China vermeldet nur noch 44 Ansteckungsfälle - und nutzt die Corona-Eindämmung für Propagandazwecke

Chinas Regierung zieht neues Selbstbewusstsein angesichts der drastisch gesunkenen Corona-Infektionszahlen. Die Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren.

Fabian Kretschmer aus Peking
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In einem temporären Spital in Wuhan macht medizinisches Personal mit Corona-Patienten Gymnastikübungen.

In einem temporären Spital in Wuhan macht medizinisches Personal mit Corona-Patienten Gymnastikübungen.

Zhang Junjian/AP

Einige der talentiertesten Drehbuchschreiber des Landes wurden bereits von Chinas Rundfunkbehörde nach Wuhan entsandt, um an einer Fernsehserie über den Virusausbruch zu recherchieren. Unter dem Arbeitstitel «Zusammen» wird das Projekt im Oktober ausgestrahlt werden, verkündete die staatliche «Global Times» auf ihrem Twitter-Account am Sonntag. Der Stoff würde in vielen Ländern wohl vor allem für eine messerscharfe Gesellschaftskritik dienen, schliesslich hat die Regierung den Virus über Wochen vertuscht und verheimlicht. In der Volksrepublik dürfte der Plot von «Zusammen» jedoch vielmehr eine reine Heldengeschichte werden.

Die Grundlage dafür basiert vor allem aus den seit Tagen massiv gesunkenen Neuinfektionen. Am Sonntagmorgen vermeldeten die Gesundheitsbehörden lediglich 44 Ansteckungsfälle, von denen sich 41 auf die elf-Millionen-Metropole Wuhan beschränken. Bei den restlichen drei Personen handelt es sich um sogenannten «importierte Fälle», eingeflogen aus dem Ausland. Abseits der Quarantäne-Gebiete kam es im bevölkerungsreichsten Land der Welt also praktisch zu keiner Virusübertragung. Auch wenn die offiziellen Zahlen Pekings mit Vorsicht zu geniessen sind, kann die Entwicklung zweifelsohne als epidemiologische Erfolgsgeschichte betrachtet werden.

Kein anderes Land hat derat strikte Quarantänemassnahmen getroffen

Den Preis dafür muss die Bevölkerung jedoch nach wie vor teuer bezahlen. Kein anderes Land hat derart strikte Quarantänemassnahmen getroffen, laut Schätzungen lebt die Hälfte der chinesischen Bevölkerung unter Einschränkungen unterschiedlichen Schweregrades. Einer von ihnen ist der 53-jährige Italiener Gabriele Battagalia: Als der Radiokorrespondent von RSI mit Arbeitsort Peking am 25. Februar seinen Rückflug von Mailand aus antrat, wurde über Nacht das Gesetz eingeführt, sämtliche Ausländer aus betroffenen Gebieten wie Südkorea, Iran und Italien für 14 Tage unter Quarantäne zu stellen. «Ich werfe den Behörden sicher keine Schuld vor, sie sind pragmatisch und auf das Problem fokussiert», sagt Battagalia, der seit seiner Ankunft in der chinesischen Hauptstadt die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen hat.

Zweimal täglich muss der Italiener seine Körpertemperatur messen und per Smartphone-App an einen Regierungsbeamten weiterleiten. Die Lebensmittel lässt sich der Journalist ebenfalls per Smartphone liefern, seinen Alltag füllt er mit Kochen, Serien schauen und Telefonaten. «China hat sein eigenes Modell, mit dem Virus umzugehen: Massenmobilisierung und das rasche Umsetzen von drakonischen Massnahmen, wie etwa die Quarantäne einer gesamten Provinz», sagt Batagallia. Es sei im Land üblich, dass individuelle Rechte zum Wohl des Kollektivs zurückstecken müssten. Dafür jedoch tragen in Chinas Hauptstadt nur mehr 112 Menschen das Virus in sich, in Shanghai sind es gar nur mehr 25.

Das Narrativ ist einfach: «Wir haben das geschafft, woran die anderen zu scheitern drohen»

Seither haben Chinas Staatsmedien Oberwasser. Das gängige Narrativ lautet, dass die Volksrepublik genau das vollbracht hat, woran Südkorea, Italien, Iran oder auch den USA zu scheitern drohen: die Eindämmung des neuartigen Coronavirus. Auf dem chinesischen sozialen Medien scheint der Tenor Anklang zu finden. Bei einem Artikel über den Virusausbruch in Italien schreibt ein Nutzer etwa auf «Weibo»: «Die Situation ist bereits extrem ernst und trotzdem wollen die Italiener keine Gesichtsmasken tragen. Ich denke, das Coronavirus hat bereits ihre Gehirne angegriffen». Ein anderer meint: «Wenn die Italiener nicht aus den Gegenmassnahmen lernen, die China ergriffen hat, dann können sie nur mehr auf dem Tod warten».

War China noch zu Beginn in die Defensive gezwungen, nicht zuletzt weil es für seine Vertuschung und verspätet ergriffene Massnahmen gegen das Virus als globaler Sündenbock herhalten musste, wählen die Diplomaten des Landes nun eine aggressiv selbstbewusste Strategie: So hat die Regierung etwa drei Journalisten des «Wall Street Journal» aufgrund eines als rassistisch empfundenen Artikel des Landes verwiesen. Ebenfalls haben einzelne Spitzendiplomaten wiederholt die – wissenschaftlich nicht haltbare - These verbreitet, das Virus habe möglicherweise seinen Ursprung gar nicht in China.


Am Samstag hat schliesslich Wuhans neuer Parteisekretär den Stadtbewohnern eine «Dankbarkeitskampagne» verordnet, wie eine Lokalzeitung berichtet: Es sei notwendig, die Bürger dahingehend zu bilden, so dass «sie Generalsekretär Xi Jinping und der Kommunistischen Partei danken können».