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50. Jahrestag des Prager Frühlings: In die Schweiz ausgewanderte Tschechoslowaken erinnern sich

Vor 50 Jahren zerschlugen die Warschauer-Pakt-Staaten das Projekt eines reformierten Sozialismus in der ČSSR. Die Erinnerung daran treibt viele damals in die Schweiz emigrierte Tschechoslowaken bis heute um.
Stefan Welzel
Ein Plakat mit einem Foto Josef Koudelkas zeigt den Kampf von Zivilisten gegen die Besatzer am 21. August 1968 in Prag. (Bild: Martin Divisek/EPA; Prag, 16. August 2018)

Ein Plakat mit einem Foto Josef Koudelkas zeigt den Kampf von Zivilisten gegen die Besatzer am 21. August 1968 in Prag. (Bild: Martin Divisek/EPA; Prag, 16. August 2018)

Die Bilder vom Morgen des 21. August 1968 gingen um die Welt. Junge Tschechoslowaken stellen sich in den Strassen ihrer Hauptstadt Prag sowjetischen Panzern entgegen. Sie erklimmen die Militärfahrzeuge, schwenken Fahnen ihrer Heimat, werfen Pflastersteine oder diskutieren mit den meist völlig ratlosen Soldaten der Besatzungsmacht. Einer, der ganz dicht dran war, ist Josef Koudelka.

Die Aufnahmen des heute 80-jährigen Fotografen sind die wohl eindringlichsten, auf jeden Fall aber die unmittelbarsten historischen Quellen jener Zeit. Eine Ausstellung seiner Schwarz-Weiss-Fotos gehört dieses Jahr zu den bestbesuchten Prags. Die Impressionen des späteren Magnum-Fotografen schaut sich, emotional aufgewühlt, auch Jaroslava Fournier an. Die Gymnasiallehrerin war damals 18 Jahre alt und befand sich mitten drin im Geschehen. «Für mich war der Einmarsch ein Stich ins Herz», sagt Fournier nach dem Besuch der Ausstellung in einem Café im Zentrum Prags. Einige Jahre später sollte sie dem Land den Rücken kehren und emigrieren. Viele ihrer Landsleute taten dies schon im Spätsommer 1968, rund 13 000 fanden in der Schweiz ein neues Zuhause.

Dazu gehören auch die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin Irena Brežná sowie der Präsident des Schweizer Ablegers des tschechischen Turnverbandes, Petr Chour. Ihre Fluchtgeschichte beginnt jeweils in ihren Sommerferien im Ausland, von wo sie für Jahrzehnte nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren sollten.

«Ich war im August 1968 im Sommerlager in Frankreich. Der Leiter hat am Morgen des 21. das Radio eingeschaltet, und von da an hörten wir die nächsten Tage ununterbrochen ‹l’occupation de la Tchécoslovaquie›. Das war der Schock meines Lebens», sagt Brežná. Die 68-Jährige wohnt abwechselnd in Basel und Bratislava. 2012 gewann sie den Schweizer Literaturpreis für ihren Roman «Die undankbare Fremde», in dem sie als Ich-Erzählerin von ihren Emigrationserfahrungen spricht. Sie habe damals nicht mit einer Invasion der Truppen des Warschauer Paktes gerechnet.

  • Zeittafel Prager Frühling:
  • Ende Juni 1967. Der Reformwille der Bevölkerung bricht sich immer mehr Bahn. Im Sommer 1967 fordert der tschechoslowakische Schriftstellerverband die Abschaffung der Zensur.
  • Oktober 1967. Ein Studentenprotest in Prag wird niedergeschlagen. KSČ-Generalsekretär Antonín Novotný verliert mit seinem Hardliner-Kurs aber immer mehr den Rückhalt in der eigenen Partei.
  • 5. Januar 1968. Novotný wird abgesetzt. Der Reformflügel der Partei bringt Alexander Dubček als neuen Generalsekretär der KSČ durch. Dieser wird zum Gesicht des «Sozialismus mit menschlichem Antlitz».
  • 5. April 1968. Die Partei stellt ein Aktionsprogramm mit weitreichenden Reformen in Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft vor.
  • Ende Juli/Anfang August 1968. In Čierna nad Tisou sowie in Bratislava verhandeln die Tschechoslowaken mit den Sowjets unter Leonid Breschnew sowie den Führern Bulgariens, Polens, Ungarns und der DDR. Breschnew beschwört seinen Duzfreund Dubček vergeblich, vom Reformkurs abzukommen. Die Weichen für die Invasion sind gestellt.
  • 21. August 1968. Die Truppen des Warschauer Paktes besetzen die ČSSR und beenden das «konterrevolutionäre» Reformprojekt. In der Folge emigrieren rund 150 000 Bürger.

