Rom
Bürgermeister tritt zurück - Die Ewige Stadt hat ein politisches Vakuum

Bürgermeister Ignazio Marino hat seinen Rücktritt angekündigt. Gestolpert ist er über fragwürdige Spesenabrechnungen

Dominik Straub, Rom
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Ignazio Marino tritt zurück.Key

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Am Vorabend seiner Demission als Römer Stadtoberhaupt hatte Marino noch zu retten versucht, was nicht mehr zu retten war: Er erklärte, dass er die gesamten 20 000 Euro an Spesen, die er während seiner bisherigen Amtszeit ausgegeben habe, an die Stadt zurückzahlen werde.

In den Tagen zuvor hatten die Medien berichtet, dass der Bürgermeister private Abendessen in Römer Altstadt-Restaurants mit der Kreditkarte der Stadt beglichen habe.

Obwohl Marino an der Korrektheit seiner Abrechnungen festhielt, wirkte die Ankündigung der Rückzahlung wie ein Schuldeingeständnis. Gestern Abend kam dann die schriftliche Rücktrittserklärung, in welcher der Bürgermeister von einem «Komplott» sprach und vom Versuch, «das Wahlresultat auszuhebeln».

Letztlich war Marino aber gar nichts anderes übrig geblieben, als den Hut zu nehmen: «So, wie die Dinge liegen, ist das Ende dieser Regierung unausweichlich», hatte ein Stadtrat erklärt, der gestern wie der Vizebürgermeister und ein weiterer Stadtrat aus Protest gegen Marino sein Amt niedergelegt hatte. Fallen gelassen wurde der Bürgermeister auch von seiner Partei, dem sozialdemokratischen PD von Regierungschef Matteo Renzi.

Bereits vor einem knappen Jahr hatten 80 Prozent der Römer in einer Umfrage angegeben, dass sie «wenig» oder «kein» Vertrauen in Ignazio Marino mehr hätten. Und auf die Frage, was in der Ewigen Stadt gut funktioniere, hatten 54 Prozent der Befragten mit «nichts» geantwortet.

Von der sauberen, sicheren und verkehrsberuhigten Stadt, die Marino den Römern im Wahlkampf in Aussicht gestellt hatte, ist nichts zu sehen. Rom ist auch unter Marino jeden Tag ein wenig mehr heruntergekommen und versinkt mehr denn je im Verkehrschaos und im Dreck. Aber Marino galt zumindest persönlich als ehrlich und integer.

Keine Angst vor Platzhirschen

Der international renommierte Transplantationschirurg Marino, der jahrelang in den USA operiert hatte, war für viele Römer ein Hoffnungsträger gewesen: Bei den Stichwahlen für den Einzug ins Kapitol im Juni 2013 hatte der Sohn eines Sizilianers und einer Schweizerin 64 Prozent der Stimmen erreicht.

Und Marino hatte immerhin den Mut gehabt, sich in Rom mit allen Mächtigen anzulegen: mit den Baronen in der kommunalen Verwaltung und den inkompetenten Chefs der städtischen Betriebe, mit den für ihre ständigen Absenzen berüchtigten Gemeindepolizisten, mit den selbstherrlichen Wirten und Hoteliers und nicht zuletzt auch mit dem einflussreichen Baulöwen Francesco Caltagirone.

Der Rücktritt des ungeliebten Bürgermeisters ist für Regierungschef Renzi einerseits eine Erleichterung, andererseits aber auch eine Hypothek: In zwei Monaten beginnt das von Papst Franziskus ausgerufene neue «Heilige Jahr», in dem mehr als 30 Millionen Pilger in der Ewigen Stadt erwartet werden.

Eine führungslose Hauptstadt ist das Letzte, was Renzi angesichts des bevorstehenden Mega-Events brauchen kann; Neuwahlen sind erst im kommenden Frühling möglich. Diese würden laut allen Umfragen von der Protestbewegung von Beppe Grillo gewonnen – ein Albtraum für den Premier.

Die Alternative zu Neuwahlen wäre die Unterstellung Roms unter einen Sonderkommissar der Regierung – aber auch das wäre peinlich: Sonderkommissare werden normalerweise nur in mafiöse Kommunen im Süden geschickt, nicht in die Hauptstadt.