Bye bye! Um Mitternacht tritt Grossbritannien aus der EU aus – und begibt sich auf Identitätssuche

Heute um Mitternacht treten die Briten aus der EU aus. Ausgerechnet jetzt, wo auch die Monarchie kriselt.

Hanspeter Künzler aus London
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Hoch mit den Fahnen: Die Briten sind mehrheitlich stolz darauf, wieder unabhängig von der EU zu sein.

Hoch mit den Fahnen: Die Briten sind mehrheitlich stolz darauf, wieder unabhängig von der EU zu sein.

Keystone

Charles de Gaulle hatte also doch recht: Zwei Mal, 1963 und 1967, hatte der französische Präsident sein Veto eingelegt, als Grossbritannien um Mitgliedschaft bei der Europäischen Union ersuchte. Grossbritannien behandle das Konzept eines pan-europäischen Aufbauprojektes mit «tiefsitzender Feindseligkeit», erklärte er an einer Pressekonferenz im November 1967. Ein Beitritt zur EU erfordere von den Briten eine «radikale Transformation», er könne in «London» aber nur «Gleichgültigkeit» erkennen.

Harte Worte waren das. Von den Parlamentariern in Westminster wurden sie mit Konsternation aufgenommen. Alle drei Parteien – die Konservativen, Labour und die Liberaldemokraten – hatten sich für einen Beitritt ausgesprochen. Was sollte da noch schief laufen? Zwei Jahre später trat de Gaulle zurück. Premierminister Harold Wilson (Labour) verlor keine Sekunde, ein drittes Beitrittsgesuch abzuschicken. Unter der Ägide seines Nachfolgers Edward Heath (Konservative) wurde das Vereinigte Königreich am 1. Januar 1973 doch noch Mitglied der EU.

Knapp fünfzig Jahre hat der Spuk gedauert. Im Nachhinein muss man sich wundern, dass die Briten je glaubten, sie könnten sogleich über den Schatten einer über fünfhundert Jahre hinweg herangezüchteten Inselmentalität springen und sich einer neuen Weltordnung unterwerfen.

Vielleicht war die Aufbruchstimmung der 1960er-Jahre schuld daran. Das Land war von der Euphorie erfasst worden, welche die Beatles und die Rolling Stones ausgelöst hatten. Gleichzeitig waren die tektonischen Platten der Klassenstruktur ins Rutschen geraten. Diverse Aussenposten des Imperiums hatten sich selbstständig gemacht, nach langer Fehlwirtschaft hingen schwarze Wolken über diversen Industriezweigen. Auf der Achterbahn zwischen Zukunftseuphorie und Zukunftsangst konnte man leicht die Besinnung verlieren. Mit dem Beitritt zur EU glaubte man sich wirtschaftlich abzusichern.

Nur der Brexit schützt vor europäischen Unsitten

Die Briten waren Jahrhunderte lang Eigenbrötler, die sich ganz gut ohne fremde Hilfe hatten durchschlagen können. Sie hatten keinerlei Vorstellung davon, was es heisst, sich mit anderen Kulturen zu arrangieren, ja, von ihnen zu lernen, statt von der Vorstellung auszugehen, dass die Inselperspektive eh die beste sei.

Noch heute wird in den Läden oft gemurrt. Leuten, die mit Unzen, Pints und Zoll aufgewachsen sind, ist der Umgang mit Gramm, Liter und Zentimeter immer noch irgendwie fremd. Niemand erwartet, dass mit dem Brexit solche Anpassungen an exotische Gepflogenheiten rückgängig gemacht würden. Aber man erwartet, fortan wieder ganz allein wählen zu dürfen, welche Macken man für nützlich erachtet und welche nicht.

47 Jahre EU-Mitgliedschaft haben die Engländer – die Schotten, Nordiren und Waliser sind eine ganz andere Geschichte! – nicht vom Misstrauen vor dem Fremden, beziehungsweise dem, was sie nicht selber bestimmt haben, kuriert. Sie frönen mit Gusto dem Billigtourismus, lassen sich aber am liebsten an Stränden krebsrot braten, wo sie umgeben sind von Fish’n’Chips-Läden, pseudo-irischen Pubs und ebenfalls krebsroten Landsleuten.

