Japan: Umzug eines legendären Fischmarktes

Nach jahrelangen Verzögerungen und Querelen zieht Tokios berühmter Tsukiji-Fischmarkt endgültig um. Der neue Standort des Marktes ist wegen Giftaltlasten aber sehr umstritten.

Angela Köhler, Tokio
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Sie bieten mit: Thunfisch-Auktion im berühmten Tsukiji-Fischmarkt in Tokio. (Bild: Akio Kon/Bloomberg; Tokio, 5. Januar 2018)

Sie bieten mit: Thunfisch-Auktion im berühmten Tsukiji-Fischmarkt in Tokio. (Bild: Akio Kon/Bloomberg; Tokio, 5. Januar 2018)

Sie stehen schon um 2 Uhr Morgens an, um gute drei Stunden später bei der spektakulären Thunfisch-Auktion auf dem legendären Tokioter Fischmarkt dabei sein zu können. Trotz des riesengrossen Andrangs dürfen täglich maximal 120 Besucher die kurze Verkaufsshow besuchen. Aber auch die Ersten werden unweigerlich die Letzten sein. Der Countdown läuft ...

Am 6. Oktober wird der wohl berühmteste Fischmarkt der Welt, der prominente Tsukiji, offiziell geschlossen. Fünf Tage später öffnet das neue Areal im Stadtbezirk Toyoso, gut zwei Kilometer vom jetzigen Standort entfernt, seine Tore.

Tausende Touristen aus aller Welt versuchen, irgendwie noch einen Blick auf den «Alten» zu werfen. Für die Thunfisch-Auktionen wird es besonders eng und knapp. Die letzte Führung soll schon am 15. September über die Bühne gehen. Dann ist Schluss mit diesem einmaligen Spektakel. Die Tsukiji-Verantwortlichen begründen dieses vorzeitige Ende mit den aufwendigen Vorbereitungen für den Umzug.

Anerkennung, aber auch viel Ärger

Damit geht eine Ära zu Ende, die viel Bewunderung und Anerkennung, aber auch viel Ärger und Querelen erlebt hat. Seit mehr als 20 Jahren gibt es erbitterte Diskussionen, wie mit dieser Kult-Institution und dem historischen Bauwerk, einer viertelkreisförmigen Architektur, verfahren werden soll. Der Tsukiji, der 1935 aus damaliger Sicht grosszügig gebaut wurde, platzt schon lange aus allen Nähten.

Etwa 1000 registrierte Gross- und Zwischenhändler agieren auf diesem Areal. Rund 60000 Mitarbeiter schwirren mit Gabelstaplern, Kleinstlastern und Karren durcheinander. Im Tsukiji wird nicht nur Fisch gehandelt, er hat sich auch zum Zentrum der Obst- und Gemüsehändler entwickelt, die in abenteuerlichen, teils romantischen bis unzumutbaren Buden einer Grosshalle ihre Waren anbieten, meist ohne Brandschutz oder Erdbebensicherheit und die gebotene Hygiene.

Seit Sterneköche aus aller Welt vom Tsukiji als Pilgerort für das frischeste und seltenste Seafood schwärmen, ist der Markt eine Top-Destination für Touristen. Irgendetwas musste passieren – renovieren, erweitern oder umziehen?

«Alt, stinkig und schmutzig»

2001 fällte der damalige Gouverneur das vernichtende Verdikt: «Der Tsukiji ist alt, stinkig, schmutzig.» Also Umzug. Die Begründung erbost die Betroffenen bis heute.

Viele Marktbetreiber meuterten und suchten Gründe für den Verbleib. Weil die Grundstückspreise nahe der Prachtstrasse Ginza massiv gestiegen seien, würden sie «vertrieben», damit auch dort Wolkenkratzer gebaut werden. Jetzt soll der innere Ring ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio werden. Was danach aus dem teuren Grundstück wird, ist unklar.

Das neue Tsukiji-Domizil fand nie wirklich Freunde. Dass die Politik den gigantischen Markt ausgerechnet auf dem Gelände einer ehemaligen Gasfabrik ansiedeln wollte, war von Anfang an problematisch. Man hätte auf 40 Hektar zwar doppelt so viel Platz, auch für moderne sanitäre Einrichtungen und Kühlketten. Aber eben keinerlei Flair und vor allem Giftaltlasten. Erde und Grundwasser waren mit krebserregendem Benzol und Zyanid verseucht. Ob das Gelände trotz extremer Kosten gründlich saniert wurde, ist bis heute umstritten. In diesem Zusammenhang ist immer wieder von Korruption und Vetternwirtschaft die Rede. Die für 2016 geplante Verlegung wurde wegen dieser Bedenken immer wieder verschoben. Viele Japaner und auch Touristen plädierten dafür, den Tsukiji als Unesco-Weltkulturerbe zu erhalten und zu schützen.