Die Geräusche der Panzerketten

Genauso wenig glaubte Jaroslava Fournier daran, die zum gleichen Zeitpunkt in der Nähe des Prager Wenzelsplatzes noch die Türen des kleinen Reisebüros öffnete, in dem sie damals nach ihrer Matura arbeitete. «In der Ferne hörte ich frühmorgens seltsame Geräusche. Ich wusste zunächst nicht, was vor sich ging.» Die Geräusche waren das Rattern der Panzerketten. Vor dem Eingang des Büros warteten Dutzende, weil sie ihre Pässe, die sie für bereits getroffene Reisevorbereitungen in dem Geschäft lassen mussten, wieder abholen wollten. Vielen war klar: Man muss sich zumindest die Möglichkeit offenlassen, möglichst bald die Grenze passieren zu können.

Die Situation war unübersichtlich. Offiziell eilten die sozialistischen Länder des Warschauer Paktes ihrem Bündnispartner Tschechoslowakei zu Hilfe. Denn dort drohte angeblich der Umsturz der Staatsordnung, die durch «konterrevolutionäre Kräfte gefährdet wurde, die mit den dem Sozialismus feindlichen äusseren Kräften in eine Verschwörung getreten sind», hiess es seitens der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Freilich waren keine konterrevolutionären Umtriebe der Grund, sondern die liberalen Reformen des «Prager Frühlings», die seit Anfang 1968 Stück für Stück umgesetzt wurden. Unter dem neuen Generalsekretär der kommunistischen Partei, Alexander Dubček, ging eine verjüngte Führungsriege Wirtschaftsreformen an, die marktwirtschaftliche Elemente sowie eine gesellschaftliche Öffnung beinhalteten.

Leonid Breschnew trifft Ende Juli 1968 Alexander Dubček und beschwört ihn, die Reformen aufzugeben. (Bild: Bettmann Archive)

Leonid Breschnew trifft Ende Juli 1968 Alexander Dubček und beschwört ihn, die Reformen aufzugeben. (Bild: Bettmann Archive)

Der «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» war der alternative dritte Weg zur sozialen Marktwirtschaft. «Und daran haben wir geglaubt. Die Hoffnung war riesig», sagt Jaroslava Fournier. Auch für Irena Brežná war es eine prägende Zeit: «Die Zeitungen druckten nicht mehr die Reden der KP-Mitglieder in voller Länge ab, sondern berichteten von kommunistischen Verbrechen und Fehlern der Planwirtschaft. Ich habe wie alle in meiner Umgebung an den Sozialismus mit menschlichem Antlitz geglaubt.»

Umso tiefgreifender war dann der Einschnitt mit der Invasion. Ein geheimer, sogenannter «Einladungsbrief» tschechoslowakischer Altstalinisten, Anfang August in Bratislava an Sowjetmachthaber Leonid Breschnew übergeben, forderte den Einmarsch in der ČSSR. Er war das dünne politische Feigenblatt für den feindlichen Akt, an dem sich Truppen der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens beteiligten. Die DDR leistete nur logistische Hilfe. Deutsche Soldaten, die die Tschechoslowakei mitbesetzten – das war nur 23 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht denkbar.

Heftiger Widerstand der Zivilbevölkerung

Noch am Tag der Besetzung trat die Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) zusammen und verfasste eine Verurteilung des Einmarsches. So kamen sie den stalinistischen Hardlinern zuvor, die es am liebsten gesehen hätte, wenn sie im Namen der Partei – nun aus der Deckung herauskommend – die Befreiung ihrer Heimat hätten begrüssen können. Der heftige Widerstand aus der Bevölkerung hielt derweil an. Nicht nur in Prag, auch in anderen Städten des Landes wie der slowakischen Metropole Bratislava.