Die «Leave»-Kampagne von Boris Johnson und der UK Independence Party (UKIP) von Nigel Farage machte sich das tiefsitzende Gefühl der Verunsicherung zu Nutzen. Sie wurden dabei von Boulevard-Zeitungen unterstützt, die das Bild eines von rumänischen Bettlern, italienischen Pizzabäckern und neuerdings eigenwilligen, dunkelhäutigen, amerikanischen Prinzessinnen überrannten Heimatlandes zeichneten. Nur ein Brexit könne England vor der Gefahr einer Invasion schützen.

Endlich am Ziel: Grossbritanniens Regierungschef Boris Johnson wird heute feiern, was er in den Wahlen versprach – der Brexit ist «done», exakt um Mitternacht.

Endlich am Ziel: Grossbritanniens Regierungschef Boris Johnson wird heute feiern, was er in den Wahlen versprach – der Brexit ist «done», exakt um Mitternacht.

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Die so geschürte Angst vor dem Ungewohnten reichte, um den Brexit zu erzwingen. Wie die vergangenen drei Jahre gezeigt haben, reichte sie indes nicht aus, um die Tory-Partei zusammenzuführen. Dieses Kunststück schaffte erst Boris Johnson. Er spielte als Erstes die xenophobe Motivation der Brexit-Bewegung hinunter (das erntete ihm Kritik in den eigenen Reihen) und erklärte, wichtig am Brexit sei die Tatsache, dass man nun wieder eine selbstständige Nation werde.

Europa, Prinz Harry, Meghan: Was vertreiben sie als nächstes?

Boris Johnson stellt mit Schirm, Charme und Frisur die Verkörperung eines ur-englischen Archetypen dar: vom «Trottel aus gutem Haus» (von Monty Python veralbert im «Upper Class Twit of the Year»-Sketch), der reich genug ist, sich einen Deut um Konventionen zu scheren.

Das Phänomen gab’s bereits im Mittelalter. Landbesitzer waren zu Reichtum gekommen, ihre Erben hatten nichts Besseres zu tun, als schrägen Hobbys nachzuhängen. Dazu kamen dann die Sprösslinge von weltenbummelnden Händlern und den Pionieren der industriellen Revolution. Viele verrückte Erfindungen von «upper class twits» entpuppten sich als Geniestreiche.

Natürlich sind sie alle im Internat aufgewachsen und haben dort die hohe Kunst des unterhaltsamen Schwätzens gelernt. Man kann sie täglich in zahllosen Comedy-Clubs erleben, ihnen haben die Briten den Erfolg ihrer Werbefirmen zu verdanken. Ihre Grundregel ist die: Es ist nicht wichtig, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird.

Einer wie Boris Johnson – vertrottelt, aber clever – wird zum Hoffnungsträger: Ein begnadeter Narr wie er kann sich immer irgendwie durchschnorren. «Gebrauchen Sie Ihr Recht auf freie Wahl», schrieb er als 16-Jähriger in einem Aufsatz im Elite-Internat Eton: «Schicken Sie Ihren Sohn an diese Schule, so werden Sie ihm das Wichtigste ins Leben mitgeben, das es gibt, nämlich den Sinn für seine eigene Wichtigkeit.»

Grossbritannien verlässt die EU, Meghan Markle und Prinz Harry (mit Sohn Archie) verlassen Grossbritannien: Brexit-Fans ärgern sich, dass sie nach Kanada auswandern.

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Die Kombination von Selbstbewusstsein, rhetorischem Talent und der Fähigkeit, sich in keiner Weise darum zu kümmern, was Nachbarn und Kritiker sagen, macht Johnson zum umschwärmten Popstar. Englische Geschichtsbücher sind voll von exzentrischen Figuren wie ihm. Auch sie stehen für die guten alten Zeiten. Dass so eine Figur im Zeitalter der stromlinienförmigen Teflon-Politik noch möglich ist – man hätte es nicht geglaubt.

Wer weiss, vielleicht wird Johnson England tatsächlich ins Mittelalter zurückführen können! Dass Prinz Harry und Ehefrau Meghan einer anderen Traditionsinstitution den Rücken gekehrt haben, verstärkt die Hoffnungen noch. Die mit keinerlei Fakten erklärte Feindseligkeit, mit der die Boulevardpresse Meghan Markle begegnete, lässt sich nur dadurch erklären, dass sie im Gegensatz zur ach so perfekten Kate nicht ins Bild einer englischen Prinzessin passte. So wie man die EU und jetzt auch sie vertrieben hat, kann man mit ein bisschen Bulldog-Willen alles vertreiben, was nicht zur Insel passt.