Coronavirus
EU zögert beim Impfpass: Im schlimmsten Fall droht im Sommer ein Ferien-Chaos

Österreich macht Tempo bei Impfpässen. Andere Länder wie Deutschland und Frankreich bremsen noch. Es drohen nationale Alleingänge und Diskriminierung an der Urlaubsfront.

Remo Hess, Brüssel
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Ein Europaweiter, digitaler Impfpass als Ticket an den Strandurlaub? Noch ist es nicht soweit.

Ein Europaweiter, digitaler Impfpass als Ticket an den Strandurlaub? Noch ist es nicht soweit.

Keystone

Im Prinzip sind alle einverstanden: Es wäre gut, wenn es in Europa ein Corona-Impfzertifikat gäbe, das einheitlich ist und von allen Staaten gegenseitig anerkannt wird. Die Arbeiten an diesem Impfpass kommen denn auch gut voran. Bei der Frage aber, ob der Impfpass auch freie Ferien-Fahrt in Europa garantieren soll, gehen die Meinungen auseinander.

Sebastian Kurz: Mit Impfpass frei reisen und Urlaub machen

Vor dem Video-Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag legte sich vor allem Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz für einen «grünen Pass» ins Zeug, so wie ihn Israel bereits hat. Dort erhalten Personen, die sich gegen Corona geimpft haben oder von einer Ansteckung genesen sind, wieder ihre Freiheiten zurück und können beispielsweise ins Fitnessstudio, ins Theater oder an Sportanlässe teilnehmen. Kurz: «Wir wollen möglichst schnell wieder zurück zur Normalität».

Er fordert deshalb einen digitalen Grünen Impfpass, den sich jeder aufs Handy laden kann und mit dem man «frei reisen, geschäftlich uneingeschränkt unterwegs sein und Urlaub machen kann». Neben Geimpften und Genesenen sollen auch kürzlich negativ getestete Personen profitieren, so Kurz.

Unterstützung erhält Kurz insbesondere von den Tourismus-Länder im Süden, allen voran Griechenland. Athens Premierminister Kyriakos Mitsotakis setzt sich schon seit Monaten dafür ein, dass die EU beim Impfpass vorwärtsmacht. In anderen EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich will man aber nichts überstürzen.

«Solange die Zahl der Geimpften noch so viel kleiner ist als die derjenigen, die auf die Impfung warten, sollte der Staat beide Gruppen nicht unterschiedlich behandeln», sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Interview. Viele andere EU-Regierungschefs sehen es ähnlich. Die Befürchtung ist, dass eine Zweiklassengesellschaft entstehen könnte und es zu Diskriminierung zwischen jenen kommt, die schon geimpft sind und jenen, die noch auf einen Impftermin warten. Eine anderes Problem ist, dass zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht geklärt ist, ob geimpfte Personen das Virus tatsächlich nicht weitergeben können.

Im schlimmsten Fall droht ein Ferien-Chaos

Mit einer EU-weiten Entscheidung, welche zusätzliche Freiheiten an eine Impfung oder überstandene Corona-Infizierung gekoppelt sind, ist also vorerst noch nicht zu rechnen. Das erhöht die Gefahr, dass es zu Alleingängen kommt: Bereits jetzt haben Griechenland und Zypern mit Israel eine Vereinbarung geschlossen, wonach ab April geimpfte Personen ohne Hindernisse einreisen können. Mit Grossbritannien sollen ebenfalls Gespräche laufen. Und auch Österreich droht damit, nicht auf die EU warten zu wollen: «Wenn es keine europäische Lösung gibt, dann müssen wir dieses Projekt national umsetzen», so Bundeskanzler Kurz.

Das schlechteste Szenario aus EU-Sicht wäre, wenn es in Europa im Sommer ein Sammelsurium an nationalen Regelungen geben würde und die geimpften Bürger eines Landes an den Strand fahren könnten, während die eines anderen Staates zu Hause bleiben müssten.