Von dort aus telefonierte Irena Brežnás Mutter mit ihrer in Frankreich weilenden Tochter. «Hier zielen die Panzerrohre auf unsere Fenster», sagte sie. In Prag verteidigten Zivilisten wichtige Institutionen wie das Hauptgebäude des staatlichen Radios. Die tschechoslowakische Führung verzichtete auf die Aktivierung des eigenen Militärs zum Widerstand – zu eindeutig waren die Macht­verhältnisse. Rund eine halbe Million Soldaten besetzten die ČSSR. Hilfe vom Westen konnte man keine erwarten. So war der Widerstand von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Petr Chour war 1968 bereits 25 Jahre alt, Student und frisch verheiratet. Er verbrachte gerade seinen Urlaub im blockfreien Jugoslawien, als ihn die Nachricht der Invasion erreichte. Im Gegensatz zu Brežná und Fournier beschlich Chour bereits vor seinem Ferienantritt Skepsis. «Einem Bekannten meines Vaters, der in Zürich lebte und uns 1968 besuchte, habe ich damals gesagt: Es würde mich nicht wundern, wenn wir nach unseren Ferien in der Schweiz landen würden. Das war aber einfach so dahergesagt. Dass es dann tatsächlich so kommen würde, konnte man natürlich nicht ahnen.»

Chour ging zuerst nach Wien, von wo er eigentlich weiter in seine Heimatstadt Prag reisen wollte – trotz Okkupation. Doch sagte ihm eine Gruppe von Landsleuten, die gerade den umgekehrten Weg gemacht haben, dass dieses Vorhaben verrückt sei. Chour und seine Frau entschieden sich, zu emigrieren. Sie erfuhren, dass die Schweiz alle tschechoslowakischen Flüchtlinge, die kommen, auch aufzunehmen gedenke. Das junge Ehepaar reiste kurze Zeit danach mit dem Zug in Richtung Westen.

"Ich hielt es für feige, das okkupierte Land im Stich zu lassen."

Die österreichische Hauptstadt war damals ein Nadelöhr für Emigranten aus der nahen Slowakei. Auch Irena Brežná ging über Paris nach Wien, wo sie ihre Mutter traf. «Dort sind wir dann von Botschaft zu Botschaft gezogen, wo sich überall grosse Schlangen bildeten.» Brežnás Mutter wollte nach Kanada, aber vor der kanadischen Botschaft campierten seit Tagen ihre Landsleute. «Jemand sagte, die Schweiz nehme tschechoslowakische Staatsangehörige ohne Visum auf. Wir fuhren sofort mit unserem Škoda nach Buchs.» Der Weg aus der besetzten Heimat über Wien in das Flüchtlingsaufnahmezentrum in Buchs war einer, den ein Grossteil der gut 13000 Tschechoslowaken, die in der Schweiz Aufnahme fanden, damals genommen hat. «In Buchs blieben wir nicht, sondern fuhren nach der Registrierung gleich weiter westwärts. Am Abend landeten wir zufällig in Basel. Dort sagte meine Mutter: ‹Ich emigriere keinen Meter weiter.›»

Die Frage der Integration

Nach der Ankunft im Exil blieb der Fokus zunächst in die alte Heimat gerichtet. «Ich wollte damals auf keinen Fall weg von Bratislava. Ich hielt es für feige, das okkupierte Land im Stich zu lassen.» Doch die junge Irena wurde nicht gefragt. Petr Chour und seine Frau wussten schon in Wien, dass nun ein neues Leben beginnt. «Es gab keinen Weg zurück.» Als gelernter Elektromechaniker fand er rasch eine Anstellung als Prüfer von Hochspannungsgeräten bei einer Firma in aargauischen Oberentfelden. Die Integration fiel Chour verhältnismässig leicht. «Durch die Hilfe der Schweizer fand ich schnell einen Job. Von meinem Arbeitgeber wurde sogar ein Deutschkurs bezahlt. Und im Prinzip sind wir ja aus dem gleichen, mitteleuropäischen Kulturkreis.» Nach nur einem Jahr wechselte Chour in die Administration des Unternehmens und begann eine Laufbahn im mittleren Kader.

Ganz anders empfand Irena Brežná die Schweiz. «Ich war die ersten Jahre nur traurig. Erst allmählich begriff ich, wie rechtlich erniedrigend die Lage der Schweizerinnen war.» Im Gegensatz zur Tschechoslowakei gab es in dieser westlichen Demokratie kein Frauenstimmrecht, die Abtreibung war verboten und Ehefrauen durften nur mit Einwilligung des Gemahls einer Erwerbstätigkeit nachgehen. «Zwar gab es in der ČSSR eine sozialistische Diktatur, aber die Frauen waren gleichgestellt.» Auch an den Universitäten waren sie in der Mehrzahl, an der Uni in Basel waren sie dagegen rar.

