Das dänische Nerzfiasko: Die Tötung von Millionen Tieren wegen Corona wird zum Polit-Skandal

Die gross angelegte Tötung aller Nerze wegen einer Coronamutation wird in Dänemark Streitfall. Die Anordnung war illegal.

Niels Anner aus Kopenhagen
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Die massenhafte Tötung von Zuchtnerzen in Dänemark wird zum Polit-Skandal.

Die massenhafte Tötung von Zuchtnerzen in Dänemark wird zum Polit-Skandal.

Bild: Mads Claus Rasmussen/EPA (Naestved, 6. November 2020)

Auf Geheiss der sozialdemokratischen Regierung sind im Verlauf der letzten Woche zwei Drittel der gut 15 Millionen dänischen Nerze getötet worden – mit Corona infizierte wie auch gesunde. Denn die Nerzfarmen, hatte Regierungschefin Mette Frederiksen erklärt, stellten eine grosse Gefahr dar, da sich in den Pelztieren Coronamutationen bildeten, die auf den Menschen springen. Zuchtnerze sind in Dänemark ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Insbesondere eine Mutation namens «Cluster 5» stelle ein Risiko dar, da bei dieser laut ersten Analysen Antikörper weniger gut wirkten. Doch seither wurde die Befürchtung, dass zukünftige Impfungen gegen «Cluster 5» nicht wirken könnten, relativiert.

Kopfschütteln bei dänischen Forschern

Als die Gesundheitsbehörden am Dienstag Daten ihrer Analysen veröffentlichten, schüttelten Forscher den Kopf. «Aufgrund dieser Daten kann man nicht sagen, dass die Impfungen nicht wirken könnten oder dass hier eine neue Pandemie entstehen könnte», erklärte Sören Paludan, Virologe an der Universität Aarhus. Andere Fachleute pflichten ihm bei. Er sehe nicht, so der Immunologe Thomas Laustsen, dass die Mutation besonders gefährlich sei.

Also Panikmache, eine Überreaktion der Regierung? Vor allem in der Region Nordjütland, wo wegen der Nerz-Mutationen ein strenger Lockdown gilt und 280'000 Einwohner zum Coronatest müssen, wurde Kritik laut. Zumal bekannt wurde, dass «Cluster 5» zuletzt vor einigen Wochen gefunden wurde. Möglicherweise, so die Gesundheitsbehörde, sei die Mutation bereits wieder ausgestorben.

Doch die Regierung verteidigte ihr Vorgehen, auch die Massentötung der Nerze: In diesen seien verschiedene Mutationen entstanden, und die Hälfte der Corona-Ansteckungen in Nordjütland seien auf die Nerz-Farmen zurückzuführen, sagte Gesundheitsminister Magnus Heunicke. Zudem bestehe ein beträchtliches Risiko für neue Mutationen.

Währenddessen türmte sich eine weiteres Problem für die dänische Regierung auf. Sie musste zugeben, dass das Epidemiegesetz nicht erlaube, sicherheitshalber auch gesunde Tiere zu töten; das Parlament hätte dafür zuerst eine entsprechende Änderung beschliessen müssen.

Sturm der Entrüstung im Parlament

Die Verfügung, dass alle Nerze vernichtet werden müssen, war also illegal – was im Parlament zu einem Sturm der Entrüstung führte. Regierungschefin Frederiksen räumte Fehler ein und schob die Verantwortung auf ihren Minister für Ernährung und Landwirtschaft ab. Dieser wiederum erklärte am Mittwoch, es habe in seinem Departement Kommunikationsprobleme gegeben – und versprach eine Untersuchung.

Die bürgerlichen Oppositionsparteien forderten jedoch den Rücktritt des Ministers. Mette Frederiksen, erklärten Polit-Beobachter in dänischen Medien, sei in die grösste Krise ihrer bisherigen Amtszeit geraten.

Derweil erlebten Einwohner in Westdänemark die Probleme der Nerztötungen am eigenen Leib. Weil die Millionen Tiere nicht schnell genug entsorgt werden können, werden sie in Massengräbern vergraben – wobei sich ein penetranter Gestank in der Umgebung ausbreitet. Ein Lastwagen verlor zudem in der Nacht einen Teil seiner Ladung. Die ausgerückte Polizei musste darauf auf einer Landstrasse mehrere Hundert Nerz-Kadaver einsammeln.