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Chinas Tech-Angestellte begehren gegen überrissene Arbeitszeiten auf

Sechs Tage die Woche 12 Stunden arbeiten – zumindest wenn es nach Alibaba-Gründer Jack Ma geht, sind Überstunden ein «grosser Segen» für die jungen Leute. Doch die wehren sich nun – und wissen die kommunistische Führung hinter sich.
Felix Lee, Peking
Junge Chinesen in einer U-Bahnstation in Peking während der abendlichen Hauptverkehrszeit. (Bild: Andy Wong/AP (17. April 2019))

Junge Chinesen in einer U-Bahnstation in Peking während der abendlichen Hauptverkehrszeit. (Bild: Andy Wong/AP (17. April 2019))

Wenn Hu Mei vor ein paar Jahren von ihrem Job erzählte, hatten viele sie noch bewundert. «Oh, wow, du hast es geschafft» oder «Bei euch würde ich auch gerne anfangen», hiess es dann. Die 31-Jährige ist Angestellte eines Pekinger Start-ups, das Onlinespiele entwickelt. Ihr Gehalt findet sie okay. Ihr Büro ist im 14. Stock eines neuen Hochhauses mit Blick auf einen Park. Auf ihrer Büroetage gebe es ein firmeneigenes Café mit gemütlicher Sofaecke. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind in ihrem Alter.

Doch inzwischen bezweifelt Hu Mei, dass sie ihren Traumjob gefunden hat. Mit ihrer Arbeit beginnt sie morgens um 9 Uhr. Am Abend verlässt sie das Büro selten vor 21 Uhr. Und da sie bis nach Hause mit der U-Bahn noch mal mehr als eine Stunde unterwegs ist, schafft sie es oft nicht, vor Mitternacht im Bett zu sein. Auch samstags muss sie arbeiten. «996» – Arbeiten von 9 bis 9 Uhr, sechs Tage die Woche, ohne zusätzlichen Lohn – das ist auch bei ihr im Unternehmen die Regel – inoffiziell. In ihrem Arbeitsvertrag steht die 40-Stunden-Woche.

«Kein Schlaf, kein Sex, kein Leben», titelte die in Hongkong erscheinende «South China Morning Post» und schreibt über den seit Wochen wachsenden Widerstand gegen die vielen Überstunden, die bei den meisten chinesischen Tech-Firmen üblich sind. Auf der Entwicklerplattform Github hat im März eine Gruppe von Entwicklern unter dem Stichwort «996.ICU» zu diesem Protest aufgerufen. Die Aktivisten haben eine schwarze Liste auf ihre Webseite gestellt mit rund 100 Unternehmen, die gegen Arbeitszeitgesetze verstossen. Darunter sind Chinas Tech-Riesen Alibaba, Huawei, Tencent, Baidu, Xiaomi und JD.com. Millionenfach ist die Seite seitdem angeklickt worden. Der Zusatz ICU steht für Intensive Care Unit und ist eine Anspielung auf überarbeitete Beschäftigte, die wegen Überarbeitung auf der Intensivstation des Krankenhauses landen. Tatsächlich seien Todesfälle von Angestellten in vielen Tech-Firmen «auf lange Überstunden zurückzuführen», schreibt «China Daily», eine chinesische Staatszeitung.

«Es geht um Profit»

«Wir brauchen diejenigen nicht, die bequem acht Stunden arbeiten», erwiderte Richard Liu, Chef des Onlinehändlers JD.com, und zog den öffentlichen Zorn auf sich, als er die Aktivisten als «Faulenzer» bezeichnete. Am meisten in Kritik steht allerdings Alibaba-Chef Jack Ma. Der reichste Mann Chinas nannte «996» und die 72-Stunden-Woche einen «grossen Segen». Junge Leute sollten die Kultur der Überstunden, wie sie in vielen Tech-Unternehmen vorherrsche, schätzen und für sich nutzen. Wer in seinem Unternehmen anfange, solle auch bereit sein, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten.

Die chinesische Regierung hatte sich zunächst nicht offiziell geäussert. Sie hat die Debatte aber auch nicht unterbunden wie es im autoritären China üblich ist. Inzwischen haben die Verlautbarungsorgane der kommunistischen Führung Position bezogen – und zwar zu Gunsten der Aktivisten. «996 hat nichts mit Strebsamkeit zu tun. Es geht um Profit», kritisierte das von der kommunistischen Partei heraus- gegebene Journal «Banyuetan». Beschäftigte sollten auf ihre Gesundheit achten und sich ihrer Rechte bewusst sein, schreibt auch die vom Parteiorgan «Volkszeitung» herausgegebene «Global Times». «Sie sollten sich trauen, Nein zu sagen gegenüber Unternehmen, die sich nicht an das Arbeitsrecht halten.»

Verändertes Freizeitverhalten

Ma, selbst KP-Mitglied, ist seitdem kleinlauter geworden. Arbeit solle Spass machen, und innerhalb der zwölf Stunden pro Tag müsse selbstverständlich Zeit für Reflexion und persönliche Weiterbildung sein, schrieb er auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo. Ma betonte: «Es geht nicht um mühsame körperliche Arbeit und es hat nichts mit Ausbeutung zu tun.» Seinen eigenen Erfolg führt er auf harte Arbeit zurück.

In den sozialen Medien haben sich Tausende Mitarbeiter von Tech-Unternehmen zu Wort gemeldet und berichten von ihren Erfahrungen. Einige vergleichen sich bereits mit Arbeitern von Unternehmen wie Foxconn oder Pegatron, die bekannt sind für ihre miserablen Arbeitsbedingungen und auch in China in Verruf geraten sind. Unternehmen wie Huawei oder Tencent hatten sich bewusst von diesen Firmen abgegrenzt und mit ihrer «campusartigen Atmosphäre» auf ihren Firmengeländen geworben. Von «Ausbeutung im modernen Gewand» schreibt ein Aktivist über die Zustände bei Huawei.

Diese Vergleiche hält der Arbeitsmarktexperte Han Jun für überzogen. Er glaubt, dass die Ansprüche der jungen Generation gestiegen sei. Die Einstellung zu langen Arbeitszeiten habe sich durch steigenden Wohlstand und mehr Freizeitmöglichkeiten verändert, sagt der Professor, der an der Volksuniversität in Peking lehrt. Angestellte legten grösseren Wert darauf, ihre freie Zeit zu geniessen. Die von Jack Ma propagierte Arbeitsmoral hält Han jedoch auch nicht für zeitgemäss. In der sich wandelnden Wirtschaft seien heute andere Qualitäten gefragt als nur Fleiss. Der Bedarf an besonderen Fähigkeiten und an Kreativität werde grösser, sagt Han. «Wenn sie ihre Angestellten auffordern, übermässig lange zu arbeiten, dann sinkt die Qualität der Leistung und die Effizienz.»

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