Donald Trump lässt 19 Millionen Dollar in die Schweiz überweisen – und will mitten in der Coronakrise sein Image aufpolieren

Mit den Direktzahlungen für alle US-Bürger auf der ganzen Welt will Trump seine Fehler während der Corona-Krise vergessen machen. Amerikaner in der Schweiz reagieren gespalten.

Samuel Schumacher
Drucken
Teilen
1200 Dollar für jeden US-Bürger: Donald Trump setzt auf schnelles Geld, um die Coronakrise zu bewältigen.

1200 Dollar für jeden US-Bürger: Donald Trump setzt auf schnelles Geld, um die Coronakrise zu bewältigen.

Keystone

Eric staunte nicht schlecht, als er vor ein paar Tagen seinen Briefkasten leerte und ein Schreiben des US-Präsidenten höchst persönlich in den Händen hielt. «Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen von Donald Trump unterzeichneten Brief erhalten würde», erzählt der US-schweizerische Doppelbürger. Der Blick auf den offiziellen Absender – die US-Steuerbehörde IRS – verunsicherte den Zürcher im ersten Moment zwar. Briefpost von den Steuerbeamten bringt schliesslich selten erfreuliche Neuigkeiten. Für einmal aber war das ganz anders.

Eric erhält – wie fast alle US-Bürger – vom amerikanischen Staat 1200 US-Dollar geschenkt. Auf Drängen des Weissen Hauses hin hat das amerikanische Parlament Ende März das «CARES»-Gesetz verabschiedet. Ein Teil der 2,2 Billionen Dollar, die der Staat mit dem «Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security Act» zur Abfederung der wirtschaftlichen Konsequenzen der Coronakrise ausgeben darf, wird direkt an die Amerikaner ausbezahlt. 159 Millionen dieser Zahlungen hat die US-Regierung bis Anfang Juni bereits getätigt.

Wer im Gefängnis sitzt oder zu viel verdient, geht leer aus

Anspruch auf den 1200-Dollar-Zustupf hat jeder, der einen amerikanischen Pass hat, egal, wo auf der Welt er wohnt. Kinder oder Jugendliche, die finanziell noch von ihren Eltern abhängig sind, erhalten 500 Dollar. Wer mehr als 99'000 Dollar im Jahr verdient oder im Gefängnis sitzt, erhält nichts.

Dieser Brief flattert derzeit auch in die Briefkästen der rund 20'000 US-Bürger, die in der Schweiz wohnen.

Dieser Brief flattert derzeit auch in die Briefkästen der rund 20'000 US-Bürger, die in der Schweiz wohnen.

ZVG

Wie viel Geld die US-Regierung an ihre Bürger in der Schweiz überweisen wird, ist offiziell nicht bekannt. Schätzen aber lässt sich der Betrag: Rund 20'000 Amerikaner leben in der Schweiz. Jeder fünfte dürfte minderjährig oder noch in Ausbildung sein (4000 erhalten 500 US-Dollar), rund zehn Prozent des Rests dürften mehr als 99'000 Dollar im Jahr verdienen (1600 erhalten nichts), die übrigen 14'400 erhalten den vollen Betrag. Insgesamt überweist die Trump-Regierung also wohl um die 19,3 Millionen US-Dollar (18,2 Millionen Franken) in die Schweiz – und unterstützt damit auch unser Land in der Coronakrise.

Doppelbürger Eric unterstützt diese Strategie grundsätzlich. «Dass aber auch Geld ins Ausland geschickt wird, finde ich speziell. Sinn würde es aus amerikanischer Sicht ja machen, dass das Geld in den USA bleibt und dort die eigene Wirtschaft damit angekurbelt wird.» Andererseits würden ja auch Ausland-Amerikaner in den USA Steuern zahlen, was die Zahlungen wiederum rechtfertige.

Alles nur Wahlpropaganda?

In seinem Brief zeigt sich Donald Trump jedenfalls sehr bemüht darum, alle Amerikaner (ganz egal, wo sie wohnen) auf seinen Kurs einzuschwören: «Wir führen einen totalen Krieg gegen den unsichtbaren Feind, und gleichzeitig arbeiten wir rund um die Uhr, damit hartarbeitende Amerikaner wie Sie von den wirtschaftlichen Konsequenzen verschont bleiben.» Ob die 1200 Dollar ausreichen werden, um etwa das Leid der über 40 Millionen Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten zu lindern, scheint zweifelhaft. Doch der US-Präsident wischt sämtliche Zweifel an seiner Coronastrategie zur Seite: «Alle Bürger sollten unendlich stolz sein in die Selbstlosigkeit, den Mut und das Mitgefühl unseres Volkes.» Amerika habe alle bisherigen Herausforderungen überstanden und werde das auch jetzt wieder machen, schreibt Trump in seinem Brief.

«Amerika wird wieder triumphieren
und zu nie dagewesener Grossartigkeit aufsteigen.»

Erhalten hat den Brief auch Liz Voss, Vizepräsidentin des Vereins «Democrats Abroad Switzerland». «Dass Trump darauf bestanden hat, dass sein Name und seine Unterschrift auf diesem Brief und den Checks draufstehen, zeigt, dass es ihm nur darum geht, seinen Ruf aufzupolieren – und das mitten in einer Pandemie, die er und seine Administration gar nicht gut gemeistert haben», sagt die Wahl-Baslerin. Sie will die 1200 Dollar an Organisationen Spenden, die sich für die #BlackLivesMatter-Bewegung und für dunkelhäutige Coronaopfer einsetzen.

Erste Trump-Rallye trotz hoher Ansteckungsgefahr

Der Einsatz für Coronabetroffene wird in Amerika weiterhin bitternötig sein. In der Nacht auf Donnerstag überschritt das Land die Grenze von zwei Millionen Infizierten, rund 113’000 Amerikaner sind bereits an Covid-9 verstorben. Die Angst, dass die anhaltenden Massenproteste gegen Rassismus und Polizeigewalt eine zweite Welle auslösen könnten, wächst. Nicht zuletzt seit man weiss, dass mehrere Nationalgardisten, die auf Washingtons Strassen im Einsatz waren, infiziert waren.

Trotz der anhaltenden Krise will Donald Trump aber so schnell wie möglich wieder zurück zur Normalität – auch aus Wahlkampf-taktischen Gründen. Am Freitag, 19. Juni, will er in Tulsa (Oklahoma) die erste Rallye seit Ausbruch der Pandemie vor rund drei Monaten abhalten. «Laut und ungestüm und gross» soll sie werden, sagte ein Trump-Sprecher dem Sender «Fox News». Und Social Distancing? Das habe bei den Massenprotesten auch niemanden gekümmert. Dann könne es einem ja auch bei den Rallyes egal sein, sagte der Sprecher.