CHRISTENVERFOLGUNG: Konvertieren oder Tod durch das Schwert

Die Gotteskrieger der Isis gehen im Irak bestialisch gegen Christen vor. Doch auch Schiiten und andere Muslime leiden unter ihrer Schreckensherrschaft.

Martin Gehlen, Kairo
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Eine Familie geht bei der Flucht aus Mosul an Soldaten vorbei. (Bild: EPA/Emrah Yorulmaz)

Eine Familie geht bei der Flucht aus Mosul an Soldaten vorbei. (Bild: EPA/Emrah Yorulmaz)

Von weitem sieht das an die Hauswand gesprühte arabische N aus wie ein harmloses Smiley. Doch nicht im irakischen Mosul – hier signalisiert das rote Graffiti ein tödliches Ultimatum an alle Christen, deren Gemeinden fast so alt sind wie das Christentum selbst. Entweder sie konvertieren zum Islam und unterwerfen sich der Scharia oder sie werden sterben durch das Schwert. So propagierten es die Gotteskrieger des «Islamischen Staates» (Isis) am letzten Freitag über alle Moscheelautsprecher in der Zwei-Millionen-Stadt. N steht für Nasrani, die koranische Bezeichnung für Christen, mit denen jetzt ihre Häuser und Wohnungen systematisch gebrandmarkt werden. Und um keinen Zweifel an ihren Absichten zu lassen, sprühen die Isis-Fanatiker «Eigentum des Isla­mischen Staates» in Schwarz gleich daneben.

Mönche vertrieben

Seitdem sind praktisch alle der zuletzt noch 25 000 Christen Mosuls auf der Flucht, versuchen sich mit wenigen Habseligkeiten in dem benachbarten halbautonomen kurdischen Nordirak in Sicherheit zu bringen – ein Exodus verzweifelter Menschen in brütender Hitze per Auto, Motorrad oder zu Fuss. Der Sitz des syrisch-katholischen Bischofs ging in Flammen auf – die gesamte Einrichtung, Bibliothek und wertvolle Handschriften verbrannten. Am Montag besetzten die Islamisten das bekannte Kloster Sankt Behnam in dem 30 Kilometer entfernten Städtchen Qaraqosh. «Haut ab, ihr habt hier nichts mehr zu suchen», herrschten sie die Mönche an, deren Orden seit dem 4. Jahrhundert hier ansässig ist.

Seit Beginn ihres Feldzuges gegen Bagdad vor sechs Wochen haben die Dschihadisten rund ein Drittel der irakischen Staatsfläche unter ihre Herrschaft gebracht. Auch in Syrien befinden sie sich dank den von der irakischen Armee erbeuteten Waffen und Fahrzeugen in der Offensive und kontrollieren nun die wichtigsten Ölvorkommen des Bürgerkriegslandes. Nach dem Al Omar Ölfeld bei Deir Ezzor eroberten sie kürzlich auch das Al Shaer Ölfeld in der Provinz Homs, bei dem 270 Regimesoldaten, Wachleute und Arbeiter massakriert wurden – die bisher grösste Isis-Militäraktion auf syrischem Boden.

In ihrem Machtbereich errichten die Ultra-Extremisten dann eine beispiellose Scharia-Schreckensherrschaft. Männer werden exekutiert oder gekreuzigt, Frauen gesteinigt, Dieben werden die Hände abgehackt. Die Tyrannei trifft Minderheiten wie Christen, Jesiden, Turkmanen und Shabaks, aber auch Sufi-Muslime, Schiiten und Sunniten, die sich den Fanatikern widersetzen.

Das sunnitische Dorf Zowiya nahe Tikrit wurde dem Erdboden gleichgemacht, über 200 Häuser systematisch in die Luft gesprengt. Das Schicksal der Dorfbewohner sei «eine Warnung an alle, die auch nur darüber nachzudenken wagen, gegen den Islamischen Staat zu kämpfen», brüsteten sich die Angreifer im Internet. Mausoleen von Sufis und schiitische Moscheen finden als «heidnische Tempel» ebenfalls keine Gnade. Mindestens 20 Gebetshäuser wurden bisher allein in der Provinz Niniveh in die Luft gesprengt.

«Schlimmer als die Mongolen»

Und so geht inzwischen das Entsetzen um die Welt. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte «die systematische Verfolgung von Minderheiten im Irak, besonders der Christen» und bezeichnete ihre Vertreibung als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Papst Franziskus unterstrich, die Christen hätten seit den Urtagen des Christentums im Nahen und Mittleren Osten gelebt und gemeinsam mit ihren Mitbürgern wertvolle Beiträge zum Wohl der Gesellschaften geleistet.

«Wie kann es sein, dass im 21. Jahrhundert Menschen aus ihren Häusern gejagt werden, bloss weil sie Christen sind?», fragte der chaldäische Patriarch von Bagdad, Louis Raphael I. Sako, und nannte die Isis-Horden «schlimmer als die Mongolen unter Dschingis Khan und seinem Enkel Hulagu, der das mittelalterliche Bagdad zerstörte.» Erstmals in der Geschichte des Irak gebe es in Mosul keine Christen mehr. Häuser, Grundstücke und Autos seien vom «Islamischen Staat» beschlagnahmt, vielen Flüchtenden ihre noch verbliebenen Wertsachen an den Strassensperren abgenommen worden.

