Coronakrise in Mexiko: Wenn das Klopapier vom Drogenboss kommt

In Mexiko versorgt das Organisierte Verbrechen die Menschen mit Corona-Hilfen. Die Zahl der Morde steigt trotz der Quarantäne an.

Klaus Ehringfeld aus Mexiko-Stadt
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«Chapo-Pakete» für die Bevölkerung Mexikos: In der Not hilft nicht der Staat, sondern die Mafia.

«Chapo-Pakete» für die Bevölkerung Mexikos: In der Not hilft nicht der Staat, sondern die Mafia.

Bild: Imago Images (Guadalajara,, 17. April 2020)

Das «Chapo-Paket» enthält Klopapier, Maismehl, Püree, Suppen, Kekse, Öl, Zucker, Reis und Bohnen. Alles Dinge, die man in diesen schwierigen Zeiten der Pandemie sehr gut gebrauchen kann, um einigermassen über die Runden zu kommen. Gerade für die rund 50 Millionen armen Mexikaner, die unter der Corona-Krise besonders leiden, sind die Lebensmittel bisweilen eine Frage von Hungern oder Essen. Sie sind also eine gute Sache, nur verteilt sie nicht der Staat oder Hilfsorganisationen, sondern in diesem Fall das berüchtigte «Sinaloa-Kartell», des in den USA inhaftierten Drogenbosses Joaquín «El Chapo» Guzmán.

Mitte des Monats tauchten in den sozialen Netzwerken Videos auf, die Alejandrina Guzmán, Tochter von «El Chapo», und zwei weitere junge Frauen beim Packen und Verteilen der Pakete in Guadalajara, der zweitgrössten Stadt Mexikos, zeigen. Sie tragen dabei einen Mundschutz mit dem Konterfei von «El Chapo». Die Botschaft ist klar: In Zeiten der grossen Krise sind Mexikos Drogenkartelle für die Bevölkerung da und helfen. Besonders die Rentner würden mit den «Chapo-Despensas» versorgt, sagt die Guzmán-Tochter in dem Video.

Wer von der Bank nichts kriegt, leiht bei der Mafia

Wenn man in Mexiko überhaupt noch Zweifel an der parallelen Macht der Mafias hatte, dann ist sie spätestens jetzt ausgeräumt. Denn bereits vor dem Sinaloa-Kartell verteilte die Konkurrenz vom «Golf-Kartell» oder dem «Kartell Jalisco Neue Generation» (CJNG) in ihrem jeweiligen Einflussgebiet Care-Pakete. Die Kartelle schliessen eine Lücke, die der Staat in Krisenzeiten lässt. Das Organisierte Verbrechen wird zur Versorgungsinstanz für die notleidende Bevölkerung.

«In Momenten wie diesen stärken die Kartelle ihre soziale Basis», sagt Edgardo Buscaglia, Experte für Organisierte Kriminalität. Neben den Fresspaketen vergäben sie auch ihre eigenen Kredite an Bedürftige, die bei den Banken keine Chance auf Geld hätten. «Am Ende von Krisen stehen die Mafias meist besser da als vorher», unterstreicht Buscaglia im Gespräch, der als Dozent an der Columbia-Universität in New York und der Universität von Turin lehrt. Der italienische Autor und Mafia-Experte Roberto Saviano ergänzt: «Ein Mund, den du heute fütterst, schweigt morgen». Die Kartelle würden jetzt für die Zeit nach der Epidemie investieren, betonte Saviano gegenüber dem mexikanischen Online-Medium «Sin embargo». «Es ist so eine Art Wahlkampf».

Präsident Andrés Manuel López Obrador reagiert genervt auf die Care-Pakete der Kartelle: Die Philantropie nutze nichts, wenn sie nicht mit den Morden aufhörten. «Lasst die Prahlerei und kümmert Euch um eure Familien», wandte sich López Obrador in seiner morgendlichen Pressekonferenz direkt an die bewaffneten Banden. «Die Pakete helfen nicht».

Der Staatschef hatte dabei sicher auch die neuen Zahlen im Blick, die seine Statistiker erhoben haben. Demnach war der Monat März der tödlichste in Mexiko in den vergangenen 20 Jahren. Trotz der empfohlenen Quarantäne ab dem 23. März wurden während des Monats 2585 Morde registriert. Und das erste April-Wochenende war besonders blutig. Nach Angaben lokaler Medien wurden an den drei Tagen 300 Menschen getötet.

Ausfälle aus China müssen kompensiert werden

Das zeigt, dass die Kartelle auch in diesen Krisenzeiten nach wie vor um ihr Kerngeschäft kämpfen. Schliesslich beschert die Unterbrechung der transpazifischen Lieferketten den hoch diversifizierten Syndikaten deutliche Einbrüche. Nach Informationen der Kriminalitätsexperten von Insight Crime, einem auf das Organisierte Verbrechen in Lateinamerika spezialisierten US-Nachrichtenportal, leiden die Mafias vor allem unter dem Lieferausfall aus China. Zum einen erhalten sie von dort nicht mehr das künstliche Opioid Fentanyl, das sie zur Herstellung von Heroin benötigen oder direkt in die USA «exportieren».

Zum anderen ist der Schmuggel elektronischer Artikel, Schmucks und Kleidung weggefallen. Auch der Rauschgifttransport nach Norden wird für die beiden Marktführer, das Sinaloa-Kartell und die Widersacher vom «Kartell Jalisco Neue Generation», schwieriger. Denn wegen des Virus wird die Grenze zu den USA stärker kontrolliert. Und da letztlich die staatlichen Sicherheitskräfte in Mexiko stärker in der Bekämpfung der Pandemie gebunden sind, nutzen die Mafias das Vakuum und versuchen, neue Routen und Reviere von der Konkurrenz zu erobern.

Derweil werden die Kartelle ihre karitative Seite nach Einschätzung von Experten weiter ausbauen. Das käme der Regierung zupasse. Denn die ökonomischen Hilfspakete, die Präsident López Obrador für die Armen und Selbständigen versprochen habe, würden kaum ausreichen, sagt Edgardo Buscaglia.

Man könne sich sogar fragen, betont der Experte, ob die Regierung die soziale Rolle der Kartelle nicht billigend in Kauf nehme, «um die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Pandemie zu mildern.»