Russland
Chodorkowski zu Putins Haftbefehl: «Die sind verrückt geworden»

Der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski ist international zur Fahndung ausgeschrieben. Ihm wird der Auftrag für einen Mord zur Last gelegt. Der Angegriffene bezeichnet den «Haftbefehl in Abwesenheit» als schizophren.

Axel Eichholz, Moskau
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International zur Verhaftung ausgeschrieben: Michail Chodorkowski.

International zur Verhaftung ausgeschrieben: Michail Chodorkowski.

Keystone

Wie die quasi-amtliche russische Nachrichtenagentur Tass gestern Mittwoch mitteilte, ist der frühere Besitzer der Ölgesellschaft Yukos, Michail Chodorkowski, «in dessen Abwesenheit verhaftet» und international zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Nicht mehr in der Schweiz

Chodorkowski zog 2014 mit seiner Frau und seinen Kindern nach Rapperswil-Jona SG. Dort lebt die Familie allerdings seit Oktober nicht mehr, wie sein ehemaliger Kommunikationsbeauftragter Werner Schaeppi von der Zuger Agentur Creafactory der Nachrichtenagentur SDA auf Anfrage sagte. Chodorkowski habe sich bei der Gemeinde offiziell abgemeldet und sei in Richtung London weitergezogen. (sda)

Er hatte bereits zehn Jahre im russischen Arbeitslager wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen verbracht. Diesmal wird ihm vorgeworfen, 1998 den Mord am Bürgermeister der sibirischen Stadt Neftejugansk, Wladimir Petuchow, bestellt zu haben. Der Sprecher der Zentralen russischen Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin, sagte laut Tass, die Behörde werde sich demnächst an Interpol mit der Bitte wenden, den Exilunternehmer auf ihre Fahndungsliste zu setzen.

Auslieferungschancen gleich null

«Die sind verrückt geworden», sagte der im britischen Exil lebende Chodorkowski in einer ersten Reaktion. Hausdurchsuchungen bei seinen Moskauer Nachbarn, die zum Zeitpunkt des Mordes erst zehn Jahre alt gewesen seien, sprächen eindeutig dafür.

Die schizophrene «Verhaftung in Abwesenheit» passe dazu. Am Dienstag waren die Diensträume von Chodorkowskis Stiftung «Offenes Russland» durchsucht worden, wobei Computer und Datenträger mitgenommen wurden. Seine Pressesekretärin Kulle Pispanen erklärte vor Journalisten in London, ihr Chef befürchte keine Auslieferung nach Russland. London und Moskau haben kein Abkommen über gegenseitigen Rechtsbeistand beziehungsweise kein Auslieferungsabkommen.

Neben der britischen hat Chodorkowski eine ständige Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz. Interpol lehnt Auslieferungsbegehren mit politischem Hintergrund besonders in der letzten Zeit entschieden ab. Im Fall Chodorkowski liegt die politische Motivation der russischen Behörden auf der Hand.

Der Mordvorwurf ist nicht neu. Bereits vor fünf Jahren hatte Präsident Wladimir Putin in diesem Zusammenhang erklärt, Chodorkowski habe «Blut bis zum Ellbogen an seinen Händen», ihn später aber im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi begnadigt und in den Westen ausfliegen lassen.

Als der Präsidentensprecher Dmitri Peskow nun gefragt wurde, wieso man erst nach 17 Jahren darauf komme, antwortete dieser unverdrossen, es gebe neue Erkenntnisse, die Putin damals noch nicht bekannt waren.

Als Chodorkowski am 8. Dezember von der Anklage erfuhr, gab er eine Pressekonferenz. Unter anderem sagte er, die russische Führung werde durch ihre Handlungen eine Revolution provozieren, die sie wegfegen werde. Aus Moskau kam prompt der Vorwurf, der Ex-Unternehmer rufe zum Sturz der legitimen Macht in Russland auf.

Es geht um 50 Milliarden Dollar

Das Haager Schiedsgericht hatte Russland verpflichtet, 50 Milliarden Dollar als Ausgleich für die Zerschlagung der Firma Yukos an deren Minderheitsaktionäre zu zahlen. Um diese Forderungen durchzusetzen, wurde russisches Vermögen im Ausland beschlagnahmt. Dagegen wehrt sich Russland mithilfe französischer Juristen.

Obwohl Chodorkowski öffentlich erklärt hatte, er habe mit dieser Klage nichts zu tun und stelle keine Forderungen mehr an Moskau, glaubt man dort offenbar, Chodorkowski könne seine früheren Kollegen doch zum Nachgeben bringen.