Coronazahlen steigen dramatisch: Brasilien taumelt führungslos durch die Krise

Das grösste Land Lateinamerikas ist der neue Hotspot der Pandemie. Staatschef Jair Bolsonaro wirkt überfordert.

Klaus Ehringfeld aus Mexiko-Stadt
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Nimmt Corona auf die leichte Schulter: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Derweil spitzt dich die Lage im Land immer mehr zu.

Nimmt Corona auf die leichte Schulter: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Derweil spitzt dich die Lage im Land immer mehr zu.

Bild: epa

888 Tote am Mittwoch, 1179 am Dienstag. Am Montag überholte Brasilien England als Land mit den drittmeisten Covid-19-Infizierten weltweit und liegt nur noch hinter Russland und den USA. Doch bei dem atemberaubend steilen Anstieg der Infektions- und Todeskurve kann es nicht mehr lange dauern, bis das grösste Land Lateinamerikas auch Russland bei den Infektionen überholt hat.

Rund drei Mal so viele Tote hat es ohnehin schon. Bis zum Donnerstag meldete die Johns-Hopkins-Universität beinahe 292000 Infizierte und fast 19000 Tote. Damit hat Brasilien allein knapp die Hälfte aller Corona-Fälle in ganz Lateinamerika und ist längst der neue globale Hotspot der Pandemie.

Das wahre Ausmass ist gar nicht zu ermessen

Während Brasilien auf den schlimmsten Moment der Pandemie zutaumelt, wirkt die politische Führung um Staatschef Jair Bolsonaro überfordert und realitätsfern. Experten sprechen von einem «Blindflug», denn noch immer testen die Mediziner so wenig auf eine Coronainfektion, dass das wahre Ausmass der Krankheit in dem Land nicht wirklich zu ermessen ist. Sie könnte 15 bis 20 Mal höher liegen, als offiziell registriert. «In Brasilien wird nur derjenige auf Covid-19 getestet, der im Krankenhaus landet», kritisiert Domingo Alves von der Medizinischen Fakultät an der Universität von São Paulo.

Der Staatschef hat zwei Gesundheitsminister innerhalb eines Monats verheizt, weil ihm die restriktiven Massnahmen nicht passten oder die Minister den Einsatz des Malariamittels Hydroxychloroquin, das nach eigener Auskunft auch US-Präsident Donald Trump einnimmt, kritisch sahen. Dennoch beharrt Bolsonaro darauf, noch vor Erreichen des Höhepunktes der Pandemie die Wirtschaft nach und nach wieder zu öffnen.

Der Bürgermeister der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, Bruno Covas, warnte Anfang der Woche davor, dass das Gesundheitssystem in São Paulo in spätestens zwei Wochen kollabiere. Bereits jetzt seien in den öffentlichen Krankenhäusern der Stadt 90 Prozent der Intensivbetten belegt. Auch immer mehr Ureinwohner erkranken. Wie die «Vereinigung der Ureinwohner» meldet, sind bereits 38 indigene Völker betroffen. Die Krankheit erreiche mit «beängstigender Geschwindigkeit» alle Gebiete der Ureinwohner, die als besonders gefährdet gelten, weil das Immunsystem der Indigenen dem Coronavirus nur schwer widersteht. In der Amazonas-Metropole Manaus werden die Toten in frisch angelegten Massengräbern beerdigt. Die Särge werden übereinander gestapelt.

Fitnesscenter und Coiffeure «systemrelevant»

Derweil regiert der Präsident immer autoritärer. Vor einer Woche ging mit Nelson Teich der zweite Gesundheitsminister in kurzer Zeit; still und schwer frustriert, nachdem Bolsonaro verkündet hatte, Schönheitssalons, Coiffeure und Fitnessstudios seien «systemrelevant», und die Wiedereröffnung per Dekret verfügte. Der Onkologe Teich wurde Mitte April als Gesundheitsminister installiert, nachdem Bolsonaro dessen Vorgänger Luiz Henrique Mandetta entlassen hatte.

Auch Mandetta hatte Differenzen mit Bolsonaro über Abstandsregeln, Ausgangssperren und die Anwendung von Hydroxychloroquin. Der Ex-Minister rechnet damit, dass sich die Lage erst im September wieder zu normalisieren beginnt.

So wie Brasilien die Krise managt, komme ich nicht im Traum auf die Idee, die Grenze zu öffnen

Vorerst übernahm die Nummer zwei im Ministerium, General Eduardo Pazuello, die Leitung des Ressorts. Damit zeichnet sich ein Stück weiter die «Militarisierung» der brasilianischen Regierung ab. Zehn Generäle bekleiden in Bolsonaros Kabinett entscheidende Posten. Der ehemalige Fallschirmjäger Bolsonaro verherrlicht die Militärdiktatur im Land noch immer nostalgisch.

Die Nachbarländer Brasiliens zeigen sich ob des nachlässigen Umgangs mit der Pandemie zunehmend besorgt. Argentiniens Präsident Alberto Fernández kritisiert seinen brasilianischen Amtskollegen lautstark. Und Paraguays Präsident Mario Abdo Benítez bezeichnete Brasilien in der vergangenen Woche als «eine grosse Bedrohung» für sein Land. Die beiden Staaten eint eine 7000 Kilometer lange Grenze, die seit Mitte März geschlossen ist. «So wie Brasilien die Krise managt, komme ich nicht im Traum auf die Idee, die Grenze zu öffnen», unterstrich Benítez.