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CLANS: Dem Boss küssen sie die Hand

San Luca in Kalabrien gilt als Hochburg der ’Ndrangheta. In der Kleinstadt ist fast jeder mit einem Mafioso verwandt. Ein eigener Bürgermeister wird schon lange nicht mehr gewählt. Selbst der Priester steht im Verdacht, der Mafia anzugehören.
Dominik Straub, San Luca
Nach der blutigen Mafia-Abrechnung in Duisburg vor zehn Jahren geriet der 4000-Seelen-Ort erstmals in die Schlagzeilen. (Bild: Franco Cufari/EPA (San Luca, 16. August 2007))

Nach der blutigen Mafia-Abrechnung in Duisburg vor zehn Jahren geriet der 4000-Seelen-Ort erstmals in die Schlagzeilen. (Bild: Franco Cufari/EPA (San Luca, 16. August 2007))

Dominik Straub, San Luca

Über die ’Ndrangheta redet man nicht gerne in San Luca. Auch nicht in der kleinen Bar von Maurizio neben der Kirche im alten Dorfzentrum. Wenn man als Fremder das düstere Lokal betritt, werden alle Gespräche unterbrochen – und eine bedrückende Stille macht sich breit. Es sitzen ausschliesslich ältere Männer an den billigen Tischen aus weissem und rotem Plastik; die meisten haben eine Flasche Bier vor sich. Als sich der Fremde erkundigt, ob man es in San Luca nicht leid sei, dass der Ort immer im gleichen Atemzug mit der ’Ndrangheta genannt werde, stehen die Männer wortlos auf und verlassen den Raum. Nur Barmann Maurizio, ein Mann um die sechzig, sagt entschuldigend: «Wissen Sie, wir haben schon genug Probleme hier.»

Tatsächlich wirkt San Luca auf erschreckende Weise arm, verlottert, rückständig. Der Ort mit seinen 4000 Einwohnern liegt zwar malerisch an einem besonnten Abhang des Aspromonte-Gebirges an der Südspitze von Kalabrien; vom Dorfplatz aus sieht die Orangenplantagen und die Badeorte am Ionischen Meer. Doch in San Luca selber dominieren schäbige, halbfertige Häuser, die vor Jahrzehnten einmal ohne Baubewilligung begonnen und nie zu Ende gebaut wurden. Überall blättert der Putz. Die wenigen Dorfläden sind armselig und ungepflegt; verwahrloste Hunde und Katzen streunen durch die Gassen.

Blutige Fehde wegen eines läppischen Eier-Wurfs

San Luca ist, zusammen mit der Camorra-Hochburg Casal di Principe bei Neapel, in der italienischen Wahrnehmung das Mafia-Kaff schlechthin. Das kalabrische Bergdorf war 2007 im Zusammenhang mit dem Blutbad von Duisburg auch ausserhalb Italiens zu einem Begriff geworden. Ein Killerkommando hatte damals in einer Pizzeria in Duisburg sechs Personen erschossen – sowohl die Täter als auch die Opfer stammten aus San Luca. Die blutige Mafia-Abrechnung war der Höhepunkt einer jahrelangen Fehde zwischen zwei Clans – einer Fehde, die 1991 wegen eines läppischen Eier-Wurfs während des Karnevals begonnen hatte und die danach mit immer brutaleren Mitteln ausgetragen wurde.

Das Blutbad ist inzwischen juristisch aufgearbeitet; die Täter sitzen in Isolationshaft. Doch die Schatten der Schiesserei lasten immer noch bleiern auf dem Ort. Fast jeder Einwohner in San Luca ist verwandt oder verschwägert mit einem mutmasslichen Mafioso; seit dem vergangenen März muss sich sogar der Priester, Don Pino Strangio, wegen Zugehörigkeit zur Mafia und zur Freimaurerei vor Gericht verantworten. Auch Don Pino möchte lieber nicht über die ’Ndrangheta reden. Im Juni wurde in San Luca der bisher letzte Clan-Boss des Ortes, Giuseppe Giorgi, verhaftet. Als er von den Beamten abgeführt wurde, warteten zahlreiche Einwohner vor seinem Haus, um dem Clan-Oberhaupt aus Ehrerbietung die Hand zu küssen.

Die Behörden von San Luca waren von den lokalen Mafia-Clans derart unterwandert, dass die Regierung in Rom den Gemeinderat 2013 auflösen und einen Sonderkommissar einsetzen musste. Seither konnte halbwegs sichergestellt werden, dass die – wenigen – öffentlichen Aufträge der Gemeinde ordentlich ausgeschrieben und an «saubere» Unternehmen vergeben werden. Im April wurde ein neuer Fussballplatz an die wenigen verbliebenen Jugendlichen übergeben – ein symbolträchtiger Akt, zu dem hohe Regierungsvertreter aus Rom, der kalabrische Anti-Mafia-Staatsanwalt und der Ortsbischof angereist kamen.

