Corona-Pandemie
2000 Leichen schwimmen im Ganges: Indien weiss nicht mehr, wohin mit all den Toten

4529 Menschen sind am Dienstag in Indien an Covid-19 verstorben. Das ist ein trauriger Weltrekord. Derweil stoppt der weltgrösste Impfproduzent den Export.

Natalie Mayroth, Mumbai
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Indische Arbeiter verbrennen Leichen, die verzweifelte Angehörige am Ufer des Ganges deponiert haben.

Indische Arbeiter verbrennen Leichen, die verzweifelte Angehörige am Ufer des Ganges deponiert haben.

Bild: Getty (Allahabad, 5. Mai 2021)

Ramesh Pandey konnte nur erahnen, was ihn in seiner alten Heimat in Nordindien erwarten würde. Mehr als 1500 Kilometer legte er zurück, um seinem an Covid-19 verstorbenen Vater den letzten Wunsch zu erfüllen: eine standesgemässe Bestattung in der heiligen Pilgerstadt am Fluss Ganges. Doch die Krematorien in seiner alten Heimat sind überfüllt. Noch nie habe er so viele Feuerbestattungen auf einmal gesehen, erzählt der 45-Jährige.

«Ich habe gehört, dass diese Coronawelle tödlicher ist. Aber erst, als ich die Stadt Varanasi erreichte, sah ich die verheerenden Auswirkungen der Krankheit.»

Mehr als 25 Millionen Inder haben sich bereits infiziert, mehr als 276000 sind an Covid-19 verstorben. Alleine am Dienstag forderte das Virus 4529 Tote, so viele wie noch in keinem Land binnen eines Tages. Insgesamt hat die Pandemie in Indien bislang mehr als 283000 Todesopfer gefordert.

Viele Inder können sich die traditionellen Kremationsriten nicht mehr leisten.

Viele Inder können sich die traditionellen Kremationsriten nicht mehr leisten.

EPA

Pandey fand nach mehreren Anläufen in einer kleineren Pilgerstadt einen Hindu-Priester, der für seinen Vater eine Zeremonie durchführte. Für das Ritual, den Transport und das Feuerholz für die Bestattung musste er mehrere Monatslöhne aufwenden.

Indien behält die Impfdosen für sich

Das kann sich im krisengeplagten Indien längst nicht mehr jeder leisten. Deshalb werfen verzweifelte Menschen ihre verstorbenen Verwandten immer häufiger ohne die traditionellen Kremationsrituale in Indiens Flüsse. Mehr als 2000 Körper wurden von den Flüssen in den nördlich gelegenen Bundesstaaten Uttar Pradesh, Bihar und Madhya Pradesh bereits angeschwemmt – mit verheerenden Folgen für die Trinkwasserqualität von Millionen Menschen.

Jetzt hat sich die Regierung eingeschaltet: Mit Kontrollgängen und finanzieller Unterstützung für die Einäscherung will sie verhindern, dass Indiens Flüsse zu mäandrierenden Leichengruben werden. Doch mit den neuen Massnahmen betreibt der Staat nicht viel mehr als Symptombekämpfung, während die Pandemie im indischen Hinterland weiter wütet. Anwohner und NGOs bestätigen, dass es viele «Fieberfälle» in den Dörfern gibt. Die Welthungerhilfe warnt, dass sich die Coronafälle im Hinterland vervierfacht haben. An Tests und Aufklärung über die nötigen Massnahmen mangelt es nach wie vor.

Über 40 Staaten haben Indien humanitäre Unterstützung zugesagt, auch die Schweiz hat 13 Tonnen medizinische Güter geliefert, darunter Sauerstoff, Sauerstoffkonzentratoren und Beatmungsgeräte der Armeeapotheke. Das Serum Institute of India, der weltweit grösste Hersteller von Corona-Impfstoffen, hat seinerseits bekanntgegeben, bis Ende Jahr keine Vakzine mehr ins Ausland zu liefern, um erst einmal den Bedarf der 1,3 Milliarden Menschen im eigenen Land decken zu können.

Geld für Regierungspalast statt für Gesundheitssystem

In den Metropolen Mumbai und Delhi hat sich die Situation zwar verbessert, wachsen aber tut die Sorge um die Gesundheitsversorgung auf dem Land, wo rund die Hälfte der Inder lebt. Viele ländliche Bewohner machen die Regierung von Premierminister Narendra Modi für das Debakel verantwortlich. Modi hatte noch im vergangenen Monat vor Scharen von Anhängern Wahlkampf gemacht, obwohl zu diesem Zeitpunkt die täglichen Todesfälle bereits wieder anstiegen.

Die Mittelschicht, aus der viele von Modis Wählern kommen, musste danach die bittere Erfahrung machen, dass selbst Geld und Kontakte in dieser Pandemie kein Überleben sichern. Die Suche nach Krankenhausbetten, Medikamenten und medizinischem Sauerstoff gestaltet sich auch für sie äusserst schwierig. Weiterhin haben nur knapp elf Prozent der Inderinnen und Inder mindestens eine Impfdosis erhalten.

Viele Inder fragen sich, wo die Unterstützung der Regierung in der Stunde der Not bleibt. Wenig hilfreich für Modis politischen Ruf ist die Tatsache, dass er mitten in der Pandemie ein milliardenschweres neues Parlamentsgebäude bauen lässt – inklusive pompösen Residenzsitz für den Premierminister. Der chronisch unterfinanzierte Gesundheitssektor bleibt dabei weitgehend auf der Strecke. Modis Wahlversprechen von Wachstum und Wohlstand, mit denen er 2014 an die Macht im riesigen Land kam, sind Versprechen, die er längst nicht mehr halten kann.