Chinas Männer mögen Make-up

Lippenstift und sich pudern ist doch was für Frauen. Nicht so im modernen China. Dort stehen auch immer mehr Männer auf Make-up und teure Crèmes. Die Kosmetikbranche ist begeistert.

Felix Lee, Peking
Drucken
Teilen
Der Beauty-Blogger Lan Haoyi bereitet sich auf einen Auftritt für seinen Streamingkanal vor. (Bild: Wang Zhao/AFP; Peking, 29. Juli 2018)

Der Beauty-Blogger Lan Haoyi bereitet sich auf einen Auftritt für seinen Streamingkanal vor. (Bild: Wang Zhao/AFP; Peking, 29. Juli 2018)

Einen Lippenstift speziell für Männer führen die meisten Pekinger Kosmetikgeschäfte zwar nicht. Doch es gebe ihn, sagt Mo Fei und verweist auf sein Onlinegeschäft Chetti Rouge. Auch Lidschatten, Make-up und spezielle Hautcrèmes, die herbe Männerhaut weicher und geschmeidiger macht, führt der Online-Unternehmer. «Männerkosmetik im Geschäft zu kaufen ist vielen Männern in China nach wie vor peinlich», sagt Mo Fei. Im Netz hingegen floriere das Geschäft.

Kosmetik für Männer gibt es auch in vielen anderen Ländern. Doch in kaum einem Land ist es unter zumeist jungen Männern so angesagt, sich die Augen mit einem Kajalstift zu bemalen, Lippenstift aufzutragen und sich ­Make-up aufzutragen wie im Reich der Mitte. «Männer wollen auf Selfies eben auch hübsch aussehen», erklärt Mo Fei.

Männliche Schönheitsratgeber

Der Trend begann vor drei Jahren mit dem Pekinger Student Jiang Cheng. Der junge Mann hatte Abdeckcrème aufgetragen, um seine Pickel und andere Hautunreinheiten zu verdecken. Als er sich anschliessend im Spiegel ansah, gefiel er sich. Die Erfahrungen, die Jiang mit dem Make-up machte, wollte er mit anderen teilen. Er filmte sich mit seinem Smartphone beim Schminken und ging damit über einen Live-streaming-Kanal auf Sendung. Tausende schauten ihm zu.

Der inzwischen 24-Jährige ist heute in der Kosmetikbranche ein angesagter Influencer. Mehrmals in der Woche geht Jiang in einem eigens eingerichteten Kosmetikstudio auf Sendung und probiert live neue Crèmes und Püderchen aus. Interessierte, die ihm dabei zuschauen, können per Mausklick die von ihm ausprobierten Produkte online bestellen. Er ist nicht der einzige. Hunderte männliche Beauty-Blogger lassen sich derzeit regelmässig dabei filmen, wie sie sich schminken.

Ein lukratives Geschäft für die weltweite Kosmetikbranche: Das Marktforschungsinstitut Euromonitor rechnet damit, dass in den nächsten fünf Jahren der Markt für Männerkosmetik in der Volksrepublik um über 15 Prozent wachsen werde. Die Branche hat reagiert. Der französische Kosmetikgigant L’Oréal hat eine Männerlinie für den chinesischen Mann auf den Markt gebracht. Andere Firmen wollen folgen.

Schlechtes Vorbild

Und auch chinesische Promis gefällt es, sich nicht nur dezent vor einem Kameraauftritt pudern zu lassen. Sie tragen Schminke ganz selbstbewusst und selbstverständlich auf. Der chinesische Sänger Zhu Zhengting etwa zeigt sich seinen Fans in den sozialen Medien regelmässig mit rosa Lippenstift und Make-up.

Nachdem Zhu in einer Bildungsserie speziell für Teenager im chinesischen Staatsfernsehen CCTV zur Hauptsendezeit geschminkt zu sehen war, empörte sich die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua darüber. Der Sänger Zhu sei ein schlechtes Vorbild. Mit seiner vielen Schminke würde er die jungen Menschen in ihrer Identitätsfindung verunsichern.

Die «Volkszeitung», Chinas wichtigste Staatszeitung, hält jedoch dagegen und lehnt die Kategorisierung in «nicht männlich» und «nicht weiblich» ab. Die heutige Gesellschaft sei vielfältiger geworden. Und überhaupt: «Ist es nicht schön, wenn in China auch die Männer mehr auf ihr Äusseres achten?» Diesen Kommentar schrieb eine Frau.