Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

China hebt Geburtenkontrolle auf

Erst vor drei Jahren hatte China die staatlich verordnete Ein-Kind-Politik abgeschafft und Eltern erlaubt, zwei Kinder zu bekommen. Doch das reicht nicht – nun soll auch die Zwei-Kind-Politik aufgehoben werden.
Felix Lee, Peking
Das Reich der Mitte braucht dringend Nachwuchs: Eltern fahren ihre Zwillinge durch die Strassen Pekings spazieren. (Bild: Roman Pilipey/EPA; 10. August 2018)

Das Reich der Mitte braucht dringend Nachwuchs: Eltern fahren ihre Zwillinge durch die Strassen Pekings spazieren. (Bild: Roman Pilipey/EPA; 10. August 2018)

Mehr als 35 Jahre lang hatten die chinesischen Behörden an Frauen und Männern im gebärfähigen Alter kostenlos Kondome und andere Verhütungsmittel verteilt. Wenn eine Frau dennoch ein zweites Mal schwanger wurde, mussten sie und ihr Gatte mit drakonischen Strafen rechnen. Sogar vor Zwangsabtreibungen bis spät in der Schwangerschaft schreckten die Behörden nicht zurück. Millionen Frauen und Föten waren betroffen. Mit der Beschränkung der Familiengrösse auf maximal ein Kind pro Ehepaar wollte Chinas Führung das Bevölkerungswachstum eindämmen.

Vor drei Jahren hob die chinesische Führung diese «Ein-Kind-Politik» auf und erlaubte Eltern, ein zweites Kind zu bekommen, sofern mindestens ein Elternteil Einzelkind ist. Nun hebt die chinesische Führung auch die Zwei-Kind-Politik auf.

Regierung wollte Bevölkerungsexplosion verhindern

Chinesische Staatsmedien berichten, dass die Regierung die staatliche Geburtenkontrolle komplett aufheben will. Ein entsprechender Gesetzentwurf sei bereits in Planung. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, Regelungen zur Familienplanung würde es künftig gar nicht mehr geben. Damit werde der «sich ändernden demografischen Situation» Rechnung getragen, heisst es zur Begründung. Spätestens beim Nationalen Volkskongress Anfang 2020 sollen die über 3000 Delegierten das Gesetz beschliessen und damit offiziell die völlige Abkehr von der Ein-Kind-Politik besiegeln. Dass die Staatsmedien schon jetzt darüber so ausführlich berichten, weist darauf hin, dass die Behörden nicht mehr so genau auf die Einhaltung achten sollen. Die staatliche Geburtenkontrolle, die fast vier Jahrzehnte bei vielen Familien für so viel Leid gesorgt hat, ist damit jetzt schon quasi vom Tisch.

Mehr als 35 Jahre lang hatte die chinesische Führung diese von Anfang an höchst fragwürdige Familienpolitik durchgesetzt. Die Logik der Kommunistischen Partei: Nur wenn auf jedes Paar höchstens ein Kind kommt, lässt sich eine Bevölkerungsexplosion verhindern. Sie befürchtete, die vielen Menschen im Land nicht ausreichend ernähren zu können. Sie wollte zudem die knappen Ressourcen schützen.

Ein-Kind-Politik beeinflusste Geschlechterverhältnis

Diese Politik, die so schwer in das Privatleben jedes Einzelnen eingriff, zeigte rasch Wirkung. Die Geburtenrate fiel von durchschnittlich acht Kindern in den sechziger Jahren auf heute 1,4 pro Frau. China ist mit 1,38 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt. Die Partei brüstet sich damit, auf diese Weise zwischen 400 und 600 Millionen Menschen verhindert zu haben. Diese staatlich vorgegebene Bevölkerungsplanung hat nun jedoch zur Folge, dass das ganze Land zu vergreisen droht – mit dramatischen Folgen für den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme, die sich bereits bemerkbar machen.

Die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte sinkt seit einigen Jahren, die Zahl der Menschen im Rentenalter hingegen steigt drastisch, entsprechend die Kosten für die Alters- und Gesundheitsversorgung. Bis 2030 wird die Zahl der über 60-Jährigen auf mehr als 300 Millionen steigen. Jeder vierte Chinese ist dann ein Greis. Schon jetzt weiss die chinesische Führung nicht, wie sie ihre vielen alten Menschen versorgen soll.

Auch auf das Geschlechterverhältnis wirkte sich die Ein-Kind-Politik verheerend aus. Weil viele junge Eltern vor allem im ländlichen Raum lieber einen Jungen zur Welt bringen wollten, liessen sie weibliche Embryos abtreiben. Auf 100 Frauen kommen heute 117 Männer. Viele Männer in China finden keine Partnerin. Schon die Ablösung der Ein- durch die Zwei-Kind-Politik vor drei Jahren sollte zu einer Minderung dieser Probleme führen. Millionen von Familienplaner waren unterwegs, um die jungen Frauen nicht mehr zur Abtreibung zu drängen, wie es noch vor wenigen Jahren ihre Aufgabe war. Nun sollen sie die Frauen zu mehr Gebärfreudigkeit ermutigen. Doch die Rechnung geht nicht auf.