Doch letztlich war es eben doch nur Symbolik. In San Luca regiert zwar seit 2013 ein Sonderkommissar aber es herrscht noch immer das Gesetz der ’Ndrangheta. Das zeigt sich jeweils, wenn Gemeindewahlen anstehen. 2015, als der Kommissar wieder durch einen ordentlich gewählten Bürgermeister abgelöst werden sollte, meldete sich nur ein einziger Kandidat – und die Mehrheit der Bürger blieb zu Hause, womit die Wahl ungültig war und die Amtszeit des Kommissars verlängert wurde. Anfang dieses Jahres mochte überhaupt niemand mehr Bürgermeister von San Luca werden: Mehrere hundert Einwohner hatten Innenminister Marco Minniti stattdessen in einem Brief gebeten, das Mandat des Kommissars doch erneut zu verlängern.

«Dass sich keine Bürger mehr finden, die sich in der Gemeindepolitik engagieren, liegt zum einen sicher an der Angst vor der Mafia», sagt ein Angestellter der Gemeindeverwaltung, der anonym bleiben will. «Doch noch grösser ist die Furcht vor der Anti-Mafia.» Denn: Wer in San Luca Gemeinderat werde, komme bei der Ausübung seines Amtes früher oder später in irgendeiner Form in Kontakt mit den Clans. «Gleichzeitig kann ein neugewählter Gemeinderat sicher sein, dass sein Telefon vom ersten Arbeitstag an von der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft abgehört wird. So läuft er Gefahr, dass er nach kurzer Zeit verhaftet wird, obwohl er wahrscheinlich nichts Illegales getan hat.»

Die Macht der Clans ist nicht nur in San Luca ungebrochen

San Luca ist kein Einzelfall. In Kalabrien werden Dutzende von Gemeinden von einem «commissario» geleitet; dennoch ist die Macht der Clans ungebrochen. Verhaftungen von Politikern und Funktionären der übergeordneten Provinz- und Regionalbehörden belegen, dass keine Institution immun ist gegen die Infiltration durch die ’Ndrangheta.

«Im Grunde werden wir vom Staat uns selbst überlassen, trotz des Einsatzes des Sonderkommissars», ist man sich in der Gemeindeverwaltung von San Luca einig. Es gebe kaum Infrastruktur, kein Kino, keine Kultur und schon gar keine Arbeitsplätze. Die staatlichen Investitionen waren zum grössten Teil in die Taschen der ’Ndrangheta geflossen, die auch heute noch viele ökonomische Hoffnungen im Keim ersticken. Laut einer Studie kosten die Machenschaften der Mafia Kalabrien in Form von getürkten Ausschreibungen und Ineffizienz jedes Jahr 1,2 Milliarden Euro. Und 40000 Betriebe sind laut dem Bericht gezwungen, Schutzgelder zu zahlen.

Die ’Ndrangheta ist in den letzten Jahren zur mächtigsten Mafia-Organisation Europas aufgestiegen; mit Drogen- und Waffenhandel, mit Prostitution und Glückspiel, mit Schutzgelderpressung und Geldwäscherei setzt sie jedes Jahr weltweit rund 60 Milliarden Euro um. Ihre Gewinne investiert sie nicht in der armen Heimatregion Kalabrien, sondern in Norditalien, in Deutschland, in der Schweiz, in den USA, in Australien. «Aber trotz ihrer Ableger in Norditalien und in der ganzen Welt ist der ‹Kopf› der ’Ndrangheta in den Bergtälern und Flussläufen des Aspromonte um San Luca geblieben. Dort werden immer noch die wichtigen Entscheide getroffen», schreiben der Staatsanwalt Nicola Gratteri und der Autor Antonio Nicaso in einem Buch.

Mafia bietet vielen Jugendlichen eine Perspektive

«Die Macht der ’Ndrangheta in Kalabrien liegt nicht zuletzt darin begründet, dass viele Kalabrier selber ein gespanntes Verhältnis zum Staat haben; manche sehen in ihm den Ursprung allen Übels», betont die Anthropologin und Anti-Mafia-Aktivistin Chiara Tommasello in Reggio Calabria. Das sei ein «idealer Humus für den Anti-Staat, den die ’Ndrangheta letztlich darstellt». Hinzu komme, dass die Mafia in diesen armen Gegenden oft die einzige Organisation sei, die den arbeitslosen Jugen­dlichen eine Arbeit vermitteln könne – entweder in Form von kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel oder Schutzgelderpressung, oder auch legal und schlecht bezahlt in den von ihr kontrollierten Betrieben. Von dem weitestgehend abwesenden Staat erwarteten viele Kalabrier keine Hilfe mehr, sagt Tommasello. Im gottverlassenen San Luca schon gar nicht.

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