CHINA/NORDKOREA: Zum Shoppen ins Grenzgebiet

Gegen Nordkorea gelten die schärfsten internationalen Sanktionen, die je verhängt wurden. Selbst Pjöngjangs einstiger Verbündeter China hält sich an sie. In der nordostchinesischen Grenzstadt Dandong wird aber weiter gehandelt.

Felix Lee, Dandong
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Oben: Freundschaftsbrücke in Dandong, unten: Szenen beidseits des Yalu-Grenzflusses. (Bilder: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))

Oben: Freundschaftsbrücke in Dandong, unten: Szenen beidseits des Yalu-Grenzflusses. (Bilder: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))

Felix Lee, Dandong

Die Fischerboote liegen fest vertäut am Kai. Das Deck ist mit einer schwarzen Plane abgedeckt. Offenbar soll sie den Anschein erwecken, als stünde hier alles still. Doch der noch dampfende Motor weist darauf hin, dass die Schiffe noch bis vor kurzem in Betrieb waren. Unter der Plane schauen ein paar Kisten hervor. Es riecht streng nach Fisch. Plötzlich rast ein älterer Mann mit einem Stock in der Hand auf die Gruppe zu. «Was macht ihr hier?», brüllt er und versucht einem der Besucher die Kamera aus der Hand zu reissen. «Rück sofort die Bilder raus», schreit er aufgebracht und weist seine Mitarbeiter an, den Besuchern den Weg zu versperren. So weit kommt es nicht. Nach einem kurzen Handgemenge gelingt es der Gruppe, das Hafengelände eigenständig zu verlassen.

«Sie sind offenbar sehr nervös», sagt Jiang später. Der 42-Jährige ist von Berufs wegen eigentlich Geschäftsmann. Das sieht man ihm an diesem Vormittag allerdings nicht an. Er trägt eine Baseballmütze, und mit seinem etwas zu gross sitzenden T-Shirt mit Heavy-Metal-Print macht er den Eindruck, als hätte er im Kundengeschäft schon länger keinen Vertrag mehr abgeschlossen. «Die Geschäfte laufen schlecht», gibt er zu. Deswegen betätige er sich nun als Fremdenverkehrsführer.

Luxusartikel für nordkoreanische Funktionäre

Der Gruppe wollte er den Fischereihafen am Mündungsgebiet des Yalu zeigen, dem Grenzfluss zu Nordkorea. Dass die Behörden nun sehr viel strenger kontrollierten, bekämen derzeit alle in der Region zu spüren, erzählt er. Vor ein paar Tagen hätten ihn Freunde besucht. Sie wollten sich mit ihm betrinken. «Warum? Weil sie unglücklich sind über die weggebrochenen Geschäfte.»

Seitdem die chinesische Regierung vor einem Monat im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt hat, sind die Behörden in der Grenzregion rigoros dabei, die Vorgaben auch tatsächlich umzusetzen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Offiziell hatte Peking auch vorher schon die UN-Sanktionen gegen den einstigen Bruderstaat mitgetragen. Doch zumindest in Dandong, der grössten chinesischen Stadt entlang der Grenze zu Nordkorea, hatte sich kaum einer an die Vorgaben gehalten. Weder die Händler, die bereitwillig nordkoreanischen Funktionären Luxusartikel verkauften, noch die Zollbeamten oder das Grenzmilitär, die allzu oft ein Auge zudrückten und womöglich dafür Geld erhielten. So erzählt man es sich zumindest. Bis zuletzt bestritt Nordkorea 91 Prozent seines Aussenhandels mit China.

