Heikle Mission
Chinas höchster Diplomat tourt durch Europa – mit einem klaren Ziel

Wang Yi ist auf heikler Mission in der Alten Welt. Denn einiges läuft gar nicht so, wie Peking sich das derzeit wünscht.

Fabian Kretschmer aus Peking
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CH Media

Chinas Aussenminister Wang Yi ist dieser Tage zu einer delikaten Auslandsreise aufgebrochen: Erstmals seit dem Ausbruch der Pandemie wird der Spitzendiplomat aus der Volksrepublik durch Europa touren. Der 66-Jährige hat dabei eine Mammutaufgabe zu bewältigen: Er muss verhindern, dass die EU-Mitgliedsstaaten dem harten China-Kurs von US-Präsident Donald Trump folgen.

Natürlich müssen wir alle unsere wirtschaftliche Souveränität schützen. Aber das bedeutet nicht, dass wir unsere Märkte füreinander schliessen sollten.

Das sagte Wang am Montag.

Wangs Reise startet in Italien, das als bislang wichtigster europäischer Partner dem Megaprojekt «Neue Seidenstrasse» beigetreten ist. Das Projekt sorgt mancherorts für Sorgenfalten. Sowohl Angela Merkel als auch Emmanuel Macron schauen mit Argwohn auf Chinas Gebaren vor der eigenen Haustür. Andere Staaten wie etwa Griechenland heissen die chinesischen Investitionen dagegen mit Handkuss willkommen.

Zwiespalt säen und Profit draus ziehen

Genau diese europäische Uneinigkeit macht sich die Staatsführung in Peking gezielt zu Nutze. Frei nach dem Motto «divide et impera» (teile und herrsche) sät China Zwiespalt und setzt auf bilaterale Beziehungen zu den einzelnen Akteuren. Dem könnte die EU als Gesamtkonstrukt theoretisch entschieden entgegentreten. Denn: Europa ist der mit Abstand wichtigste Markt für China. Inmitten des sich verschärfenden US-chinesischen Handelskriegs kann es sich Peking unter keinen Umständen leisten, auch noch Europa zu verärgern. Was China dabei am meisten fürchtet, ist eine enge transatlantische Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA.

Bislang ging Peking fest davon aus, dass sich Europa nicht von China abwenden wird, solange sich aus der gegenseitigen Handelsbeziehung wirtschaftlich Profit schlagen lässt. Das gilt aber nicht länger als sicher. Nicht zuletzt deshalb, weil Chinas jüngste Hongkong-Politik Alarmsignale nach Berlin und Paris gesendet hat.

Frankreichs Taiwan-Politik provoziert Peking

Das Beispiel Deutschland zeigt zudem, dass sich die Anfangseuphorie über das aufstrebende Riesenreich gelegt hat. Deutsche Ingenieure stellten die Maschinen her, die in den Fabriken zwischen Guangzhou und Schanghai landeten und den Aufschwung erst möglich machten. Mittlerweile jedoch sind viele chinesische Unternehmen technologisch gesehen Konkurrenten auf Augenhöhe. Sollte die Win-win-Situation für europäische Länder nicht mehr gegeben sein, könnte schon bald ein schärferer Wind von Brüssel in Richtung Peking wehen.

Bereits am Dienstag musste China einen diplomatischen Gesichtsverlust einstecken, nachdem Taiwan – dessen Unabhängigkeit China noch immer nicht anerkennt – die Eröffnung einer Repräsentanz im französischen Aix-en-Provence angekündigt hatte. Chinas Parteizeitung «Global Times» hat die Entscheidung als «gefährliche Provokation» bezeichnet, die «nach hinten losgehen» werde.

Jene Äusserungen könnten dafür sorgen, dass ein laut diplomatischen Kreisen geplantes Treffen Wangs mit Emmanuel Macron doch noch platzen könnte. Ein Treffen mit Merkel, heisst es, sei ohnehin äusserst unwahrscheinlich.