China
Bundesrat setzt sich für tibetischen Häftling ein

Der tibetische Dokumentarfilmer Dhondup Wangchen wurde wegen «Anstiftung zum Separatismus» zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt. Nun beschäftigt sich der Bundesrat mit seinem Fall.

Sven Zaugg
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Keystone

Der tibetische Dokumentarfilmer Dhondup Wangchen wollte jene Welt der tibetischen Bevölkerung zeigen, die in China totgeschwiegen wird. Ein Welt der Unterdrückung, der Folter und Vertreibung. Sechs Monate lang reiste er auf einem Motorrad durch sein Heimatland, immer auf der Suche nach Menschen, die trotz drohender Verfolgung Willens waren, vor laufender Kamera offen über ihre alltägliche Situation, der am eigenen Leib erfahrenen Diskriminierung zu sprechen und zu den damals bevorstehenden Olympischen Spielen Stellung zu nehmen.

«Leaving Fear Behind»

Das Rohmaterial des Dokumentarfilms konnte in die Schweiz geschmuggelt werden, wo es von Wangchens Cousin Gyaljong Tsertin verarbeitet wurde. Im Film sagt Wangchen: «Ich bin kein gebildeter Mann, bin nie zur Schule gegangen. Der Film handelt von der Notlage, in der sich die tibetische Bevölkerung befindet. Wir fühlen uns hilflos.» Der Film wurde angeblich bereits in über 30 Ländern gezeigt. Wangchens Presssprecherin Tsedön Khangsar spricht von einer grossen Betroffenheit, die der Film bei den Zuschauern ausgelöst habe. Anlässlich des «Tibet Film Festival» wird «Leaving Fear Behind» im Kulturmarkt Zürich aufgeführt. Infos unter: www.filmingfortibet.org (sza)

Chinesische Regierung schweigt

Der Fall des tibetischen Dokumentarfilmers Dhondup Wangchen beschäftig auch das Eidgnössische Justiz und Polizeidepartement (EJPD). Anlässlich einer Chinareise im Oktober 2009, die der Zusammenarbeit in Justiz- und Polizeiangelegenheiten gewidmet war, bat Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf ihre Amtskollegin um Auskünfte über den Filmemacher, der Verwandte in Zürich hat. Bis heute wartet das EJPD auf eine Antwort der chinesischen Behörden.

Beim jüngsten Arbeitsbesuch von Micheline Calmy-Rey im Juni standen zwar die bilateralen Beziehungen im Mittpunkt. Doch die Aussenministerin sprach abermals die Inhaftierung des tibetischen Filmemachers an, wie das EDA gegenüber az aargauerzeitung.ch bestätigt. «Micheline Calmy Rey hat sich nach dem Schicksal des tibetischen Filmemachers erkundigt und ihren chinesischen Amtskollegen um entsprechende Auskünfte gebeten. Eine Antwort steht noch aus», sagt EDA-Pressesprecher Lars Knuchel.

Täglich 16 Stunden Zwangsarbeit

Am 13. Juli 2009 wagte Wangchen ein Fluchtversuch, wurde jedoch gleichentags wieder verhaftet. Die kurze Zeit in Freiheit nutzte er, um seinem Cousin Gyaljong Tsertin per Telefon zu schildern, was er durchgemacht hatte. Wochenlang sei er von den Chinesischen Beamten verhört und mit Fausthieben traktiert worden. Sie hätten ihm das Essen verweigert, ihn am Schlaf gehindert. Er erkrankte an Hepatitis B.

«Wir sind in grosser Sorge um Wangchen», sagt Tsedön Khangsar, Wangchens Pressesprecherin in der Schweiz. «Wir haben erfahren, dass er täglich 16 Stunden in einer Ziegelfabrik arbeiten muss.» Laut der in Washington DC ansässigen Laogai Research Foundation werden im Xichuan Gefängnis Fenster mit Aluminiumlegierung, gewöhnliche und poröse Backsteine, Hohlziegel sowie Sinter-Formteile hergestellt.

«Das Verrichten der harten Arbeit in dieser Anlage gefährdet Dhondup Wangchen's Gesundheit noch weiter», sagt sein Cousin Tsertin. Auch würden ihm die nötigen Medikamente für die Behandlung seiner Hepatitis B-Erkrankung verweigert. Es sei zudem äusserst schwierig etwas über Wangchen in Erfahrung zu bringen, denn eine «normale» Kommunikation sei unmöglich. «Nur auf Umwegen erfahren wir, wie es ihm geht», sagt seine Pressesprecherin.