Brexit

Das gespaltene Land – zwischen Trauer und Jubel

Der Tag danach war schlimm für das halbe Land. Die andere Hälfte feierte. Mittendrin: The Sex Pistolst. Was eine alte Punk-Band damit zu tun hat.

Fabian Hock, London
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Fast die Hälfte trauert, die Mehrheit jubelt

Fast die Hälfte trauert, die Mehrheit jubelt

Toby Melville/Reuters/R. Stothard/AP/Key

Am frühen Nachmittag dieses denkwürdigen Freitags, dem Tag nach der Abstimmung über die politische Zukunft Grossbritanniens, sitzt Anne in einem Pub im Londoner Quartier Chelsea und nippt an einem halben Pint Guinness. Frustbewältigung. Schlafen gegangen ist sie, nachdem die Ergebnisse aus Sunderland und Wales hereinkamen. Sie verhiessen nichts Gutes, das wusste Anne sofort. Doch dieses Ergebnis? Der Brexit? Irgendwie kaum vorstellbar.

Und doch ist er Realität. Die Briten stimmten für den Austritt aus der Europäischen Union. «The vote to leave» ist das meistdiskutierte, nein, das einzige Thema auf der Insel am Tag nach der Abstimmung. In den Strassen, den Cafés und den Pubs. Auch im urigen «Queen’s Head», wo sich Anne ihre Enttäuschung auf einer mahagoni-braunen Holzbank sitzend von der Seele redet.

Die Sonnenbrille in die knallrot gefärbten Haare gesteckt, ihre grüne Armeejacke immer mal wieder zurechtzupfend, leiht sich Anne einen Satz von den Sex Pistols aus, um zu beschreiben, was da gestern passiert ist – oder besser: wie sich die «Leave»-Wähler ihrer Meinung nach schon bald fühlen werden. «Ever get the feeling you’ve been conned?», singt
Johnny Rotten – «Jemals das Gefühl gehabt, betrogen worden zu sein?» So, sagt Anne, wird es den Brexit-Wählern bald gehen.

Wenig von dem was Boris Johnson, Nigel Farage und Co. im Abstimmungskampf versprochen hätten, könne je in die Tat umgesetzt werden, sagt sie. Die strikte Kontrolle bei der Migration nicht, denn die EU wird für den Zugang zum Binnenmarkt die Personenfreizügigkeit verlangen – die Verhandlungen mit der Schweiz in Sachen Bilaterale lassen grüssen.

Mehr Entscheidungsgewalt, mehr Geld für die kleinen Leute, all das wird nicht passieren, glaubt sie. Stattdessen habe sich Grossbritannien gleich drei Baustellen geschaffen: In der Beziehung mit der EU, innerhalb des eigenen Königreichs, und die oftmals an Sprengkraft unterschätzte Beziehung zu Irland. All das werde nun akut werden.

Camerons Abgang

Damit fertig werden muss indes eine neue Regierung. Das steht seit gestern Morgen ebenfalls fest. Schon um halb acht Ortszeit drängt eine Menschentraube vor das schwerbewachte Gitter, das den Weg zur Londoner Downing Street versperrt. Am Himmel kreist ein Helikopter. Nur einen wollen sie sehen: David Cameron. Der Premierminister wird jeden Moment durch die Tür seines Amtssitzes mit der berühmten Nummer 10 an die Öffentlichkeit treten. Sein schwerster Gang als Politiker.

Nach seiner kurzen Ansprache ist klar: Von jetzt an ist Cameron Regierungschef auf Abruf. Er hat in der Nacht zuvor nicht nur die wichtigste Abstimmung seines Lebens verloren. Viel mehr als das. Es war die wichtigste Abstimmung in der jüngeren Geschichte des Vereinigten Königreichs. Das Volk hat gegen Cameron entschieden. Anders als dieser will die Mehrheit der Briten kein Teil der EU mehr sein.

Der Premier zieht daraus die Konsequenz – und tritt ab. Eine Übergangszeit gibt er sich noch, doch im Herbst ist Schluss. Den Austritt Grossbritanniens aus der EU zu organisieren, gegen den er monatelang hart gekämpft hatte, das will er nicht. Als Nachfolger wird unter anderem sein Gegner und Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson gehandelt.

Anne hält den Rücktritt für die richtige Entscheidung von Cameron. Ihr alter Freund Mark, der inzwischen dazugestossen ist, sieht das genau so. Anders als sie wählte Mark jedoch den Brexit. Warum? Sicher nicht wegen Nigel Farage und dessen Thesen zur Migration. Damit will er nichts zu tun haben. Mark sagt, was erstaunlich viele an diesem historischen Tag sagen: Er wählte «Leave» wegen der Demokratie.

Wer ist der Souverän?

Um die Demokratie geht es auch Chris. Der Fotograf, 55 Jahre alt, stimmte ebenfalls für «raus». Und gehört damit zu den Siegern. Mark und Chris sind wichtig, um zu verstehen, wie die Briten dieses Ergebnis fertigbrachten. Dafür reicht es nicht, eine Grenze zwischen Stadt und Land zu ziehen. Oder zwischen Arbeitern und Akademikern. Ohne die frustrierten Fischer und die Arbeiterklasse wäre es freilich nicht gegangen, denn sie haben die grosse Masse mitgebracht. Bei vielen ging es um Migration, um Nigel Farages Lockrufe.

Aber es stimmten auch Leute für «Leave», die nicht Existenzängste oder Xenophobie an die Wahlurnen trieben. Chris wählte den Brexit, weil er die EU für ein zutiefst undemokratisches Konstrukt hält. «Bei dem Referendum ging es um die Menschen in Grossbritannien», sagt er. Deren Souveränität sei in der Vergangenheit an die europäischen Institutionen «outgesourced» worden. Mit dem Referendum hätten sich die Briten nun ihre Souveränität wieder zurückgeholt.

Diese Sicht der Dinge teilt auch Tom. Als Londoner Anwalt, Ende 20, ist er eigentlich eine Art Paradebeispiel für den «Remain»-Wähler. Doch Tom stimmte mit «Leave». Warum? Der Wunsch nach Demokratie. Nach Selbstbestimmung.

Ob letztlich die drei Brexiteers Mark, Chris und Tom recht behalten werden, oder Anne guten Gewissens die Sex Pistols anstimmen kann, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Wie aus der Pistole geschossen kommt in jedem Fall schon mal eines – bei Anne genau wie bei Mark: Die Antwort auf die Frage, wer Nachmieter von David Cameron in 10 Downing Street sein wird: «Boris». Boris Johnson, dem konservativen Anführer der «Leave»-Kampagne, werden in der Tat derzeit die besten Chancen zugeschrieben, der nächste Premier Grossbritanniens zu werden. Ob das eine gute Wahl wäre, steht für die Befragten
indes auf einem anderen Blatt.