Hongkong
Das Gesicht des Protests: der 17-jährige Joshua Wong

Der 17-jährige Hauptorganisator der Demonstrationen hat schon viel mehr Protesterfahrung als die meisten seiner älteren Mitstreiter. Mit 14 hat er bereits seine erste Initiative lanciert. Wer ist dieser Junge?

Felix Lee, Hongkong
Merken
Drucken
Teilen
Joshua Wong.KEY

Joshua Wong.KEY

Er ist gerade einmal 17 Jahre alt – und sieht sogar noch sehr viel jünger aus. Seine Rolle als Protestanführer hat Joshua Wong aber dennoch exzellent verstanden.

Ermattet von der vergangenen Blockadenacht, reiben sich seine zumeist älteren Kommilitonen und die anderen sehr viel erfahreneren Demokratie-Aktivisten noch müde die Augen. Wong hingegen macht sich bereits in den frühen Morgenstunden mit drei Freunden auf den Weg zum Golden Bauhinia Square im Hongkonger Regierungsviertel. Dort soll um Punkt 8 Uhr anlässlich des chinesischen Nationalfeiertags sowohl die Flagge der Volksrepublik als auch die der Sonderverwaltungszone feierlich gehisst werden. Hongkongs Regierungschef Leung Chun-ying ist anwesend und hat zahlreiche hohe Parteikader aus Peking und andere Ehrengäste zu Besuch.

«Eine exzellente Gelegenheit», sagt Joshua Wong später. Demonstrativ wenden er und seine Mitaktivisten dem Fahnenzeremoniell den Rücken zu und halten schweigend die Hände gekreuzt über den Kopf. Über die sozialen Medien und die anwesenden Fernsehteams geht binnen weniger Sekunden dieses Bild um die Welt. Spätestens mit dieser Aktion ist der schmächtige Student mit modischer Hornbrille endgültig das Gesicht von Hongkongs Demokratiebewegung.

Es begann, als er 14 war

Geboren 1996 auf der gegenüber der Hauptinsel Hongkong liegenden Halbinsel Kowloon hat der Sohn christlicher Eltern bereits im Alter von 14 Jahren in der gesamten Sonderverwaltungszone von sich reden gemacht. Er hatte mit einem Freund die Schülerinitiative «Scholarism» gegründet. Sie wandte sich gegen die Pläne der Hongkonger Regierung, an den Schulen künftig mehr «moralische und patriotische Erziehung» zu betreiben.

Wong und seine Mitstreiter sahen darin eine gezielte Strategie der kommunistischen Führung in Peking, rote Propaganda auch in Hongkong zu betreiben. Zahlreiche andere Initiativen und Gruppen schlossen sich dem Protest an. Gemeinsam mobilisierten sie im Sommer 2012 zu einer Demonstration mit über 100'000 Teilnehmern. Sie gilt als der Beginn der heutigen Demokratie-Bewegung.

Auch jetzt gehört Wong zu den Hauptorganisatoren der Proteste. Als vergangene Woche Gerüchte die Runde machten, die Hongkonger Regierung könnte das Mobilfunknetz ausschalten, rief er dazu auf, den Kurznachrichtendienst FireChat herunterzuladen. Der Vorteil: Im Umkreis von 60 Metern lässt sich auch per Bluetooth miteinander kommunizieren. Hunderttausend folgten seinem Aufruf.

Gratis-Taxifahrt nach Gefängnis

Bei der Demonstration der Studenten sämtlicher Hongkonger Universitäten und Hochschulen am vergangenen Freitag war er einer der insgesamt 76 Festgenommenen. Er hatte mit anderen Studenten versucht, den Hauptsitz der Stadtregierung zu besetzen. Erst am Sonntagabend kam er wieder frei. Seiner Popularität tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Als er sich am Montag nach einer kurzen Dusche zu Hause wieder auf den Weg zur Protestblockade ins Finanzviertel machte, nahm ihn ein Taxifahrer kostenlos mit.

Demonstrationen in Hongkong
16 Bilder
Wieder versammelten sich Tausende in den Strassen Hongkongs
Vater und Sohn hinterlassen eine Nachricht am Demokratie-Bus
Ein Mann ruft pro-chinesische Slogans
Es kam in den letzten 17 Jahren zu einer wachsenden Entfremdung zwischen Peking und den Hongkongern.
Die Wirtschaftsmetropole mit rund sieben Millionen Einwohnern geniesst ein hohes Mass an Autonomie, doch das reicht den Bürgern anscheinend nicht.
Nicht erfüllt hat Peking bislang das Versprechen, dass die Hongkonger ihren Verwaltungschef frei wählen dürfen. Er wird durch eine Kommission bestimmt, die Kritiker als mehrheitlich China-hörig bezeichnen.
Die sozialen Unterschiede in Hongkong wachsen wegen des Zustroms reicher Chinesen.
Korruption lässt das Vertrauen in den einst viel gerühmten öffentlichen Dienst schrumpfen.
In einer Umfrage der renommierten Chinesischen Universität Hongkong sprachen sich nur 31 Prozent für Occupy Central aus, 46 Prozent lehnten die Bewegung ab.
Peking-treue Gruppen berufen sich darauf, die «schweigende Mehrheit» der Bevölkerung zu vertreten.
Hongkongs Wirtschaftselite ist ebenfalls mehrheitlich gegen die Proteste.
Peking fürchtet ein Überschwappen der Demokratiebewegung auf das Festland. Die staatlich kontrollierten Medien berichten entsprechend zurückhaltend.
Die letzte grosse Demokratiebewegung in China wurde 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking blutig niedergeschlagen. Ein solches Ende könnte auch der Hongkonger Occupy-Bewegung blühen.
Die chinesische «Volksbefreiungsarmee» unterhält einen Stützpunkt in der Stadt. In der Nachbarprovinz Guandong ist zudem ein Kontingent der paramilitärischen Polizei stationiert.
China will ein Tiananmen-Szenario verhindern, weil die wirtschaftlichen Folgen für China und Hongkong zu schwerwiegend wären.

Demonstrationen in Hongkong

Keystone