Corona-Pandemie
Der grösste Lockdown der Welt: In Shanghai fürchten sich Millionen, dass sie bald hungern müssen

Der Frust der Bewohner in der Millionen-Metropole entlädt sich in verzweifelten Hilferufen. Die Verantwortlichen reagieren mit Megaphonen.

Fabian Kretschmer, Peking
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Kuriose Szenen aus dem Lockdown: Roboterhund verkündet Corona-Hygieneregeln in Shanghai

Video: Melissa Schumacher

Der Mann läuft im Kreis, eingesperrt wie ein Panther im Käfig. Voller Innbrunst schreit er durch den Innenhof seiner abgeriegelten Wohnanlage: «Was soll ich essen? Was soll ich trinken? Ihr treibt die Leute in den Tod». In seiner Verzweiflung klagt der Chinese lautstark, dass die Grossmutter weggesperrt sei, ihm das Ersparte ausgehe und die Regierung die Bewohner im Stich lasse. Als ihn eine Nachbarin beruhigen möchte, entgegnet er:

«Es ist mir egal, soll mich doch die Kommunistische Partei abführen. Wo ist der Kommunismus jetzt? Ihr Bastarde!»

Es ist schwer mitanzusehen, wie die wohlhabendste Stadt Chinas innerhalb weniger Wochen in eine Geisterstadt verwandelt wurde, in der längst vergessen geglaubte, existenzielle Ängste in den Alltag der Menschen zurückgekehrt sind. Die Leute fürchten um ihre Lebensmittelvorräte, oder dass ihre eigenen Kinder im Fall einer Infektion von den Behörden abgeführt werden könnten. Was in Shanghai derzeit im Namen der «Null Covid»-Strategie passiert, ist regelrecht beschämend.

Zahl der Infektionen steigt unaufhaltsam an

Millionenfach wurde der Wutausbruch eines Shanghaier Senioren auf den sozialen Medien geteilt, ehe das Video von den Zensoren gelöscht wurde. Doch eine Tonaufnahme des Clips konnte archiviert werden: «Versucht ihr, die Kulturrevolution zu übertrumpfen? Schauen Sie sich nur mal die Atmosphäre des Terrors an, die Sie geschaffen haben», schimpft der Chinese, offensichtlich an ein Mitglied des Nachbarschaftskomitees gerichtet: «Ich schaffe es gerade mal, von Reisbrei und Nudeln zu überleben. Im Gefängnis wäre ich besser dran. Dort würden sie mir wenigstens Medizin geben».

Schanghai gleicht in diesen Tagen einer Geisterstadt – nichts deutet auf ein Ende des Lockdowns hin.

Schanghai gleicht in diesen Tagen einer Geisterstadt – nichts deutet auf ein Ende des Lockdowns hin.

Doch trotz des zunehmenden Leids gibt es derzeit keinerlei Hoffnung, dass der radikale Lockdown allzu bald aufgehoben wird. Denn am Donnerstag sind die Infektionen erneut weiter gestiegen, haben einen Rekordwert von 20'000 Fällen erreicht. Ob die offiziellen Zahlen stimmen, wird jedoch von vielen Bewohnern bezweifelt: Allein im «Donghai Seniorenheim» sind nach einem Corona-Ausbruch 20 Bewohner gestorben, doch in den Statistiken taucht keiner von ihnen auf.

Auch unter den oftmals privilegierten Ausländern ist der Frust angesichts der intransparenten Kommunikation hoch. «Das Einzige, was uns gesagt wurde, ist, dass wir die Wohnung nicht verlassen sollen», sagt ein Deutscher, der seit Jahren in Shanghai lebt. Er habe am ersten Tag des Lockdowns eine staatliche Gemüselieferung erhalten, seither hängt der Mann von seiner – noch gut gefüllten – Vorratskammer ab: «Reich sein bedeutet in Shanghai nicht mehr, ob man eine Louis Vuitton Tasche besitzt, sondern wie viel Gemüse man hat».

Während in Europa die Lockdowns im letzten Jahr nicht selten für Entschleunigung, Yoga-Übungen oder ausgiebige Koch-Sessions genutzt wurden, haben die Expats in Shanghai derzeit viel elementarere Anliegen: «Wie kann ich mein Haustier retten, wenn ich in Quarantäne muss?», fragt einer im Gruppenchat. Jemand anderes möchte wissen, wie man eine Sondergenehmigung erhält, um zum internationalen Flughafen zu gelangen. Und ein Vater regt sich darüber auf, dass man das Konsulat im Ernstfall möglichst schriftlich kontaktieren soll: «Wenn das Nachbarschaftskomitee vor meiner Wohnungstür stünde, um meinen Sohn abzuholen, habe ich doch keine Zeit mehr, eine E-Mail zu schreiben!».

«Zügeln Sie Ihre Sehnsucht nach Freiheit!»

Zumindest die Nahrungsmittelversorgung soll nun besser werden, hat die Regierung versprochen. Derzeit kann man – wenn überhaupt – nur sogenannte Gruppenkäufe ergattern: 20 Paletten Äpfel aus den Lagerhallen, Brotlieferungen für umgerechnet mehrere Hundert Franken, Fleisch ab einem dutzend Kilogramm pro Auftrag.

Am zehnten Abend des Lockdowns entlud sich all der Frust in lauten Chören in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand. Gemeinsam schrien die Menschen gegen die strengen Massnahmen der Regierung an. Diese reagierte jedoch prompt – in Form von umherfliegenden Polizei-Drohnen, die mit Megaphonen durch die Nachbarschaft alarmierten: «Bitte halten Sie sich an die Covid-Restriktionen. Zügeln Sie Ihre Sehnsucht nach Freiheit. Schliessen Sie die Fenster und hören Sie auf zu singen.»

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