Frankreich
Damenwahl in Paris: Frau Abwart gegen die Marie-Antoinette in Bluejeans

Die französische Hauptstadt wird inskünftig von einer Frau regiert. Zur Wahl stehen die Sozialistin Anne Hidalogo und die Bürgerliche Nathalie Kosciusko-Morizet. Beide Seiten werfen sich gegenseitig Sexismus vor.

Stefan Brändle, Paris
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Die Linke und die Bürgerliche: Anne Hidalgo (l.) und Nathalie Kosciusko-Morizet

Die Linke und die Bürgerliche: Anne Hidalgo (l.) und Nathalie Kosciusko-Morizet

Keystone

Es sind zwei Alphafrauen, standfest in der männerdominierten Pariser Politik, ambitioniert im nationalen Scheinwerferlicht und fest entschlossen, über eine Weltstadt von mehr als zwei Millionen Einwohnern zu herrschen. Doch morgens um 8 Uhr bringen sie zuerst einmal ihre Kinder zur Schule – wie alle Pariserinnen, die auf wundersame Weise Arbeit mit Familie vereinen.

Die eine, die Sozialistin, ist Anne Hidalgo. In Spanien geboren, in Frankreich in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und im Alter von 14 Jahren Französin geworden. Die 54-Jährige ist die rechte Hand des abtretenden Bürgermeisters Bertrand Delanoë, der das Pariser Rathaus 2001 erstmals für die Linke eroberte und die Stadt als Homosexueller stark liberalisierte. Die Rechte wirft Hidalgo vor, sie sei ein Delanoë-Produkt, sein Apparatschik und politischer Abklatsch. Doch die dreifache Mutter bleibt freundlich gelassen und verteilt auf den Marktplätzen der Hauptstadt ihre «bises» (Wangenküsschen), als hätte sie die Wahl längst gewonnen.

Die andere, die Bürgerliche, ist Nathalie Kosciusko-Morizet. «NKM», wie sie sich der Einfachheit halber nennen lässt, hat polnische Wurzeln. Ihre Eltern und Grosseltern machten aber in Frankreich Karriere als Diplomaten oder Politiker und gehören seit langem zur Haute Société von Paris. Die 40-jährige Ex-Umweltministerin, die zwei Kinder hat, zählt in ihrer Partei UMP zur «génération Sarkozy». Sie gibt sich gerne unorthodox und liess sich auch schon fotografieren, wie sie mit Clochards eine Zigarette raucht.

Die Linke erklärt, solche Auftritte kaschierten nur die Abhängigkeit von den reaktionären Grossbürgerdynastien, die in Paris insgeheim die Fäden zögen. NKM reagiert weniger souverän als ihrer Rivalin, boykottiert sie doch wütend eine Journalistin der Zeitung «Le Monde», die solche Debatten wiedergibt.

«Marie-Antoinette in Bluejeans»

Etwas verbindet Hidalgo und Kosciusko-Morizet: Beide werfen der Gegenseite Sexismus vor. UMP-Stimmen betitelten Hidalgo schon abschätzig als «concierge», was perfid auf die vielen iberischen Hauswartinnen in Paris anspielt. NKM wiederum wird von linker Seite als «Marie-Antoinette in Bluejeans» bezeichnet, weil sie wie eine Blaublütige wirke, die sich dem Volk mit Lederjacke und offenem Haar anbiedere.

Nicht nur die beiden Kandidatinnen, auch ihre Wahlprogramme geben sich progressiv. Und das nicht nur im Vergleich zu den oft anachronistisch wirkenden Präsidentschaftswahlkämpfen auf nationaler Ebene. Hidalgo will das rot-grüne Erbe der Delanoë-Ära noch vertiefen. Nach dem flächendeckenden und rundum erfolgreichen Verleih von Fahrrädern (vélib) sowie Elektroautos (autolib) plant sie einen dritten für Motorräder (scootlib), um die chronischen Verkehrsstaus zu vermindern.

Damit Paris trotz seiner astronomischen Quadratmeterpreise keine museale «Stadt für Reiche» wird, will sie langfristig 30 Prozent Sozialwohnungen errichten. Die Stadt soll dazu sogar selber Wohnraum erwerben und billig abgeben. Grosse Plätze wie Bastille, Panthéon oder Montparnasse will Hidalgo fussgängertauglich machen. Selbst die Dächer von Paris will sie begrünen, sodass die Citoyens, wie sie sagt, dort Tomaten pflanzen können.