Der Grad der Integration und das Empfinden darüber, wie man sich in der neuen Heimat zurechtfindet, hing von unterschiedlichsten Faktoren ab. Nicht nur das Geschlecht, auch das Alter und der soziale Hintergrund waren entscheidend. Brežná war eine junge Studentin, die sich mit vielen, oft auch hehren Idealen des Sozialismus identifizierte. Nun musste sie sich den Realitäten einer damals sehr wertkonservativen, bürgerlichen Schweiz anpassen. Petr Chour begrüsste die Reformen des Prager Frühlings zwar, konnte mit dem Sozialismus aber grundsätzlich nicht viel anfangen. Als junger Mann fand er schnell Arbeit und dadurch sozialen Anschluss. Später engagierte sich Chour beim Schweizer Ableger des tschechoslowakischen Sportverbandes Sokol, einer Art Mischung aus Turnverein und Pfadi und in Tschechien bis heute gesellschaftlich tief verankert. «Der Sokol war aber nicht einfach ein Turnverein, sondern bot den Tschechoslowaken die Möglichkeit, sich untereinander zu treffen und sich kulturell und politisch auszutauschen», so Chour, heute Präsident der Schweizer Sektion.

Irena Brežná hatte mehr Mühe, sich zu assimilieren. «Die Schweiz war politisch gespalten. Die Rechten fragten mich nach den sozialistischen Schrecken aus, sie brauchten es zur Bestätigung ihres antikommunistischen Reflexes», erklärt Brežná. «Sie dachten, wir sollten in der Schweiz alles ganz toll finden.» Viele Linke wiederum hielten Leute wie Brežná nicht selten für Verräter ihrer marxistischen Utopie. «Ich fand die Linken sympathisch, sie trugen lange Haare, waren rebellisch wie ich, begehrten gegen die verkrusteten Strukturen auf, bloss über den Realsozialismus konnte ich mit ihnen nicht reden.» Doch dass sie sich an den politischen Widersprüchen jener Zeit reiben konnte, habe ihren analytischen Geist geschärft, sagt die Schriftstellerin.

Der Invasion folgt die Zeit der «Normalisierung»

Viele Schweizer, so Brežná, seien an ihrem Schicksal interessiert und hilfsbereit gewesen. Eine entideologisierte Heimat fand Brežná dann Anfang der 70er-Jahren bei der Nichtregierungsorganisation Amnesty International, für die sie neben ihrem Studium zu arbeiten begann. «Dort war es egal, ob wir uns für die Freilassung von kommunistischen Gefangenen in Chile oder für sowjetische Dissidenten im Gulag einsetzten.» Ihr Engagement für Menschenrechte wäre in Brežnás alter Heimat nurmehr unter äusserst erschwerten Bedingungen möglich gewesen. Der Wind drehte sich ab Ende August 1968 deutlich.

Kurz nach der Invasion wurde eine Delegation um Alexander Dubček und Staatspräsident Ludvík Svoboda in die Sowjetunion gebracht, wo sie das «Moskauer Protokoll» unterschreiben musste. Damit wurden alle Reformprojekte aufgehoben. Nach und nach wurden die Vertreter des «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» gezwungen, ihre Posten zu räumen. Dubček wurde im April 1969 durch den linientreuen Gustáv Husák ersetzt. Was folgte, war die von der neuen Führung propagierte «Normalisierung», gezeichnet durch ein extrem repressives Regime. Die meisten Emigranten wurden in Abwesenheit wegen Republikflucht zu Haftstrafen verurteilt – Brežná erhielt 1,5 Jahre, Chour ein halbes Jahr.

Jaroslava Fournier blieb in Prag und trauerte bald der Reformzeit nach. Sie emigrierte Mitte der 70er-Jahre nach Frankreich. Der von ihr bewunderte Fotograf Koudelka tat es ihr gleich und lebt seit 1980 in Paris. Irena Brežná und Petr Chour reisen seit der Revolution 1989 wieder regelmässig in die alte Heimat. «Aber das Zuhause, das ist hier in der Schweiz», sagt Chour.

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