Ausschreitungen
Corona-Krawalle in den Niederlanden: Deshalb eskalierte die Lage in den holländischen Städten

Drei Nächte lang wüteten in den Niederlanden Corona-Chaoten. An vorderster Front: Fussball-Hooligans, Rechtsradikale und frustrierte Jugendliche. Ein Augenschein vor Ort.

Remo Hess, Rotterdam
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Montagabend: Die Feuerwehr löscht einen durch Krawallmacher ausgelösten Brand in Rotterdam-Süd.

Montagabend: Die Feuerwehr löscht einen durch Krawallmacher ausgelösten Brand in Rotterdam-Süd.

Keystone

Ein bisschen war es wie in einem Western-Film. Nur, dass der Wind nicht runde Knäuel aus Steppengras, sondern leere McDonalds-Tüten übers Trottoir wehte: Verlassene Strassen, gespenstige Stille am Dienstagabend in der südholländischen Hafenstadt Rotterdam.

Oder täuschte der Eindruck nur? Sollte das die Ruhe vor dem Sturm sein und sich auch in dieser Nacht das wiederholen, was sich die vorangegangenen drei Nächte in über einem Dutzend niederländischen Städten abspielte, als randalierende Gruppen durch die Strassen zogen und sich wilde Schlachten mit der Polizei lieferten?

Montagabend in Rotterdam: Die Polizei nimmt einen Krawallmacher fest.

Montagabend in Rotterdam: Die Polizei nimmt einen Krawallmacher fest.

Keystone

Krawallbrüder sind teils erst 14 Jahre alt

Schaut zu seinem Quartier: Joep von der Nachbarschaftswache.

Schaut zu seinem Quartier: Joep von der Nachbarschaftswache.

RH

An einer Stassenecke in Süd-Rotterdam steht Joep von der Nachbarschaftswache. Neben ihm ein Polizist. In der Nacht zuvor war genau diese Gegend der Brennpunkt der Krawalle. Fensterscheiben gingen zu Bruch, mehrere Geschäfte wurden geplündert, eine Polizeistation mit Feuerwerkskörpern regelrecht in Brand gesetzt, sodass der Wasserwerfer beigezogen werden musste, um die Flammen zu löschen. Und heute? «Gestern war Krawall-Tag. Heute ist es ruhig», sagt Joep. Der Polizist nickt zustimmend. Nur vereinzelt gäbe es Meldungen von Festnahmen. 33 sollten es werden in Rotterdam am Ende der Nacht. Es sind Jugendliche, besser gesagt: Junge und sehr junge Männer, die jüngsten gerade Mal 14 Jahre alt.

Stunden zuvor richtete sich der Rotterdamer Bürgermeister Ahmed Aboutaleb ganz direkt an diese Unruhestifter. «Und, bist Du heute mit einem guten Gefühl aufgewacht? Wie fühlt es sich an, wenn man seine Stadt kaputtgemacht hat? Bist Du zufrieden?», fragte Aboutaleb in einer Videobotschaft, die er in jener Einkaufsstrasse aufnimmt, wo die Krawalle am schlimmsten waren.

Aboutaleb, der 2009 als erster niederländischer Politiker mit marokkanischen Wurzeln zum Bürgermeister gewählt wurde, spricht auch direkt zu den Eltern der Jugendlichen. Ob sie ihren Sohn denn nicht vermisst hätten, am Abend ab 21 Uhr, als die Ausgangssperre eintrat? Mit deutlichen Worten forderte er sie auf, ihren Pflichten nachzukommen und dafür zu sorgen, dass ihre Kinder heute zu Hause blieben. Knapp 700'000 mal wurde das Video angeschaut.

Erster marokkanisch-stämmiger Bürgermeister der Niederlande: Der Sozialdemokrat Ahmed Aboutaleb.

Erster marokkanisch-stämmiger Bürgermeister der Niederlande: Der Sozialdemokrat Ahmed Aboutaleb.

Keystone

Polizei zu Fuss, zu Ross und mit dem Velo

In Süd-Rotterdam, wo die Polizei wichtige Zugangsstrassen kontrolliert, zu Fuss, in Reiterstaffeln, und ganz niederländisch auf dem Velo präsent ist, bleibt es an diesem Abend tatsächlich weitgehend ruhig. Einzelne Ladenbesitzer wollen aber anscheined auf Nummer sicher gehen und bleiben vorsichtshalber vor Ort. So wie die Betreiber eines Kebabs, die den Passanten freundlich, aber bestimmt auf Niederländisch fragen, was er denn nach der Ausgangssperre hier zu suchen habe. Andere Geschäftsleute haben ihre Schaufenster schon einmal mit Holzplatten verbarrikadiert.

Reisterstaffel unterwegs in Rotterdam-Süd.

Reisterstaffel unterwegs in Rotterdam-Süd.

