel ist überzeugt, dass ein solches Verhältnis dem Vereinigten Königreich weit mehr als der EU schaden würde und die Briten deshalb nicht bis zum Äussersten gehen werden. Das mag sein. Doch wie das Beispiel von James Dean und Corey Allen zeigt: Verpasst man den rechten Moment zum Ausstieg, endet das Angsthasenspiel schnell in einer Katastrophe für alle.