Schwedens Daniel Koch hat keine Angst vor zweiter Corona-Welle

Anders Tegnell hält hartnäckig an seinem Kurs fest. Schweden sei besser gerüstet als andere Länder für die zweite Welle, die im Herbst kommen werde. Für die hohe Todesrate in seinem Land hat er eine einfache Erklärung.

Samuel Schumacher
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«Schweden wird eine hohe Immunität haben», sagt Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Er hält an seinem Sonderkurs fest. (Bild: Keystone)

«Schweden wird eine hohe Immunität haben», sagt Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Er hält an seinem Sonderkurs fest. (Bild: Keystone)

Während in der Schweiz an diesem Montag mit der Öffnung der Schulen, Läden und Restaurants ein Stück Normalität zurückkehrt, steigt weltweit die Sorge um eine zweite Corona-Welle, die den Globus im Herbst erfassen könnte. Ausgerechnet Schweden, das in der Coronakrise einen Sonderweg mit nur sehr laschen Massnahmen ging, kann dieser zweiten Virenwelle entspannt entgegensehen.

Das zumindest glaubt Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Der 64-Jährige sagte der britischen Tageszeitung «Financial Times», der schwedische Sonderweg werde sich auszahlen. «Im Herbst wird es eine zweite Welle geben. Schweden wird eine hohe Immunität haben. Die Anzahl neuer Krankheitsfälle wird wahrscheinlich ziemlich tief sein.»

Tegnell schätzt, dass Ende Mai rund 40 Prozent der Menschen in Schwedens Hauptstadt Stockholm immun sein werden gegen die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19. Damit werde Schweden deutlich besser dastehen als andere Länder.

Impfung kommt wohl noch lange nicht

Der hohe Immunitätsgrad sei insbesondere daher wichtig, weil die Gesellschaft noch lange mit dem Virus werde leben müssen, sagt Tegnell. «Bis die Impfung hier ist, wird es viel länger dauern, als wir denken. Und wir wissen nicht, wie gut die Impfung sein wird.» Das sei ein weiterer Grund, rasch einen Weg zu finden, wie man das öffentliche Leben trotz des Virus möglichst verträglich gestalten könne.

«Bis die Impfung hier ist, wird es viel länger dauern, als wir denken.»

Trotz Tegnells überzeugtem Festhalten am schwedischen Sonderkurs wird auch Kritik laut an der Strategie, die die Gesundheitsbehörden im nordischen Land verfolgen. Mit 3220 Toten auf 10,2 Millionen Einwohner hat Schweden eine mehr als dreimal höhere Covid-19-Todesrate als etwa Dänemark (526 Tote bei 5,8 Millionen Einwohnern) und gar eine mehr als siebenmal höhere Todesrate als Norwegen (219 Tote bei 5,4 Millionen Einwohnern). Schon vor Wochen hatten rund 2000 schwedische Gesundheitsexperten in einem offenen Brief an Schwedens Regierung gefordert, sofort strengere Massnahmen zu verhängen – vergebens.

Anders Tegnell betonte im Gespräch mit der «Financial Times», dass erst in ein bis zwei Jahren klar sein werde, ob sich Schwedens Sonderweg wirklich auszahle. Als «sehr bedauerlich» bezeichnet Tegnell den Umstand, dass Schweden seine Altersheime zu wenig vor der Epidemie geschützt habe.

Doch trotz der hohen Todesrate und den Dramen in Schwedens Altersheimen, wo auffällig viele Menschen gestorben sind: Das Vertrauen der schwedischen Bevölkerung in ihre Gesundheitsbehörden ist in der Krise sogar gewachsen.