Doch als am Morgen des 3. September in Dandong die Erde bebte und sich wenig später herausstellte, dass Nord­korea erneut eine Nuklearbombe getestet hat – und dies mit einer nie da gewesenen Sprengkraft – schien auch Pekings Geduld mit dem einstigen Verbündeten am Ende. Seitdem gelten sie, die Sanktionen. Das zumindest besagt ein Aushang, der am Eingang des Fischmarktes von Dandong an einer Wand hängt. Verboten sei die Einfuhr von Eisen, Kohle und Meeresfrüchten, steht dort. Zudem dürfe keine Kleidung mehr aus Nordkorea importiert werden. Sämtliche nordkoreanischen Gastarbeiter sind angewiesen, bis spätestens Ende des Jahres in ihr Land zurückzukehren. Jiang vermutet, dass einige Fischer trotzdem weiter Meerestiere von und nach Nordkorea transportieren. «Und wahrscheinlich noch ganz andere Dinge.»

Yalu: Der Grenzfluss zwischen China und Nordkorea entfaltet eine starke Symbolkraft. Auf beiden Seiten des Flusses erstrecken sich Zäune mit Stacheldraht. Nur im Stadtgebiet von Dandong nicht. Die Stadt ist das Tor zu Nordkorea. Früher hiess die Region ­Andong, was auf Deutsch «friedlicher Osten» bedeutet. Einige Jahre nach dem Koreakrieg (1950–1953) benannte Chinas damaliger Machthaber Mao Tse-Tung die Stadt in Dandong um: «roter Osten». Aus freundschaftlicher Verbundenheit zum Bruderstaat.

Florierende Grenzmetropole – dank Nordkorea

Damit es die «imperialistischen Kräfte» – gemeint sind Südkorea, die USA und die Vereinten Nationen – nicht noch einmal wagten, den Nordteil der koreanischen Halbinsel zu annektieren, stationierte Mao Tse-Tung Hunderttausende Soldaten im Grenzgebiet. Dandong wurde zur Garnisonsstadt. Das ist sie bis heute. Nur ist die Millionenstadt inzwischen auch Handelsmetropole. «Alles, was du in Dandong siehst, hat mit Nordkorea zu tun», sagt Fremdenführer Jiang. Entweder sei man Soldat, oder man lebe vom Handel mit dem Nachbarn. Unmittelbar vor den Toren der Innenstadt von Dandong aus erstreckt sich eine Stahlkonstruktion über den Fluss: die weltberühmte Freundschaftsbrücke. Sie trifft auf der anderen Flussseite auf Sinuiju, die drittgrösste Stadt in Nordkorea. 1937 von den japanischen Kolonialherren erbaut, dient die Brücke heute als Lebensader zwischen Nordkorea und der Aussenwelt. Über zwei Drittel des gesamten nordkoreanischen Aussenhandels wird über sie abgewickelt. Dabei ist sie nicht einmal besonders breit. Nur ein Schienentrassee und eine Strasse für Busse und LKW führen über die Brücke – jeweils einspurig. Jeden Morgen um 9 Uhr wird der Grenzpfosten in Richtung Nordkorea geöffnet. Nachmittags geht es in die andere Richtung zurück. Fussgänger sind auf der Brücke nicht erlaubt.

Der Grenzverkehr läuft trotz der Sanktionen weiter – allerdings sehr viel schleppender als noch vor einem Monat. Im Schritttempo rollen die zumeist abgenutzten Lastwagen über die insgesamt 941 Meter. Die Zeiten, als schier endlose Karawanen über die Brücke fuhren, sind vorbei. «Nach Nordkorea werden nur noch die notwendigsten Lebensmittel geliefert», sagt Jiang. China habe die Kontrollen verschärft. Selbst kleine Laster würden nun durchleuchtet. Umso mehr blüht auf der chinesischen Seite der Tourismus. Direkt neben der Freundschaftsbrücke steht eine zweite, etwas niedrigere Stahlkonstruktion, die alte ­Yalu-Brücke. Heute heisst sie Duan Qiao, «zerbrochene Brücke». Denn das letzte Drittel der Brücke, das in Richtung Nordkorea weist, fehlt. Amerikanische Bomber hatten sie im Koreakrieg zerstört. Nur die massiven Pfeiler ragen noch aus dem Wasser. Heute ist die Brücke ein Mahnmal – und eine Plattform für chinesische Touristen, um einen Blick auf die andere Seite zu erhaschen.

