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Das Ende des jugoslawischen Traums

Heute vor 100 Jahren wurde das erste Jugoslawien ausgerufen. Es war eine Königsdiktatur, die an nationalistischen Spannungen zugrunde ging. Ebenso das zweite Staatengebilde, eine sozialistische Utopie, die zu schön war, um wahr zu werden.
Rudolf Gruber, Wien
Er rief 1918 das erste Jugoslawien aus: Aleksandar Karadjordjević. 1921, nach dem Tod seines Vaters Peter I., wurde er König von Jugoslawien. Bild: Getty (9. Januar 1929)

Er rief 1918 das erste Jugoslawien aus: Aleksandar Karadjordjević. 1921, nach dem Tod seines Vaters Peter I., wurde er König von Jugoslawien. Bild: Getty (9. Januar 1929)

Den Namen Jugoslawien hatten Intellektuelle um 1900 geprägt, beflügelt vom Traum, dereinst die südslawischen Völker in einen gemeinsamen Staat zu vereinen. Aber erst nach zwei Balkankriegen (1912/13) und dem Ersten Weltkrieg (1914–18), den der Mord an dem österreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo entzündet hatte, schien die Zeit für ein Jugoslawien reif.

«Von allen Staaten, die 1918 auf der politischen Landkarte Europas erschienen, war Jugoslawien zweifellos der vielgestaltigste und komplizierteste», schreibt die Südosteuropa-Historikerin Marie-Janin Calic*. Das erste Jugoslawien, am 1. Dezember 1918 vom serbischen Prinzregenten Aleksandar Karadjordjević ausgerufen, sollte so noch nicht genannt werden. In den Verhandlungen vor der Staatsgründung hatte sich der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić mit der Bezeichnung «Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen», auch SHS-Staat genannt, durchgesetzt.

Der Name Jugoslawien stand für ein föderales System, das die Vertreter der Regionen der zerfallenen Habsburgermonarchie – Kroatien-Slawonien, Dalmatien, die Vojvodina sowie die slowenischen Provinzen Krajn und Stajerska (Untersteiermark) – gefordert hatten. Die Karadjordjević-Dynastie erwies sich jedoch nicht als die verbindende Kraft, sondern stand für Zentralismus und serbische Dominanz. Von den damals zwölf Millionen Staatsbürgern stellten mit rund 39 Prozent die Serben (einschliesslich Montenegrinern und Mazedoniern) die klare Mehrheit, die Kroaten (24 Prozent) und Slowenen (9 Prozent) zusammen nicht wettmachen konnten. Den Rest teilten sich zwölf Minderheiten, darunter slawische Muslime, Ungarn und Deutsche, die als nicht gleichberechtigte Völker galten.

Mord während Parlamentsdebatte

Weil sich die politischen Parteien namentlich der Serben und Kroaten strikt nach ethnischen Kategorien und den jeweiligen Religionen definierten, waren Dauerkonflikte an der Tagesordnung. Das Parlament war unfähig, Beschlüsse zu fassen. Bis ein politischer Mord eine dramatische Wende brachte: Am 20. Juni 1928 schoss ein montenegrinischer Abgeordneter während einer Parlamentsdebatte Stjepan Radić nieder, den populären Anführer der kroatischen Bauernpartei und Hauptfeind der Serben. Radić erlag zwei Wochen später seinen Verletzungen; mit ihm starb nach zehn Jahren auch der SHS-Staat.

König Aleksandar I. rettete seine Macht, indem er das Parlament auflöste und mit Hilfe des Militärs eine Diktatur errichtete. Der neue Staat hiess nun doch «Königreich Jugoslawien», womit der Monarch signalisieren wollte, dass er weiterhin auf Einheit und Versöhnung setze. Doch es war zu spät: Im Untergrund brodelte bereits der Widerstand, kroatische Ustascha (Aufständische) und mazedonische VMRO-Terroristen hatten sich gegen die serbische Vorherrschaft verbündet. Aus ihren Reihen kam auch der Attentäter, der Aleksandar am 9. Oktober 1934 bei einem Staatsbesuch in Marseille erschoss. Die «Königsdiktatur» überlebte noch ein paar Jahre, ehe mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 das erste Jugoslawien endgültig Geschichte war.

Hitler und Mussolini teilten sich das Land auf. Italien besetzte Westslowenien, Dalmatien und Montenegro; Deutschland annektierte Nordslowenien, besetzte Serbien und das Banat. Der neue Kroatenstaat (NDH) unter dem faschistischen Ustascha-Führer Ante Pavelić verleibte sich Bosnien-Herzegowina ein und wurde zu Hitlers und Mussolinis Vasallenstaat, der politische Gegner, namentlich Serben, Roma und Juden, nach Manier der Nazis gnadenlos verfolgte. Das kroatische Konzentrationslager Jasenovac, wo nach Schätzungen etwa 70000 Menschen ermordet wurden oder an Hunger und Krankheit starben, ging als «Auschwitz des Balkan» in die Geschichte ein.

