Concorde-Crash vor 20 Jahren: Der Traum vom schnellen Fliegen ist nie erloschen

20 Jahre nach dem Absturz des Überschallflugzeugs mehren sich die Nachfolgeprojekte – trotz Corona und der Klimadebatte.

Stefan Brändle aus Paris
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103 Menschen starben beim Absturz vor 20 Jahren.

103 Menschen starben beim Absturz vor 20 Jahren.

Bild: AP/Keystone

113 Menschenleben forderte der Absturz der Concorde vor genau 20 Jahren. Am 25. Juli 2000 startete die Air France-Maschine, das schnellste Zivilflugzeug der Welt, in Paris zum dreistündigen Flug nach New York. Ein Reifen platzte, wahrscheinlich wegen eines Objekts auf der Startbahn. Das vier Kilo schwere Hartgummiteil spickte in die Luft und schlug in die linke Tragfläche. Kerosin entwich und entzündete sich beim Kontakt mit dem Düsentriebwerk.

Die Maschine war zu schnell, um noch zu bremsen. Der Pilot musste sie hochziehen und stoppte 60 Meter über dem Boden die beiden linken Motoren. Mit gesenkter Nase verlor der «fliegende Bleistift» an Höhe, mit langem Feuerschweif überflog er noch die Weizenfelder westlich des Flughafens Roissy.

Der Bordkommandant versuchte diverse Manöver. Eine Minute und 46 Sekunden später meldete er sich zum letzten Mal mit den Worten:

«Zu spät, keine Zeit mehr.»

Dann crashte die Concorde in ein Hotel. Im Flammeninferno starben vier Hotelgäste und alle 109 Concorde-Insassen, darunter 96 Deutsche aus Mönchengladbach auf dem Weg zu einer Karibikkreuzfahrt.

Der tragische Unfall leitete das Ende des britisch-französischen Überschallabenteuers ein. 2003 stellten British Airways und Air France den Betrieb endgültig ein. Zwei weitere Pannen hatten gezeigt: Das spektakulärste Zivilflugzeug aller Zeiten, das seinen Jungfernflug 1969 absolviert hatte, war nicht gemacht für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Champagner für die enttäuschten Gäste

2010 verurteilte ein Pariser Gericht die US-Airline Continental, weil sie eine unsachgemäss verleimte Lamelle auf der Startpiste von Roissy verloren hatte, die das Unglück mutmasslich auslöste. Viele sahen darin eine Retourkutsche der Franzosen gegen die Amerikaner. Sie hatten die Concorde auf Druck der US-Luftfahrt-Lobby stets benachteiligt und etwa aus Lärmgründen Überschallflüge auf US-Gebiet verboten. Der Flieger konnte deshalb nur über dem Atlantik seine Spitzengeschwindigkeit von 2200 km/h fliegen.

Rentabel waren die Überschallflieger nie. Daran ändert auch die enge Bestuhlung nichts. Noch weniger die spritverschlingenden Triebwerke. Und der bombengleiche Überschallknall? Der war im Flugzeug selbst nicht zu hören – weshalb die darob enttäuschten Passagiere jeweils ein Glas Champagner erhielten, wenn die Maschine die Schallmauer durchbrach.

Australien–Europa in 4,5 Stunden: Zwei neue Überschall-Projekte geben zu reden


Der Traum vom Überschall-Fliegen ist nie gestorben. Vor allem zwei Projekte geben derzeit zu reden:

Das amerikanische Start-up Boom will im Herbst ein Eins-zu-drei-Modell eines Überschall-Jets «Overture» für 55 Passagiere starten lassen. Der Flieger soll mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit fliegen. Boom behauptet, «Overture» fliege «hundertprozentig klimaneutral». Wie das gehen soll, bleibt schleierhaft.

Der US-Konzern Lockheed Martin und die Raumfahrtbehörde Nasa wollen 2021 ein Testmodell ihres «QueSST» präsentieren. Der Flieger soll dereinst Europa in viereinhalb Stunden mit Australien verbinden. Lockheed plant zudem einen Überschall-Businessjet namens «Aerion» für gerade mal zwölf Passagiere. Diese pfeilschnellen Kleinflugzeuge stehen, was den CO2-Ausstoss pro Kopf betrifft, völlig quer zur Klimadebatte.

Die Annahme sei daher erlaubt: Die Concorde dürfte noch mindestens ein Jahrzehnt lang das einzige realisierte Überschallflugzeug von Bestand bleiben. (brä)