Tourismus im Grenzgebiet: Wie ein Disneyland-Ausflug

Dazu stehen am Geländer Ferngläser bereit. Zu erkennen sind auf nordkoreanischer Seite menschenleere Strassen und graue Fassaden, von denen der Putz herunterfällt. «Für uns Chinesen ist Nordkorea wie das eigene Land vor 40 Jahren», sagt Jiang. «Das fasziniert uns.» Auf der Dandong-Seite hingegen blinkt und lärmt es wie in Disneyland. Nur säumen anstelle von Mickey Maus und ­Donald Duck Statuen im Sowjet-Stil die ­Flaniermeile. Dutzende chinesische Reisegruppen schlendern vorbei an Souvenirständen, die Spielzeugpanzer und Patronenhülsen anbieten. Einige Verkäufer versuchen, den Touristen eine Bootsfahrt aufzuschwatzen, immerhin die Haupt­attraktion von Dandong. Mit der Sonnenbrille und der schwarzen Weste wirkt der Bootsfahrer eher wie ein Agent aus einem James-Bond-Film. Zu diesem Image trägt auch sein Motorschnellboot bei. Mit 50 Stundenkilometern rast er mit Touristen an Bord über den Fluss. 250 Yuan, umgerechnet rund 30 Franken, kostet die gerade einmal viertelstündige Fahrt pro Person. «Der Fluss gehört beiden Seiten», sagt der Bootsführer. Bis auf wenige Meter wagt er sich mit dem Boot ans nordkoreanische Ufer heran. Nur aussteigen dürfe man nicht.

Groteske Szenen spielen sich auf dem Yalu ab. Die Touristen auf den Booten halten aufdringlich ihre Kameras auf die nordkoreanischen Hafenarbeiter und Grenzsoldaten, die sich wie eine Attraktion im Zoo fühlen müssen. Ein paar von ihnen versuchen, ihre Gesichter zu verdecken. Die meisten aber ignorieren den Trubel. Das Schnellboot rast einige Kilometer den Fluss hinauf und steuert hinter den Büschen eine Stelle am Ufer an. Dort steht bereits ein weiteres chinesisches Touristenboot.

Ein nordkoreanischer Kutter mit einem Fischer nähert sich. Mit der einen Hand hält er eine Stange Zigaretten in die Höhe, mit der anderen eine Flasche Schnaps und eine Plastiktüte mit getrockneten Fischen – Dinge, die auf ­chinesischer Seite in jedem Supermarkt erhältlich sind. Die meisten Touristen greifen dennoch beherzt zu. «Keine Sorge, Ihr könnt gern zuschlagen», sagt Jiang. «Schnaps und Zigaretten fallen nicht unter die Sanktionen.»

Chinesische Sanktionen gegen Nordkorea

Lange galt China als loyaler Verbündeter Pjöngjangs. Spätestens seit dem nordkoreanischen Nuklearbombentest vor genau einem Monat reagiert jedoch auch das Regime in Peking mit scharfen Massnahmen auf das nordkoreanische Atomprogramm. Als Folge der am 11. September verabschiedeten UN-Resolution 2375 hat China die Schliessung aller nordkoreanischen Firmen im Land angeordnet. Bis Januar müssten sämtliche nordkoreanischen Firmen in China geschlossen sein, erklärte das chinesische Handelsministerium am vergangenen Freitag. Seit Anfang dieses Monats setzt China zudem einen weiteren wesentlichen Teil der Sanktionen um: So wird seit wenigen Tagen der Ölexport nach Nordkorea begrenzt. US-Präsident Donald Trump hatte Peking immer wieder vorgeworfen, nicht genug Druck auf Pjöngjang auszuüben. China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner; die Sanktionen treffen die kommunistische Diktatur daher hart. (red)

Szene am Yalu-Grenzfluss. (Bild: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))

Szene am Yalu-Grenzfluss. (Bild: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))

Szene am Yalu-Grenzfluss. (Bild: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))

Szene am Yalu-Grenzfluss. (Bild: Felix Lee (Dandong, 25. September 2017))