RH
Angst vor Plünderer: Ein Juwelier in Rotterdam-Süd.

Angst vor Plünderer: Ein Juwelier in Rotterdam-Süd.

RH
Etliche Journalisten reisten am Dienstagabend nach Rotterdam. Viel zu berichten hatten sie nicht.

Etliche Journalisten reisten am Dienstagabend nach Rotterdam. Viel zu berichten hatten sie nicht.

RH

«Die lokalen Anwohner sind wütend», sagt Joep von der Nachbarschaftswache. Sie hätten kein Verständnis für die Randalierer, auch wenn sie die Ärger über die Lockdown-Einschränkungen teilen würden. Schuld gibt Joep der Politik der geschäftsführenden Regierung von Premierminister Mark Rutte, die vor allem zu Beginn der Pandemie noch einen liberaleren Ansatz verfolgte und auf einschneidende Massnahmen verzichtet hatte: «Es fehlt an einer klaren Linie». Die Zahlen würden sinken, jetzt würden aber trotzdem die Massnahmen verschärft. Während man in nahen Grossbritannien mit Hochtempo impfen würde, käme die Kampagne in den Niederlanden nicht vom Fleck.

Kam am Dienstag nicht zum Einsatz: Wasserwerfer in Rotterdam-Süd.

Kam am Dienstag nicht zum Einsatz: Wasserwerfer in Rotterdam-Süd.

Keystone

Rechtspopulisten stacheln Ärger an

Angesprochen auf die Ursachen tun sich Beobachter schwer, das Phänomen der niederländischen Corona-Krawalle zu einzuordnen. Während am Sonntag noch eine bunte Mischung aus Corona-Skeptikern, Impfgegnern und rechten Gruppen zunächst friedlich sich versammelten, artete die Situation gegen Abend, anscheinend angetrieben von Fussballhooligans, schnell aus.

In den Folgenächten schienen die Krawalle nur noch von Jugendlichen ausgegangen zu sein, während gleichzeitig Gegenbewegungen sich formierten: In Maastricht zogen Fans des lokalen Fussballclubs durch die Strassen, um «ihre» Stadt gegen Randalierer zu verteidigen. In der Kleinstadt Doettinchem boten Landwirte der Polizei an, die Strassen mit ihren Traktoren zu blockieren.

"Gegen unsere Freiheit": Rechtspopulist Thierry Baudet lehnt den Corona-Lockdown strikte ab. (Archiv)

"Gegen unsere Freiheit": Rechtspopulist Thierry Baudet lehnt den Corona-Lockdown strikte ab. (Archiv)

Keystone

«Es ist eine ganze Ansammlung von Faktoren, die uns diesen perfekten Sturm beschert haben», sagt Leonie de Jonge, Assistenzprofessorin an der Universität Groningen mit Fachgebiet Extremismus und Populismus. Der Überdruss in Teilen der Bevölkerung und gerade bei der Jugend, sei gross und die nun verhängte Ausgangssperre habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Klar sei aber auch, dass es sich um eine kleine und vor allem laute Minderheit handle.

In der Verantwortung sieht sie aber auch Rechtspopulisten um Geert Wilders Freiheitspartei und dem Politaufsteiger Thierry Baudet und seinem «Forum für Demokratie». Gerade Baudet, der in den sozialen Medien eine grosse Reichweite erreiche, habe in den letzten Wochen wie kein anderer gegen die Corona-Massnahmen und speziell gegen die nun verhängte Ausgangssperre mobil gemacht und Verschwörungstheorien verbreitet. Baudet hingegen findet es «skandalös», wenn ihm und seiner Anti-Lockdown-Politik nun eine Mitverantwortung für die Randale zugeschrieben wird.

Für die Kommunikationswissenschaftlerin Linda Bos von der Universität Amsterdam liegt das Problem aber auch an einer fehlerhaften Corona-Kommunikation der Regierung. «Die Massnahmen werden schlecht erklärt. Es gibt keine Perspektive und keinen absehbaren Ausstieg», so Bos. Gerade eher ärmere Menschen und solche mit Migrationshintergrund würden von der Regierung kaum mehr erreicht. Bos glaubt auch nicht, dass die vielzitierte Liebe der Niederländer für ihre individuellen Freiheiten eine entscheidende Rolle spielt. Bos: «Es geht nicht um Freiheit, sondern um Frustration»

Kommt es zum Flächenbrand?

Bleibt die Frage, wie es nun weitergeht in den Niederlanden. Wird sich die Situation weiter entspannen oder flammen die Proteste wieder auf und breiten sie sich möglicherweise sogar noch auf Nachbarländer aus, wie es in Belgien schon befürchtet wird? Joep von der Nachbarschaftswache in Rotterdam-Süd hat darauf auch keine Antwort. Er hofft bloss, dass genug Dampf abgelassen wurde und es in seinem Quartier künftig wieder ruhig bleiben wird.