Kosciusko-Morizet verspricht mehr Polizisten bei weniger Beamten, und damit tieferen Steuern. Sonst gibt sie sich ebenfalls sozial aufgeschlossen und verspricht ein Neubauprogramm gegen die Wohnungsnot und hohe Mietpreise. NKM plant zudem eine «vernetzte Stadt» sowie eine umfassende «Zeitrevolution», um den veränderten Lebensrhythmen der Grossstadt Rechnung zu tragen. So sollen Krippen eine gleitende Betreuung erhalten. Läden und vereinzelt auch Ämter und Bibliotheken sollen bis spät abends sowie sonntags offen halten; und die U-Bahn soll nicht mehr bis um 0.30 Uhr, sondern bis um 2 Uhr fahren.

Hidalgo kontert, ihre bürgerliche Widersacherin umgebe sich mit einem grünen Mäntelchen. In Wahrheit sei sie gegen die Erhöhung der Parkbussen und für eine komplette Neuasphaltierung der Ringautobahn, dem «périphérique». NKM nennt die regierenden Sozialisten dafür einen «Verein der im Dienstwagen Verkehrenden», der die übrigen Einwohner mit Mietvelos abspeise. Sie selbst nimmt die Metro und preist sogar deren «Charme» und «unglaubliche Bekanntschaften».

Das Internetecho fragte höhnisch zurück, worin wohl der Reiz bestehe, zu Stosszeiten in eine lärmige und stinkende Ratterbahn gepfercht zu sein. «Ich glaube ja gerne, dass NKM den Charme der U-Bahn entdeckt hat», meinte einer via Twitter. «Bloss, in welcher Stadt?»

Die «Bobos» sind wahlentscheidend

Wenn beide Kandidatinnen der tausendjährigen Lichterstadt ein grünes, digitales und trendig urbanes Zukunftskleid verpassen wollen, kommt das nicht von ungefähr. Wahlentscheidend sind in Paris heutzutage die «Bobos», also die jungen und freischaffenden, gut verdienenden und politisch aufgeschlossenen «Bourgeois-Bohèmes». Diese Architektinnen und Anwälte, Kunstgrafiker oder Akademiker, Informatiker und Publizistinnen bevölkern heute fast alle Stadtbezirke von Paris. Sie vermischen sich langsam mit der gehobenen Mittelklasse - aber nicht nur mit ihr. Junge Topverdiener siedeln sich auch im ruhigen Westteil der Stadt an, rund um den Eiffelturm, die Champs-Élysées oder die Avenue Foch, wo noch das alte Bürgertum und der Geldadel regiert. Und wo noch stramm rechts gewählt wird: Der reiche Pariser Westen sorgte dafür, dass die Gaullisten unter Jacques Chirac und Jean Tiberi bis 2001 den Bürgermeister stellten. Noch mehr Bobos siedeln sich aber im Osten an, etwa in den Vierteln um die Bastille oder die Place de la République, dort, wo sich einst das «rote» Paris aus Immigranten, Intellektuellen und Handwerkern drängte. Dort legte Bertrand Delanoë 2001 den Grundstein für die «Rückeroberung von Paris» für die Linke. Mehr denn je gilt heute die geografische Mitte von Paris als wahlentscheidend. Im 9. und 10., aber auch im 14. oder 15. Arrondissement lebten einst die Pariser Kleinbürger. Heute sind es junge Familien, die sich in kleine Dreizimmerwohnungen drängen, oder gut situierte Bobos, die sich eine Fünfzimmerwohnung zu einem Preis leisten, für den man andernorts in Frankreich ein geräumiges Einfamilienhaus erhält. Nicht zufällig lebt und kandidiert Nathalie Kosciusko-Morizet im 14., Anne Hidalgo im 15. Arrondissement. Dort wird Wahlkampf von Haus zu Haus, Tür und Tür betrieben. Als Favoritin gilt Hidalgo, auch wenn das komplizierte Wahlsystem in Paris sichere Umfrageprognosen verunmöglicht. Die Spitzenkandidatin der Sozialisten profitiert vom guten Image ihres Vorgängers Delanoë. Sie leidet aber auch unter der Unpopularität ihres Parteifreundes im Élysée, François Hollande. Kosciusko-Morizet liegt laut Umfragen in den entscheidenden Bezirken zurück. Sie kämpft dort auch gegen den schlechten Ruf der Pariser Rechten, die zu Tiberis Zeiten sogar Tote wählen liess. (brä)