Frankreich
Burkini oder Décolleté? Ganzkörper-Badeanzug entfacht neue Debatte

Es ist heiss in Europa – doch einige Französinnen bekleiden sich bewusst auch im Schwimmbad: In Grenoble schwappt die Debatte um den islamischen Ganzkörper-Badeanzug hoch.

Stefan Brändle, Paris
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Badebekleidung ist in Frankreich ein regelmässig diskutiertes Thema. (Archivbild)

Badebekleidung ist in Frankreich ein regelmässig diskutiertes Thema. (Archivbild)

Keystone

Ein Dutzend Frauen und Männer besuchten am vergangenen Sonntag gemeinsam die Badeanstalt Jean Bron in der Alpenstadt Grenoble. Sie zahlten Eintritt und zogen sich in den Kabinen um. Dann gingen sie schwimmen – ein Teil von ihnen in blauen und pinkfarbenen Burkinis (Zusammenzug von «Bikini» und «Burka»).

Die Badmeister wiesen sie vergeblich auf das Hausreglement hin: Aus hygienischen Gründen sind nur hautanliegende Badeslips, Bikinis und Einteiler gestattet. Da die Burkini-Trägerinnen im Wasser blieben, wurde die Polizei gerufen. Sie notierte die Namen und dürfte ihnen die vorgesehene Busse von 35 Euro zuschicken.

Organisatorin des Happenings war die Alliance Citoyennne, eine «Bürgerallianz», die sich unreligiös gibt, aber einen Gutteil militante Muslime zählt. Die Sprecherin Taouis Hammouti hatte auf ihrer Facebook-Seite zum Beispiel schon Verschwörungstheorien zum Bataclan-Anschlag von 2015 verbreitet und auch schon geschrieben, das Satiremagazin Charlie Hebdo habe sich das mörderische Attentat mit seinen Karikaturen selber zuzuschreiben. Die Burkini-Operation nennt die Alliance Citoyenne einen bewussten «Akt des zivilen Ungehorsams». Für kommenden Sonntag kündigte sie eine neue Aktion an. Das Bad wurde darauf bis auf weiteres geschlossen.

Die von einer Libanesin in Australien kreierten Burkinis sind in Frankreich seit langem ein Reizthema. 2016 hatten mehrere Gemeinden Südfrankreichs an ihren Stränden diese Art von Körperverhüllung untersagt. Der französische Staatsrat hob die Verbote auf, da es sich um eine Einschränkung der persönlichen Freiheit handle, die durch keine «erwiesenen Risiken» begründbar sei.

Heftige politische Reaktionen

Der neuste Fall liegt anders, weil in einem öffentlichen Schwimmbad anders als am Strand spezifische Regeln gelten. Männershorts, die nicht auf der Haut anliegen, sind zum Beispiel in den meisten französischen Schwimmbädern untersagt.

Die politischen Reaktionen sind indes so heftig wie vor drei Jahren. Der Fall in Grenoble sei eine «islamistische Provokation», verlautbart die «Nationale Sammlung» (RN) der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Konservative sprechen von einem «gesellschaftspolitischen Dammbruch».

Die Staatssekretärin für gleiche Rechte von Frau und Mann, Marlène Schiappa, kritisiert ihrerseits die «politische Botschaft, sich zu bedecken und damit eine neue Norm zu schaffen». Die Behauptung der Burkini-Trägerinnen in Grenoble, in Frankreich wünschten Millionen von Frauen sich in öffentlichen Bädern zu bekleiden, sei aber falsch: «Solche Kommandooperationen werden von einer sehr kleinen Minderheit ausgeübt.»

Auch Eric Piolle, der grüne Bürgermeister von Grenoble, der viel für die muslimische Gemeinschaft seiner Stadt unternimmt, verurteilte die Burkini-Operation und kündigte die Fortführung der Bussen bei weiteren Aktionen an. Er warf indes auch der Rechten vor, Öl ins Feuer zu giessen und eine gelassene Debatte zu verhindern.