BÜRGERKRIEG: «Lieber im Kampf um Aleppo sterben»

Neue Kämpfe verhindern eine Evakuierung von Zivilisten und Rebellen. Für den Bruch der Waffenruhe machen sich die Parteien gegenseitig verantwortlich. Unter den Eingeschlossenen macht sich Angst vor Rache durch das Assad-Regime breit.

Michael Wrase/Limassol
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Rauchsäulen und bewaffnete Menschen zeugen von Kampfhandlungen im von Rebellen gehaltenen Teil von Aleppo.Bild: Karma Al-Masri/AFP (14. Dezember 2016)

Rauchsäulen und bewaffnete Menschen zeugen von Kampfhandlungen im von Rebellen gehaltenen Teil von Aleppo.Bild: Karma Al-Masri/AFP (14. Dezember 2016)

Die Hoffnung auf eine Evakuierung von Zivilisten und Rebellen aus Ost-Aleppo währte weniger als zwölf Stunden. Unter türkischer und russischer Vermittlung hatten sich die Kriegsparteien auf eine Waffenruhe für die noch umkämpften Bezirke der nordsyrischen Millionenstadt geeinigt. Diese begann am Dienstag um 18 Uhr Ortszeit – und wurde zunächst auch eingehalten. Wenig später trafen in dem an der Stadtautobahn von Aleppo gelegenen Bezirk Ramousieh 25 grüne Nahverkehrsbusse ein, mit denen am nächsten Morgen Rebellen und Zivilisten in die Rebellenprovinz Idlib evakuiert werden sollten.

Doch niemand kam zum vereinbarten Treffpunkt. Prosyrische Rebellen hätten den Abzug verhindert, twitterten Aktivisten aus Aleppo. Als Grund für die gescheiterte Evakuierung nannten die oppositionsnahen Menschenrechtsbeobachter Differenzen zwischen dem syrischen Regime und seinem russischen Verbündeten. Angeblich sei die Führung in Damaskus über den «russischen Alleingang» verstimmt gewesen. Auch die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen wurde der Assad-Armee angelastet.

Dschihadisten lehnen Kapitulation ab

Diese machte, wie nicht anders zu erwarten, die Rebellen für den Bruch der Waffenruhe verantwortlich. Sie hätten zuerst das Feuer eröffnet, verkündete bald darauf ein russischer Militärsprecher. Eine Überprüfung der beiden Darstellungen ist unmöglich, eine Erklärung für das Verhalten beider Seiten dagegen schon.

In einem wenige Stunden vor der geplanten Evakuierung geführten Skype-Interview mit CNN hatte der Leiter des Quds-Hospitals in Ost-Aleppo, Hamza al-Khatib, über die Ängste der Eingeschlossenen berichtet. Diese würden «lieber im Kampf gegen das Assad-Regime sterben, als von Assads Schergen zu Tode gefoltert zu werden», sagte er. Selbst türkische Garantien für ein freies Geleit reichten nicht aus, um die Rebellen zum Abzug zu bewegen.

Nach fünf Jahren Krieg gegen ein Regime, das Rebellen als Terroristen bezeichnet und ihnen damit das Lebensrecht verweigert, ist es für die meisten Betroffenen unvorstellbar, in einem von syrischen Soldaten eskortierten Bus evakuiert zu werden. Für die Aufständischen ist Baschar el-Assad der Teufel in Menschengestalt. Seinen Schergen sei «alles zuzutrauen». Ein schneller Tod auf dem Schlachtfeld sei daher allemal besser als der qualvolle Tod oder ein langes Siechtum in Assads Kerkern.

Keine Gnade des Regimes haben die Kämpfer des Kaida-Ablegers Nusra-Front zu erwarten. Sie gelten als kampfkräftig und rücksichtslos. Es waren meist Nusra-Dschihadisten, die im Verlaufe des Bürgerkrieges der syrischen Armee die bittersten Niederlagen beibrachten. Nach Erkenntnissen des UNO-Sondergesandten für Syrien, Staffan de Mistura, stellt die Nusra-Front einen guten Drittel der rund 1700 eingeschlossenen Rebellen in Ost-Aleppo. Ein Waffenstillstand mit dem Regime kam für die Nusra-Leute niemals in Frage. Selbst in einer ausweglosen Situation wie in Ost-Aleppo lehnen die Dschihadisten eine Kapitulation ab.

«Schlimmste Krise der vergangenen Jahre»

Angesichts der dramatischen Lage in Ost-Aleppo rief die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen gestern alle Kriegsparteien dazu auf, ihrer Verpflichtung, dem Schutz der Zivilisten, nachzukommen. Dies gelte für «die belagerten Gebiete als auch in den Vierteln, die von der syrischen Armee eingenommen wurden», stellte MSF-Sprecherin Teresa Sancristoval klar. Was man gegenwärtig in Aleppo erlebe, betonte sie, sei die «schlimmste Krise, die wir in den vergangenen Jahren miterleben mussten». Es sei daher von allerhöchster Priorität, dass alle Parteien den Menschen erlaubten, sich in Sicherheit zu bringen.

Anzeichen dafür gibt es nicht. Statt Menschlichkeit walten zu lassen, haben sich die Kampfparteien für eine militärische Lösung entschieden. Das Assad-Regime glaubt, den bewaffneten Widerstand mit seiner überlegenen Feuerkraft niederwalzen zu können. Zeit genug, die umkämpften Viertel zu verlassen, hätten die Zivilisten schliesslich gehabt, betonte der syrische UNO-Botschafter. Dieser versuchte gestern mit einem Hochglanzfoto, auf dem ein Soldat eine kranke Frau auf seinem Rücken trägt, Massaker-Vorwürfe der Opposition zu entkräften.

Die Dschihadisten der Nusra-Front bezeichneten die Fortsetzung der Kämpfe inzwischen als ein «Geschenk Gottes». Aus einer Position der Aussichtslosigkeit dem «grossen Satan» Russland zu trotzen, die Kapitulation zu verweigern, stärkt ihre Position als vermeintliche «Speerspitze des Widerstandes». Sympathien – und damit neue Anhänger und Geldgeber in der islamischen Welt – sind damit garantiert. Der hohe Blutzoll wird in Kauf genommen.

Michael Wrase/Limassol

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