Dänemark gilt in Sachen Gleichstellung als fortschrittlich – doch der Feminismus hat es dort schwer

Dänemark gehört laut einer internationalen Umfrage zu den am wenigsten feministischen Ländern. Ein Drittel der Däninnen findet es akzeptabel, wenn man ihnen nachpfeift – mehr sind es nur in Nigeria.

Niels Anner, Kopenhagen
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Strassenszene in Kopenhagen. (Bild: Getty)

Strassenszene in Kopenhagen. (Bild: Getty)

Nordeuropäer gelten zu Recht als fortschrittlich in Sachen Gleichstellung: Die meisten Frauen sind berufstätig, wobei der Anteil in Vollzeit arbeitender Frauen im Vergleich zur Schweiz deutlich höher liegt. Auch in Kaderpositionen und Politik sind Frauen in Skandinavien stark vertreten.

Ein umso erstaunlicheres Bild hat nun eine gross angelegte Umfrage des Instituts YouGov und der Universität Cambridge ergeben: Dänemark gehört zu den am wenigsten feministischen Ländern der westlichen Welt. Nur 17 Prozent der Däninnen und Dänen sieht sich laut der Umfrage unter 23'000 Personen in 25 Ländern als feministisch; weniger als etwa in Italien (26 Prozent) oder der Türkei (21 Prozent) – Länder die bei diversen Studien zur Gleichstellung weit hinter Dänemark liegen.

An der Spitze mit 34 Prozent, die sich als feministisch bezeichnen, steht Dänemarks Nachbarland Schweden. Hinter Dänemark liegt mit 14 Prozent noch Deutschland (die Schweiz war nicht Teil der Untersuchung; veröffentlicht wurden zudem nur die Werte ausgewählter Länder).

Grosse Abneigung gegen «MeToo»

Die offenbar verbreitete antifeministische dänische Haltung zeigt sich auch bei zwei anderen Fragen: Ein Drittel der Däninnen gab an, sie fänden es akzeptabel, wenn man ihnen nachpfeife – ein Wert, der nur in Nigeria höher ist, aber in anderen Ländern wie Italien, Frankreich, Mexiko oder der Türkei deutlich tiefer liegt. Zudem ist in Dänemark die Abneigung gegen die «MeToo»-Bewegung unter den westlichen Ländern am grössten.

Die Ergebnisse überraschen auch deshalb, weil Dänemark regelmässig vorderste Ränge belegt, wenn Glücklichsein oder die Lebensumstände von Frauen untersucht werden. Im skandinavischen Land selber jedoch ist man weniger erstaunt. Die frühere Gleichstellungsministerin Karen Ellemann sagt:

«Der Begriff ‹Feminismus› ist in Dänemark einfach negativ aufgeladen, gilt als Kampfruf der 70er-Jahre.»

Dagegen sei «Gleichstellung» ein Grundwert, «den wir mit der Muttermilch verabreicht bekommen». Rikke Andreassen, Forscherin am Zentrum für Geschlecht, Macht und Vielfalt der Universität Roskilde, stiess in den Medien ins gleiche Horn: Sehr viele Däninnen und Dänen wollten Lohngleichheit, und dass ihre Töchter gleich wie ihre Söhne behandelt werden. Aber Feminismus werde mit «unzufriedenen, männerverachtenden, manchmal lesbischen Frauen» assoziiert.

Dies im Gegensatz zu Schweden, wo das Wort viel positiver aufgeladen sei und eine anerkannte politische Dimension erhalten habe, auch unter Männern. Deshalb sei im Nachbarland die «MeToo»-Bewegung riesig geworden und habe im Gegensatz zu Dänemark zu einer Änderung des Sexualstrafrechts geführt, sagt Andreassen. Die dänische politische Korrektheit in Sachen Sexismus sei zudem viel weniger ausgeprägt; eine Frau zu begrapschen, werde als nicht so schlimm aufgefasst, wenn es «aus Spass» geschehe.

Probleme werden verdrängt

Dies führt zu Verdrängung von Problemen. Die Geschlechterforscherin Karen Sjörup erklärt, Feminismus werde in Dänemark als etwas «Sektiererisches» aufgefasst. Sie sieht darin die Gefahr, dass Probleme wie mangelnde Gleichstellung oder Unterdrückung unter den Tisch gewischt werden.

Hierzu passt, dass in einer Studie von 2014, die Frauen nach erlebter psychischer oder sexueller Gewalt fragte, Dänemark höhere Werte als Schweden oder Finnland aufwies. Fehlende Gleichstellung, meint Rikke Andreassen, werde oft – gerade in der Politik – nicht mit der eigenen, sondern anderen Kulturen wie dem Islam in Verbindung gebracht. Dadurch werde zu wenig über die Verlängerung des Vaterschaftsurlaubs oder Vergewaltigung diskutiert.