Coronamassnahmen

Die Deutschen wollen die Impfung – doch jetzt kommt erst Mal die Coronaleine

Deutschland schränkt die Bewegungsfreiheit ein - und verlängert den Lockdown. Der Frust bei der Bevölkerung wächst.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Eigentlich hätte dieses Jahr doch mit so viel Optimismus starten sollen. Impfen im Akkord, sinkende Infektionszahlen, die Perspektive, dass - wenn sich die Bevölkerung noch einige Wochen diszipliniert an die Regeln hält - in absehbarer Zeit so etwas wie Normalität zurückkehren wird.

Warten statt Impfen: Der Unmut in der deutschen Bevölkerung wächst.

Warten statt Impfen: Der Unmut in der deutschen Bevölkerung wächst.

Keystone

Doch stattdessen startet 2021 gleich, wie das vorige Jahr aufgehört hat: Mit dem x-ten «Corona-Krisengipfel» zwischen Kanzlerin Angela Merkel und den Regierungschefs der 16 Bundesländer. Deren Botschaft ist, dass der Lockdown nicht nur bis mindestens Ende Januar in die Verlängerung gehen wird, sondern dass die Massnahmen auch gleich noch verschärft werden.

Unter anderem soll in besonders von Corona betroffenen Landkreisen mit einem Inzidenzwert von 200 Infektionen auf 100'000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage der Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort begrenzt werden. Das betrifft etliche Gebiete auch im Grenzgebiet zur Schweiz. Ausflüge in Naherholungsgebiete sind für die Betroffenen vorübergehend nicht mehr möglich. Wie das allerdings von den Behörden kontrolliert werden soll, ist offen.

Ausserdem möchte die Kanzlerin mindestens für die nächsten drei Wochen die Kontakte noch weiter reduzieren. Nur noch eine Person ausserhalb des eigenen Haushaltes wird als Kontakt zugelassen. Wer aus der Schweiz nach Deutschland einreisen will, braucht ausserdem nun einen doppelten Corona-Test. Bei der Einreise muss ein negativer Covid-Test vorgewiesen werden, sofern Beamte an Grenzen oder an Flughäfen nach einem solchen verlangen. Ist der Test negativ, wird die Einreise gewährt - nichtsdestotrotz bleibt die Pflicht, sich für mindestens fünf Tage in Quarantäne zu begeben. Erst nach dieser Frist können sich Einreisende aus Risikogebieten wie der Schweiz von der Quarantäne mit einem zweiten Test freitesten lassen.

Den Impfzentren fehlt der heilende Stoff

Dass die Regierung angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen die Massnahmen aufrechterhalten will, war schon länger klar. Doch neue Berichte über das «Impfchaos» und zu wenig bestellte Impfmengen sorgen in weiten Teilen der Bevölkerung für Verärgerung. Nachrichtensendungen berichten über betriebsbereite Impfzentren, in denen aber das Präparat kaum verabreicht werden kann, da es schlicht nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht.

In vielen Bundesländern hapert es schon bei der Anmeldung zum Impfen. Viele Betagte, die derzeit mit ihrer Impfung an der Reihe sind, stecken in einer Telefonschleife fest, wenn sie die Hotline für die Impfregistrierung anwählen. Bislang wurden in Deutschland lediglich etwa 0,4 Prozent der Bevölkerung geimpft. Geht es in dem Tempo weiter, steckt das 83-Millionen-Land noch über Monate mindestens in einem halben Lockdown fest.

Während Israel, Grossbritannien und die USA in Relation zur Bevölkerung fleissig impfen, wartet Deutschland noch immer auf genügend Präparate notabene jenes Produkts von Biontech, das im eigenen Land entwickelt worden ist. Bis Ende 2020 erhielt das Land lediglich 1,3 Millionen Impfdosen. Deutschland hat die Verhandlungen über die Impfstoff-Bestellung in die Hände der EU-Kommission gelegt. Doch die Frage stellt sich, warum Berlin angesichts der Krise den Impfstoff nicht schon viel früher und auf eigene Faust auf Risiko bestellt hat. Mehr Kosten als einen sich über Monate hinziehenden Lockdown hätte diese Variante nicht verursacht.