2016 wurden 17,9 Millionen Baby geboren, nur 1,3 Millionen mehr als im Vorjahr. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Neugeborenen auf 17,2 Millionen zurück. Viele Paare vor allem in den Grossstädten haben das Gefühl, dass sie sich angesichts der massiv gestiegenen Mieten und der hohen Kosten für gute Schulen kein zweites Kind leisten können. Gerade unter der Mittelschicht sind die Ansprüche zudem gestiegen. Die meisten von ihnen sind selbst ohne Geschwister aufgewachsen und können sich ein Leben in einer grösseren Familie gar nicht mehr vorstellen.

Die Begeisterung in der Bevölkerung über die Ankündigung hält sich denn auch in Grenzen. «Was soll ich ein drittes Kind in die Welt setzen, wenn ich mir angesichts der hohen Miete nicht einmal ein zweites Kind leisten kann», fragt eine junge Mutter in Chinas sozialen Medien. Eine andere Nutzerin schreibt: «Zuerst dürfen wir nur ein Kind kriegen, dann sollen es plötzlich so viele wie möglich sein. Was denn nun?»

Geburtenrückgang könnte Chinas Wachstum beeinträchtigen

Die Aufhebung komme zu spät, kritisieren auch Ökonomen. Der anhaltende Geburtenrückgang könnte schon bald das Wirtschaftswachstum der zweitgrössten Volkswirtschaft beeinträchtigen, warnen sie. Tatsächlich ist die Zahl der arbeitenden Bevölkerung zwischen 16 und 59 Jahren nach Angaben des Nationalen Statistikamtes seit 2013 um 2,4 Millionen auf insgesamt 920 Millionen gesunken. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Chinas Arbeitsheer bis 2030 um weitere 67 Millionen Menschen schrumpfen wird. Der Anteil der Bevölkerung im Rentenalter wird sich in der gleichen Zeit bis 2030 auf 210 Millionen fast verdoppeln und 2050 rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen. «China stehen harte Jahrzehnte bevor», sagt auch der Demografie-Experte Hu Xindou.

Hinweise auf eine Aufhebung der Geburtenkontrolle gibt es seit einigen Wochen. Das staatliche Postministerium hat im Juni eine Briefmarke für das Jahr des Schweins vorgestellt, das nach dem chinesischen Mondkalender 2019 beginnen wird. Auf der Marke ist eine Schweinefamilie abgebildet mit Eber, Sau und drei kleinen Ferkeln. In diesem Jahr, das dem Hund gewidmet wird, waren auf der Sondermarke bloss zwei Welpen abgebildet.

Ein-Kind-Politik: "Das war reine Propaganda"

1,38 Milliarden Einwohner zählt China heute, so viele Menschen wie in keinem anderen Land. Es hätten noch sehr viel mehr werden können, hätte es die Ein-Kind-Politik nicht gegeben – die Bevölkerungszahl läge heute bei knapp zwei Milliarden. Das zumindest behauptet die chinesische Führung – und erhält für ihre restriktive Geburtenkontrolle bis heute dafür selbst im Ausland Beifall.

Sie sei ein wesentlicher Grund für Chinas erfolgreiche Armutsbekämpfung gewesen, urteilte etwa 2005 die Weltbank. Der britische «Economist» bezeichnete die Ein-Kind-Politik 2014 als eine der wichtigsten Massnahmen zum Klimaschutz. Ohne sie wären rund 1,3 Milliarden Tonnen mehr Kohlenstoffdioxid in die Erdatmosphäre geblasen worden. Die Politik hatte ihren Preis: Rund 300 Millionen Abtreibungen haben die Behörden seit 1980 vorgenommen – die meisten davon erzwungen. Eine ganze Generation in China ist ohne Geschwister aufgewachsen, eine weitere auch ohne sonstige Verwandte, ausser ihren Grosseltern, gross geworden.

Demografie-Experte Cai Yong hält die Behauptung, die Ein-Kind-Politik habe 400 Millionen zusätzliche Neugeborene verhindert, denn auch für reine Propaganda, die Forscher und Medien aus aller Welt bloss nachbeteten. Statistiker hätten die Geburtenrate der frühen fünfziger Jahre mit einem steilen Strich einfach bis in die Gegenwart verlängert. Eine völlig falsche Annahme, kritisiert Cai. Mit steigendem Wohlstand gehe die Zahl der Kinder ganz von selbst zurück. Das habe sich auch in anderen Ländern gezeigt. Seinen Untersuchungen zufolge fiel der grösste Rückgang der chinesischen Geburtenrate gar nicht in die Zeit ab 1980, als die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde. Die Zahl war schon vorher deutlich zurückgegangen, von sechs Kindern Anfang der siebziger Jahre auf 2,8 zehn Jahre später. Und sie wäre ohne Zwangsmassnahmen weiter gefallen, ist sich der Experte sicher, der an der University of South California forscht: «Die Grausamkeiten hätte sich die chinesische Führung sparen können.» (flp)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.