«Wir rafften unsere Sachen zusammen und fuhren in Richtung Stadtgrenze. Dort war eine Strassensperre, an der sie die Autos anhielten», berichtete der 35-jährige Salwan Noel Miskouni gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. «Als die Militanten sahen, dass wir Christen waren, fragten sie nach Gold und Bargeld. Wir verneinten, da packte einer der Krieger unseren vierjährigen Sohn und drohte, ihn zu entführen. Meine Schwester schüttete ihre gesamte Handtasche aus mit all ihrem Schmuck, ihrem Geld und ihren Papieren. Am Ende liessen sie das Kind laufen und unser Auto passieren.»

Wer finanziert die Isis-Gotteskrieger?

Terror mgk. Kürzlich vor dem «Royal United Services Institute» in London kam Sir Richard Dearlove, der frühere Chef des britischen Auslandgeheimdienstes MI 6, noch einmal auf ein Treffen mit dem langjährigen saudischen Geheimdienstchef Prinz Bandar bin Sultan zu sprechen. «Die Zeit ist nicht mehr fern im Mittleren Osten, dann wird es heissen – Allah helfe den Schiiten», vertraute der saudische Gast damals seinem britischen Gegenüber an und erklärte, die mehr als eine Milliarde Sunniten hätten von den Schiiten die Nase voll – ein Satz, bei dem es ihm kalt über den Rücken gelaufen sei, wie Dearlove sich erinnerte.
Ein Dorn im Auge sind den sunnitischen Emiren und Königen am Golf vor allem die beiden arabischen Regime in Syrien und in Irak, weil sie schiitisch dominiert sind und enge Kontakte zum Erzfeind Iran pflegen. Und so drücken die gekrönten Häupter in Kuwait, Qatar, den Emiraten und Saudi-Arabien nach Erkenntnissen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union alle Augen zu, wenn superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine sunnitische Gotteskrieger finanzieren, damit sie gegen Baschar el Assad und Nuri al-Maliki zu Felde ziehen.

«Patenschaft» für Terroristen

«Saudi-Arabien bleibt ein entscheidender Geldgeber von El Kaida, den Taliban und anderen Terrorgruppen», urteilte laut Wikileaks bereits 2009 die damalige US-Aussenministerin Hillary Clinton. 15 der 19 Attentäter vom 11. September 2001 stammten aus dem Königreich, mittlerweile sind nach Schätzungen diverser Geheimdienste 3000 bis 4000 junge Saudis in Syrien auf mörderischem Kriegspfad, die meisten in den Reihen der schwarzen Kommandos des «Islamischen Staates» (Isis). 2400 Petrodollar kostet die «Patenschaft» für einen Gotteskrieger, auf Wunsch wird die Spende von den Terror-Rekrutierern auch mit einem Kurzvideo des jungen Mannes in Aktion honoriert.

Bisher setzten die gekrönten Herrscher am Golf auf eine Doppelstrategie – ausserhalb ihres Landes betrachteten sie die Gotteskrieger als nützliche Instrumente im Kampf gegen den schiitischen Einfluss in der Region. Im Inneren dagegen gingen sie gegen deren Treiben mit aller Polizeimacht vor, wie zuletzt im Mai gegen einen Ring von Isis-Werbern in Riyadh. Spätestens seit dem Drama im Irak aber ist klar, dass diese Rechnung nicht mehr aufgeht. Denn die triumphierenden Krieger fühlen sich beflügelt, nun auch ihre Gönner am Golf ins Visier zu nehmen – Twitteraufrufe zum Marsch gegen das «Haus Saud» kursieren bereits, in der saudischen Hauptstadt tauchten erste Isis-Graffiti und Flugblätter auf. Eilig dekretiert nun ein Golfstaat nach dem anderen Anti-Terrorgesetze, die allen Dschihadisten und ihren Helfershelfern schwere Strafen androhen – und dabei interne Bürgerrechtler gleich mit hinter Gitter bringen.

Inzwischen verfügen die Isis-Truppen aber auch über Einnahmequellen, die sich jedem staatlichen Zugriff entziehen. Sie verkaufen Öl aus eroberten Förderregionen in Syrien und Irak, betreiben Kidnapping und Schutzgelderpressung in geradezu industriellem Ausmass, zwingen ihren neuen Untertanen Sondersteuern ab oder rauben – wie in Mosul – Banken aus. Öl-Experten schätzen, dass die Isis-Verbände mittlerweile eine Million Dollar pro Tag aus dem Verkauf von irakischem Rohöl einnehmen, umgeschlagen im Städtchen Tuz Khurmatu südlich von Mosul. Kurdische Mittelsmänner kaufen die Lieferungen auf, die dann per Tanklastwagen durch den halbautonomen Nordirak hindurch in der Türkei und im Iran verschwinden. In Syrien haben die schwarzen Gotteskrieger in den letzten drei Wochen mit Al Omar und Al Shaer die beiden grössten Ölfelder des Landes unter ihre Kontrolle gebracht, deren Förderung sie nun zu einem Drittel des Weltmarktpreises an irakische Mafia-Clans losschlagen.

Neue Geldquellen

«Die bedrohlichsten Gruppen sind diejenigen, denen es gelingt, ihre Finanzierung von externen auf interne Quellen umzustellen», urteilt Tom Keatinge, ein ehemaliger J.-P.-Morgan-Banker, der sich auf Terrorfinanzierung spezialisiert hat. «Isis hat dies in bisher unbekannte Dimensionen gesteigert. Das Geld, über das sie verfügen, entspricht inzwischen dem Militärhaushalt eines kleinen europäischen Landes.»