Christen und Muslime in Sorge: Wie die Hindu-Nationalisten in Indien für ein Klima der Angst sorgen

Die Hindu-Nationalisten unter Premierminister Narendra Modi verändern das Land. Dabei hilft ihnen eine dubiose Organisation.

Ulrike Putz aus Delhi
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Mitglieder der indischen Nationalisten-Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh beim Frühsport.

Mitglieder der indischen Nationalisten-Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh beim Frühsport.

Bild: Imago (Kalkutta, 14. Januar 2017)

Molana Niaz ist kein schüchterner Mann. Jeden Freitag predigt der 72-Jährige in der Burana- ­Idgha-Moschee im Herzen der indischen Hauptstadt Delhi vor gut 5000 Gläubigen. In seinem kleinen Büro in einem Seiten­flügel des Gotteshauses hängen Fotos, die den Imam im Gespräch mit den wichtigsten Repräsentanten seiner Glaubensgemeinschaft zeigen. Doch wenn es darum geht, sich vor Fremden zur Lage der etwa 200 Millionen Muslime in Indien zu äussern, wird Niaz einsilbig. «Die Situation ist nicht gut», sagt er leise. «In Kreisen der ­Regierung werden starke Worte benutzt. Wir haben Angst.»

Die Regierung ist die des Hindu-Nationalisten Narendra Modi. Seit 2014 herrscht er mit absoluter Mehrheit über Indien, seitdem ist der Ton rauer geworden. Das liegt daran, dass Modi und seine Partei BJP in der Wolle gefärbte Rechtsnationalisten sind. Ihr Hurra-Patriotismus und ihre markigen Worte gegen Andersdenkende kommen bei vielen Indern gut an.

Übergriffe auf Christen und Muslime nehmen zu

Im sich aufheizenden Klima nehmen Gewalttaten gegen die Minderheiten zu. Moscheen und Kirchen werden immer häufiger das Ziel von Anschlägen. Die katholische Kirche zählte in diesem Jahr bereits mehr als 200 Angriffe auf Christen. Muslime wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Opfer von Lynch-Mobs. Dutzende Menschen wurden von selbst ernannten hinduistischen Kuh-Schützern aufgeknüpft oder totgeschlagen, weil sie angeblich Rinder geschlachtet haben sollen. Kühe gelten im Hinduismus als heilig.

Um zu verstehen, warum in Indien der Hass auf alles Andersartige plötzlich salonfähig geworden ist, muss man Rashtriya Swamyamsevak Sangh (RSS) einen Besuch abstatten. Diese 1925 gegründete «Nationale Freiwilligenorganisation» ist heute mit mehr als 20 Millionen Mitgliedern und über 60000 Ortsgruppen der grösste Verein der Welt. Fast alle Angehörigen der jetzigen Regierung sind aus den Rängen des RSS hervorgegangen. Premierminister Modi trat der Bewegung als Achtjähriger bei. Die BJP ist aus dem RSS heraus gegründet worden. Das alles macht den RSS zur wohl einflussreichsten Institution in Indien, sagt Aditya Mukherjee, der als Historiker die Geschichte und Gegenwart der Organisation erforscht. «Der RSS ist der tiefe Staat, das Zentrum der Macht im Land», sagt er.

»Einer von 65 Indern gehört zu uns, wir haben unsere Augen und Ohren in jeder Gasse, in ­jedem Häuserblock», bestätigt Chander Bhardwaj, Bezirksvorsteher im Ortsverein Ballabhgarh vor den Toren Delhis. Bhardwajs Schützlinge haben sich wie an jedem Morgen im staubigen Park im Herzen der Arbeitersiedlung versammelt. Körperliche Ertüchtigung ist teil des Programms des RSS, und so absolvieren die etwa 30 Männer Yoga-Übungen und gehen dann zum zentralen Bestandteil des Frühsports über. Mit Bambusstöcken bewaffnet, üben die Hinduaktivisten den Nahkampf, prügeln auf unsichtbare Gegner ein, bevor sie zu einer Art Todesstoss ansetzen: Kein Wunder, dass ihre Gegner in Angst leben.

Totale Unterwerfung

Bei politischen Schulungen werden die Mitglieder indoktriniert. Sie studieren die Schriften der Vordenker der Bewegung und erfahren so, dass Nicht-Hindus in Indien sich «den Hindus total unterwerfen» müssten, wie M.S. Golwalkar, der Chefideologe des RSS, schon 1938 schrieb. Andersgläubige verdienten in Indien keine Bürgerrechte, befand Golwalkar, und verkündete, im Hinblick auf seine Muslime könnte Indien «vom Umgang der Nazis mit den Juden nur ­lernen und profitieren».

Die Sache mit den Muslimen sei gar nicht so schlimm, wiegelt Bhardwaj nach dem Frühsport ab. Es stünde jedem Inder zu, sich auf seine Ursprünge zu besinnen. Schliesslich seien alle Bewohner des Subkontinents einst Hindus gewesen. «Nur sind einige dann von Muslimen und Christen missioniert worden.» Wenn deren Nachfahren sich nun eines Besseren besönnen und zum Hinduismus zurückfänden, seien alle Probleme gelöst. «Wenn sie das natürlich nicht wollen, dann gibt es mit Pakistan und Bangladesch ja muslimische Nachbarländer, in die sei auswandern können.»

Die RSS-Bewegung sei wie eine Familie, die sich gut um ihre Angehörigen kümmerte: Der RSS stifte viele Ehen, die daraus entspringenden Kinder gingen dann auf die Schulen, die die Organisation betreibe. Erwachsene könnten auf die Seilschaften zählen, die der RSS in allen Institutionen und Behörden etabliert habe. Der RSS bestimmt das Leben, bis hin in die Details: «Dieses Jahr haben wir auf Anraten der Sektion unsere Lichterketten, die wir zu Diwali aufhängen, ausgetauscht», berichtet Bhardwaj. Er und seine Frau hätten die «Made in China»-Lampions weggeschmissen und neue «Made in India» gekauft.

Indem der RSS Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Dienstleistungen anbiete, die normalerweise der säkulare Staat zur Verfügung stellt, schaffe er eine Parallelwelt, sagt der Journalist Ashutosh Gupta. «Es gibt viele Familien, die schon in zweiter oder dritter Generation RSS-Mitglieder sind und alles glauben, was ihnen die Bewegung weismacht.» Indien sei zutiefst polarisiert, klagt Gupta. «Diskriminierung ist an der Tagesordnung.» In seinem Apartmentblock in Nodia, einem Mittelklasse-Vorort von Delhi, habe ein Nachbar eine der 160 Wohnungen an einen Muslim verkauft. Der Verkäufer sei deshalb angefeindet worden, die neue Familie werde geschnitten. Der 54-Jährige macht sich angesichts solcher Zustände grosse Sorgen, dass die Lage in seinem Heimatland bald in Gewalt umschlagen könnte. «Indien steuert auf ein grosses, böses Desaster zu.»