Corona-Horror im Heiligen Land: Israelis wollen neuen Lockdown ignorieren

Ab Freitag gilt er: Doch die scharfen Massnahmen können die Wut der Bürger nicht bändigen. Die Situation droht ausser Kontrolle zu geraten – und zwar rasch.

Judith Poppe aus Tel Aviv
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Die Proteste vor Benjamin Netanjahus Residenz in Jerusalem sollen trotz Lockdown weitergehen.

Die Proteste vor Benjamin Netanjahus Residenz in Jerusalem sollen trotz Lockdown weitergehen.

Keystone

Nachdem die Zahl der täglichen Neuinfektionen im 9-Millionen-Land in der letzten Woche mehrfach die 4000-er Marke geknackt hatten, hat die israelische Regierung entschieden, einen erneuten Lockdown zu verhängen. Er beginnt am Freitag um 14 Uhr, nur wenige Stunden vor Beginn des jüdischen Neujahrsfestes Rosh HaShana, und endet mit Ende des Festes Simchat Tora drei Wochen später.

Israelis dürfen sich lediglich in einem 500 Meter Radius ums Haus bewegen, dürfen aber zur Arbeit fahren. Versammlungen in Innenräumen sind bis zu 10 Personen erlaubt, an der freien Luft dürfen 20 Personen zusammenkommen. Unternehmen, die keinen Kundenverkehr haben, bleiben geöffnet.

Israels Opposition erhebt schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der sich am Dienstag in Washington mit den Spitzen von Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten zur Unterzeichnung von Friedensverträgen treffen will. Netanjahu habe in der Krise total versagt und versuche jetzt, mit aussenpolitischen Manövern davon abzulenken, so der Vorwurf. Die Protestierenden monierten:

«Anstatt im Land zu bleiben und die Krise zu bewältigen, überlässt er es uns, mit seinem Versagen fertig zu werden.»
Reist am Montag nach Washington, um Friedensverträge mit den arabischen Nachbarn zu unterzeichnen: Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu.

Reist am Montag nach Washington, um Friedensverträge mit den arabischen Nachbarn zu unterzeichnen: Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu.

Keystone

Wieso sogar Netanjahus Bündnis jetzt zerbricht

Selbst Netanjahus Bündnispartner wenden sich jetzt vom starken Mann in Israel ab. Yaakov Litzman, der Vorsitzende der ultraorthodoxen Partei Vereinigtes Tora-Judentum und ein wichtiger Koalitionspartner Netanjahus, war bereits am Sonntagmittag aus Protest gegen den geplanten Lockdown von seinem Posten als Wohnungsbauminister zurückgetreten.

Viele der Ultraorthodoxen fühlen sich von der Regierung in der Coronakrise diskriminiert. Ultraorthodox geprägte Städte und Stadtteile gehören nach wie vor zu den Hotspots des Virus. Doch die Strenggläubigen monieren, dass Synagogenbesuche strikter begrenzt würden als beispielsweise die seit Monaten stattfindenden Anti-Netanjahu-Proteste, die seinen Rücktritt wegen der laufenden Korruptionsprozesse fordern.

Vertreter der Protestgruppen kündigten am Sonntag an, dass sie ihre Demonstrationen gegen Netanjahu vor dessen Amtssitz in Jerusalem nicht stoppen werden, selbst wenn die Proteste verboten werden sollten. Auch von Restaurantbesitzern und Geschäftsinhabern wurde Widerstand laut gegen den Lockdown-Entscheid. «Die Regierung wird auf starken Widerstand und Ungehorsam von Gastronomen und Selbständigen stoßen, die um ihr Leben kämpfen», sagte Tomer Mor, der Vorsitzende einer Gastronomiegewerkschaft. Einige haben angekündigt, ihre Geschäfte und Restaurants trotz Lockdowns zu öffnen, wenn ihnen nicht im Voraus eine Entschädigung garantiert wird.

Westjordanland: «Kein Mensch hält sich noch an die Regeln»

Israel ist durch die strikten Maßnahmen während der ersten Welle ökonomisch schwer angeschlagen.

Im palästinensischen Gazastreifen besprühen Helfer die engen Strassenzüge mit Desinfektionsmittel.

Im palästinensischen Gazastreifen besprühen Helfer die engen Strassenzüge mit Desinfektionsmittel.

Keystone

Auch in den palästinensischen Gebieten Gaza und Westjordanland explodieren derweil die Zahlen. Vor vier Tagen wurde im Westjordanland erstmals die 1000-er Marke geknackt. Ein Vorstoß der palästinensischen Gesundheitsministerin Mai Al-Kaila, einen erneuten Lockdown zu verhängen, wurde jedoch zunächst von der Regierung aus Angst vor Protesten aus der Zivilbevölkerung abgewiesen. «Kein Mensch hält sich hier noch an die Regeln», erzählt eine Lehrerin aus dem Westjordanland: «Es gibt so gut wie keine Informationen über das, was passiert.»