Doch der jugoslawische Traum lebte weiter – in der schillernden Partisanenbewegung, der königstreue serbische Tschetniks unter dem Armeeoberst Draža Mihailović ebenso angehörten wie kommunistische Partisanen unter ihrem Anführer Josip Broz, einem ehemaligen Soldaten des Wiener Kaisers. Mit dem Heldennamen Tito wurde er zur Ikone des Widerstands gegen die faschistischen Besatzer, denen er ohne Rücksicht auf eigene Verluste einen zermürbenden Guerillakrieg lieferte. Den Rest erledigten die westlichen Alliierten 1944 mit der Landung in der Normandie. Erst 1964 legten jugoslawische Statistiker die Zahl der Kriegstoten zwischen 1941 und 1945 auf rund 1,1 Millionen fest. Die Mehrzahl waren Zivilisten, die überwiegend bei politisch und religiös gesteuerten Massakern («ethnischen Säuberungen») oder in Lagern umgebracht wurden.

Tito ruft aus seinem Versteck das zweite Jugoslawien aus

Noch mitten im Zweiten Weltkrieg rief Tito im bosnischen Bergnest Jajce, wo er sich vor den Häschern der Nazis und Ustascha versteckt hielt, das zweite, sozialistische Jugoslawien aus. Es war ein föderal gegliederter Staat mit sechs Teilrepubliken – Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Montenegro –, denen eine gewisse Selbstständigkeit gewährt wurde. Doch das unumstrittene Machtzentrum war die Kommunistische Partei. Tito duldete keine Kritik, Tausende Regimegegner landeten in Gefängnissen oder wurden auf die nackte Felsinsel Goli otok verbannt. Seine Geheimdienstler ermor­deten seine Feinde auch in deren Exil­ländern. Seinen Zorn bekam selbst der engste Mitkämpfer Milovan Djilas zu spüren, der es gewagt hatte, Tito und korrupte Parteifunktionäre als «neue Klasse» anzuprangern.

Doch auch Tito musste seine ganze Staatskunst aufwenden, um seine Vision von «Bratstva i jedinstva» (Brüderlichkeit und Einheit) zu realisieren. Mit Verfassungsreformen und geschicktem Ausspielen nationaler Interessen hielt er die Völker in Schach. Um die Dominanz der Serben und Kroaten zu mindern, erhielten muslimische Bosnier von Tito den Status einer eigenen Nationalität. Die ethnisch gemischte Vojvodina und die ­Albanerhochburg Kosovo bekamen als autonome Provinzen eigenes Stimmrecht im Staatspräsidium.

Westen deckt den jungen Staat mit Krediten ein

Tatsächlich entwickelte sich eine jugoslawische Identität. Den ersten Schritt dazu setzte Tito bereits 1948, als er mit Stalin brach und einen eigenständigen Sozialismus durchsetzte, den Titoismus. Ein Wagnis, das sich lohnte: Allein dafür liebte ihn der Westen, der Jugoslawien mit Krediten eindeckte. Im Club der blockfreien Staaten spielte Jugoslawien eine führende Rolle. Anders als die kommunistischen «Bruderländer» gewährte Tito Reisefreiheit. Tausende Jugoslawen gingen als Gastarbeiter in den Westen, mit ihnen «exportierte» Tito ein erhebliches Mass an Arbeitslosigkeit und «importierte» mit deren Löhnen dringend nötige Devisen. Viel Geld brachte auch der Massentourismus an der Adria; umgekehrt deckten sich die Jugoslawen in Österreich mit Gütern ein, die zu Hause Mangelware waren wie Kaffee oder Nylonstrümpfe.

Doch wie dem ersten Jugoslawien gelang es auch dem Tito-Staat bis zu seinem Ende nicht, die nationalistischen Gegensätze und das wirtschaftlich-sozial starke Nord-Süd-Gefälle zu überwinden. Spätestens nach seinem Tod – Tito starb am 4. Mai 1980 nach langem Siechtum im Alter von 88 Jahren – war klar, dass sein Jugoslawien, mit rund 20 Milliarden US-Dollar überschuldet, ohne ihn nicht mehr funktioniert. Ein blutiger Erbfolgekrieg zerstörte nach sieben Jahrzehnten den jugoslawischen Traum endgültig. Die ehemaligen Teilrepubliken stehen 27 Jahre nach ihrer Unabhängigkeit noch immer am Anfang des europäischen Integrationsprozesses.

*Buchhinweis: Marie-Janine Calic, «Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert», Verlag C.H. Beck, München

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